Schokoladenhai - Dalatias licha

Der Schokoladenhai Dalatias licha ist ein mittelgroßer, kräftig gebauter Tiefseehai. Ausgewachsene Tiere werden meist etwa 1,2 Meter lang; als gesicherter Maximalwert werden bis zu 1,82 Meter genannt. Die Färbung reicht von dunkelbraun über graubraun bis fast schwarz. Bauch und Flanken sind kaum kontrastiert, die hinteren Flossenränder können heller oder durchscheinend wirken.

Der Shark Research Institute beschreibt einen zylindrischen Körper, eine kurze stumpfe Schnauze, große Augen und auffallend dicke, gefranste Lippen. Die beiden Rückenflossen tragen trotz der Zugehörigkeit zu den Dornhaiartigen keine Stacheln. Die zweite Rückenflosse ist etwas größer als die erste; eine Afterflosse fehlt vollständig.

Zähne zum Greifen und Schneiden

Ober- und Unterkiefer erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Oben sitzen schmale, nach hinten gerichtete Zähne, die Beute festhalten. Die deutlich größeren Unterkieferzähne sind dreieckig, gesägt und zu einer fast durchgehenden Schneidkante verzahnt. Diese Kombination eignet sich zum Zerteilen von Fischen und Kopffüßern und kann auch größere Fleischstücke aus Beutetieren herausschneiden.

  • Fünf kurze Kiemenspalten pro Seite, die fünfte liegt über dem Ansatz der Brustflosse.
  • Kurze, abgerundete Brustflossen und zwei kleine, stachellose Rückenflossen.
  • Keine Afterflosse und nur ein schwach entwickelter unterer Schwanzflossenlappen.
  • Große, ölreiche Leber als wichtiger Beitrag zum Auftrieb in der Tiefe.
  • Dunkle Haut mit sehr kleinen Leuchtorganen zwischen den Placoidschuppen.

Das größte bekannte leuchtende Wirbeltier

Eine Frontiers-Studie zur Biolumineszenz wies bei Schokoladenhaien aus Neuseeland erstmals experimentell eine blaue Eigenleuchtkraft nach. Tausende winzige Photophoren sitzen besonders dicht an der Bauchseite; auch Flanken, Rücken und beide Rückenflossen können schwach leuchten. Mit bis zu 1,82 Metern Körperlänge gilt Dalatias licha damit als größtes bislang bekanntes biolumineszentes Wirbeltier.

Die Photophoren bestehen jeweils aus einer einzelnen lichtbildenden Zelle, pigmentierten Hüllzellen und linsenartigen Zellen. Ihre Aktivität wird hormonell gesteuert. Als wahrscheinlichste Funktion diskutiert die Studie eine Gegenbeleuchtung: Das Licht könnte die Silhouette des Hais im Restlicht der Dämmerzone tarnen und ihm helfen, sich Beute unauffällig zu nähern. Direkte Verhaltensbeobachtungen unter natürlichen Bedingungen fehlen dafür aber noch.

FishBase beschreibt den Schokoladenhai als nahezu weltweit, aber lückenhaft verbreitete Tiefseeart. Nachweise liegen aus dem Atlantik, dem Indischen Ozean, dem Pazifik und dem Mittelmeer vor. Das Areal besteht aus getrennten regionalen Vorkommen und bedeutet nicht, dass die Art zwischen diesen Gebieten überall häufig ist.

Schokoladenhai Dalatias licha Karte Verbreitung
Chris_huh, aktualisiert von Yzx, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons; nach Compagno et al. (2005) sowie Soto & Mincarone (2001), in WebP konvertiert

Im Westatlantik reicht das bekannte Vorkommen von der Georges Bank und Florida bis zum nördlichen Golf von Mexiko und zu den Bahamas. Im Ostatlantik wird die Art von nordeuropäischen Gewässern über die Azoren, Madeira und Westafrika bis vor Südafrika gemeldet. Weitere Bestände leben im südwestlichen Indischen Ozean sowie im westlichen und zentralen Pazifik, unter anderem vor Japan, Australien, Neuseeland und Hawaii.

