Grönlandhai - Somniosus microcephalus

Der Grönlandhai Somniosus microcephalus ist ein massiger, langsam wirkender Schlafhai der kalten Nordmeere. Sein Körper ist zylindrisch und kräftig, der Kopf kurz und rundlich, die Augen klein und die beiden Rückenflossen auffallend niedrig. Taxonomisch führt WoRMS die Art innerhalb der Selachii, der Überordnung Squalomorphi, der Ordnung Squaliformes, der Familie Somniosidae und der Gattung Somniosus.

Das Florida Museum beschreibt den Grönlandhai als einen der größten Haie kalter Gewässer. Die Oberseite ist meist grau bis braun, teils mit schwachen Flecken oder Bändern; die Unterseite bleibt heller. Auffällig sind die sehr kleinen Rückenflossen ohne Flossenstachel und die kräftige Schwanzflosse.

Erkennungsmerkmale

  • Sehr schwerer, zylindrischer Körper mit kurzer, rundlicher Schnauze.
  • Kleine Augen; häufig sitzen Ruderfußkrebse an oder nahe der Hornhaut.
  • Zwei kleine, weit hinten liegende Rückenflossen; eine Afterflosse fehlt.
  • Oberkiefer mit kleinen, eher spitzen Zähnen; Unterkiefer mit breiteren, schneidenden Zähnen.
  • Große Tiere können über fünf Meter erreichen; die Art wächst extrem langsam.

Die Kombination aus massigem Körper, niedrigen Rückenflossen, winzigen Augen und kaltem Lebensraum macht die Art vergleichsweise gut erkennbar. In Teilen des Nordpazifiks gibt es ähnliche Schlafhaie, im Nordatlantik und in der Arktis ist der Grönlandhai jedoch die zentrale Art.

Der Grönlandhai lebt vor allem im Arktischer Ozean und im nördlichen Atlantischer Ozean. Zum Kerngebiet gehören die Gewässer um Grönland, Kanada, Island, Norwegen und die Färöer Inseln; dokumentierte Vorkommen reichen außerdem in Richtung Dänemark, Vereinigtes Königreich, USA und in Randbereiche wie die Nordsee.

Grönlandhai Somniosus microcephalus Karte Verbreitung
Chris_huh, CC BY-SA 3.0 / GFDL, via Wikimedia Commons; converted to WebP

FishBase fasst die Art als boreal bis arktisch verbreiteten, großen Hai kalter Meere zusammen. Die Verbreitung wirkt auf Karten sehr weit, ist aber praktisch stark an kalte, tiefe oder saisonal kühle Wassermassen gebunden.

Tiefe, Temperatur und Lebensraum

Der Grönlandhai nutzt Küstennähe, Fjorde, Kontinentalhänge und tiefe Becken. Das Artprofil nennt 0 bis 3000 m Tiefe; in der Praxis können Tiere sowohl in relativ flachem arktischem Wasser als auch in mehreren Hundert Metern Tiefe erscheinen. In südlicheren Teilen des Verbreitungsgebiets bleiben sie eher tiefer und kühler.

Für Taucherinnen und Taucher ist die Art deshalb nur sehr selten planbar. Begegnungen in flacheren Fjorden oder unter Eisbedingungen sind außergewöhnlich; die meisten Nachweise stammen aus Forschung, Fischerei, Kamerasystemen oder Beifangdaten.

MacNeil et al. 2012 beschreibt den Grönlandhai als wichtigen, aber lange schlecht untersuchten Kaltwasserhai des Nordatlantiks und der Arktis. Er ist ein langsamer Schwimmer, aber kein einfacher Aasfresser: Mageninhalte und Beobachtungen zeigen eine Mischung aus aktiver Jagd, Opportunismus und Nutzung von Kadavern.

Nahrung und Verhalten

Zur Nahrung gehören Fische wie Heilbutt, Dorsch, Rotbarsch und andere Tiefen- oder Bodenfische, außerdem Robben, Tintenfische, Krebse und Aas. Der Hai schwimmt langsam, kann aber in kaltem Wasser lange ausdauernd suchen. Die kleinen Augen und häufigen Parasiten bedeuten nicht, dass er hilflos ist; Geruch, Seitenlinie und kurze Gelegenheitsangriffe spielen vermutlich eine große Rolle.