Außenschelf, Kontinentalhang und Tiefseerücken

Schokoladenhaie leben bathydemersal bis benthopelagisch: meist nahe am Meeresboden, aber nicht dauerhaft direkt darauf. Typisch sind der äußere Kontinentalschelf, Inselhänge, obere Kontinentalhänge, Tiefseerücken und Seamounts in warm-gemäßigten bis tropischen Meeren. Der dokumentierte Tiefenrahmen reicht von 37 bis 1.800 Metern; besonders häufig wird die Art zwischen etwa 200 und 600 Metern genannt.

Der FAO-Bestimmungsführer für Tiefsee-Knorpelfische für den Indischen Ozean bezeichnet Dalatias licha als verbreitet, aber nur unregelmäßig auftretend. Genau diese Kombination erschwert Bestandsaussagen: Fangdaten aus einer Region können ein lokales Vorkommen beschreiben, sagen aber wenig über andere weit entfernte Teilbestände aus.

Bewegungen durch mehrere Hundert Meter Wassersäule

Elektronische Markierungen zeigen, dass die Art nicht an einer festen Tiefe verharrt. Ein im südlichen Indischen Ozean verfolgtes Tier nutzte während 140 Tagen Tiefen zwischen 211 und 939 Metern und legte innerhalb eines Tages vertikale Strecken von bis zu 590 Metern zurück. Andere markierte Tiere blieben nahe am Fanggebiet oder bewegten sich über mehrere Hundert Kilometer. Für ein allgemeines Wanderungsmodell reichen die bisher wenigen Tags noch nicht.

Der große, fragmentierte Verbreitungsrahmen lässt sich nur zusammen mit regionalen Daten sinnvoll interpretieren. Ein Nachweis im Nordostatlantik belegt weder einen Austausch mit Tieren im Indopazifik noch eine überall gleich hohe Bestandsdichte. Für Schutz und Fischereimanagement bleiben regionale Fangreihen, Altersstruktur und Geschlechterverteilung entscheidend.

Der Schokoladenhai Dalatias licha ist ein einzelgängerischer Räuber und Aasnutzer der Tiefsee. Seine große ölreiche Leber erzeugt Auftrieb, sodass er mit geringem Energieaufwand über dem Boden schweben kann. Gemessene Dauergeschwindigkeiten sind niedrig; die kräftige Muskulatur und die Beute im Magen sprechen aber dafür, dass kurze, schnelle Angriffe möglich sind.

Fische, Haie und Wirbellose als Beute

Eine Mediterrane Biologie- und Ernährungsstudie untersuchte 78 Tiere aus dem Ligurischen Meer. In den Mägen dominierten Knochenfische, besonders Grenadierfische, sowie kleinere Haie wie Fleckhaie und Laternenhaie. Hinzu kamen Kopffüßer und Krebstiere. Die breite Nahrung passt zu den spezialisierten Kiefern: Der Hai kann kleinere Beute ganz schlucken, festhalten und zerschneiden oder Fleisch aus größeren Tieren lösen.

Die Studie fand außerdem Parasiten und einzelne Kunststoffteile im Verdauungstrakt. Daraus folgt nicht, dass Plastik einen großen Anteil der normalen Nahrung bildet. Der Befund zeigt vielmehr, dass selbst Räuber in mehreren Hundert Metern Tiefe mit menschlichem Abfall in Kontakt kommen.

Lebendgeburt ohne Plazenta

Nach der Zusammenfassung im Animal Diversity Web ist die Art aplazental lebendgebärend. Die Embryonen entwickeln sich im Muttertier und werden über ihren Dottersack ernährt. Ein Wurf umfasst meist 10 bis 16 Jungtiere, die bei der Geburt ungefähr 30 Zentimeter lang sind. Eine Betreuung nach der Geburt ist nicht bekannt.