Berühmt wurde die Art vor allem durch ihre Langlebigkeit. Nielsen et al. 2016 nutzte Radiokarbon in Augenlinsen und schätzte für große Weibchen ein Alter von mehreren Jahrhunderten. Das im Artprofil gespeicherte Alter von 392 Jahren steht genau für diese außergewöhnliche Größenordnung.

Fortpflanzung

Über die Fortpflanzung ist deutlich weniger bekannt als über Größe und Alter. Grönlandhaie sind lebendgebärend; Jungtiere entwickeln sich im Muttertier und werden voll ausgebildet geboren. Die Reife dürfte sehr spät eintreten, weil Wachstum und Lebenszyklus extrem langsam sind.

Diese Lebensgeschichte macht die Art empfindlich gegenüber zusätzlicher Sterblichkeit. Selbst wenn einzelne Tiere sehr alt werden, können Bestände nur langsam reagieren, wenn erwachsene Weibchen regelmäßig als Beifang sterben.

Die IUCN Red List stuft den Grönlandhai weltweit als gefährdet ein. Entscheidend sind nicht spektakuläre Einzelereignisse, sondern eine Kombination aus historischer Nutzung, heutigem Beifang, sehr langsamer Lebensgeschichte und großen Wissenslücken.

Der kanadische COSEWIC Bericht ordnet die Art als großen Schlafhai polarer Gewässer ein und betont, dass Beifangdaten, Populationsgröße und Erholungsfähigkeit weiterhin unsicher bleiben. Gerade bei einem Tier mit möglichem Lebensalter von Jahrhunderten sind kurze Zeitreihen schwer zu deuten.

Hauptgefährdungen

  • Beifang in Grundlangleinen, Netzen und anderen Fischereien auf Heilbutt, Dorsch und Tiefseefische.
  • Historische Nutzung für Leberöl und regionale Nahrungsmittel.
  • Sehr spätes Wachstum und vermutlich späte Geschlechtsreife.
  • Klimawandel und veränderte arktische Nahrungsnetze mit noch unklaren Folgen.
  • Datenlücken, weil viele Nachweise aus Beifang oder Einzelfunden stammen.

Wirksamer Schutz braucht deshalb nicht nur Fangregeln, sondern bessere Meldepflichten, Artbestimmung im Beifang, möglichst schonende Freisetzung lebender Tiere und langfristige arktische Monitoringprogramme. Beim Grönlandhai zählt besonders, erwachsene Tiere nicht unnötig aus dem Bestand zu entfernen.

Für Menschen ist der Grönlandhai im Wasser normalerweise keine realistische Gefahr. Er lebt kalt, tief und langsam, weit entfernt von den meisten Bade- und Tauchplätzen. Begegnungen sind selten, und die Art wird eher durch menschliche Fischerei gefährdet als umgekehrt.

Animal Diversity Web beschreibt den Grönlandhai als großen, trägen Hai kalter Gewässer. Die kulturell bekannteste Mensch-Beziehung ist nicht Tauchtourismus, sondern die Verarbeitung des sonst giftigen Fleisches: Frisches Fleisch enthält hohe Mengen Trimethylaminoxid und kann ohne spezielle Fermentation oder Trocknung gesundheitlich problematisch sein.

Beobachtung und Umgang

  • Tiere nicht bedrängen, ziehen oder mit Kameras und Lampen direkt vor dem Kopf blockieren.
  • Bei Forschung oder Fischerei Maul, Schwanz und Körperkraft trotz langsamer Bewegung ernst nehmen.
  • Lebende Beifangtiere möglichst schnell, kühl und schonend zurücksetzen.
  • Sichtungen mit Ort, Tiefe, Temperatur, Foto oder Video dokumentieren, ohne das Tier zu berühren.

Shark-References führt die Art unter Somniosus microcephalus und zeigt, wie stark Forschung, Fischerei und Taxonomie hier zusammengehören. Für Haitauchen ist der Grönlandhai vor allem ein Symbol dafür, dass einige der eindrucksvollsten Haie nicht an bunten Riffen leben, sondern in kalten, dunklen und schwer zugänglichen Meeresräumen.

Steckbrief

  • Erstbeschreibung:(Bloch & Schneider, 1801)
  • Max. Größe:5,50m
  • Tiefe:0 - 3000m
  • Max. Alter:392 Jahre
  • Max. Gewicht:kg
  • Wassertyp:Salzwasser, Brackwasser
  • IUCN Status:Gefährdet

Systematik

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