Schokoladenhaie wachsen langsam und werden vergleichsweise spät geschlechtsreif. Reifelängen unterscheiden sich deutlich zwischen Geschlechtern und Regionen. Mediterrane Untersuchungen fanden kleinere reife Männchen als Studien aus dem Atlantik oder Indischen Ozean. Das kann auf regionale Wachstumsbedingungen und eine räumliche Trennung nach Größe und Geschlecht hinweisen; ein einheitlicher globaler Schwellenwert wäre deshalb irreführend.

Die geschätzte Generationslänge liegt bei rund 29 Jahren. Sie ist nicht mit einem sicheren Maximalalter gleichzusetzen, verdeutlicht aber das langsame Tempo des Lebenszyklus. Verluste großer, fortpflanzungsfähiger Tiere lassen sich daher nicht in wenigen Jahren ausgleichen.

Die IUCN Red List führt den Schokoladenhai Dalatias licha global als gefährdet (Vulnerable). Für europäische Gewässer und das Mittelmeer fällt die regionale Bewertung mit stark gefährdet (Endangered) noch ernster aus. Die weite Verbreitung schützt die Art nicht automatisch, weil regionale Teilbestände unterschiedlich stark befischt und nur langsam wieder aufgebaut werden.

Beifang und historische Ziel-Fischerei

Schokoladenhaie geraten in Tiefsee-Langleinen, Grundschleppnetze, Kiemennetze und andere bodennahe Fischereien. Regional wurden sie außerdem gezielt wegen ihres Fleisches, ihrer Haut und besonders der squalenreichen Leber gefangen. Langsames Wachstum, späte Reife und kleine bis mäßige Würfe begrenzen die Fähigkeit der Bestände, hohe Entnahmen auszugleichen.

Eine offene Bestandsstudie von den Azoren rekonstruierte die intensive Nutzung seit den 1970er-Jahren. Nach dem Ende der industriellen Fischerei zeigte der Bestand zwar Anzeichen einer Erholung, doch die modellierte Biomasse lag weiterhin nur bei ungefähr 56 Prozent des für einen nachhaltigen Bestand erwarteten Werts. Das ist eine regionale Azoren-Schätzung und darf nicht als globaler Populationswert gelesen werden.

Viele Tiere sterben noch vor einer möglichen Freilassung

Eine Studie aus dem südlichen Indischen Ozean meldet für eine kommerzielle Langleinenfischerei 90,7 Prozent Mortalität bereits am Fangschiff. Drei Tiere, die in gutem Zustand markiert und freigelassen wurden, lieferten dagegen Signale für ein Überleben nach der Freilassung. Das zeigt: Schonendes Zurücksetzen kann einzelnen fitten Haien helfen, erreicht aber nur die Tiere, die Fang und Einholen überhaupt lebend überstehen.

  • Beifang vermeiden, statt Schutz allein auf die Freilassung an Deck zu verlagern.
  • Fänge artgenau dokumentieren und nicht unter Sammelbezeichnungen für Tiefseehaie führen.
  • Fangtiefe, Einholdauer, Hakentyp und Handhabung als mögliche Stellschrauben testen.
  • Regionale Bestände getrennt bewerten, weil ein global großes Areal lokale Einbrüche verdecken kann.
  • Große Weibchen und andere fortpflanzungsfähige Tiere besonders vorsorglich behandeln.

Der entscheidende Schutzbedarf liegt damit in der Fischerei: bessere Daten, weniger Begegnungen mit Fanggerät und Verfahren, die die Überlebenschance vor und nach dem Einholen erhöhen. Für eine datenarme Tiefseeart ist ein vorsorglicher Ansatz belastbarer als die Annahme, ihr großes Areal gleiche Verluste automatisch aus.

Für Schwimmer und Sporttaucher stellt der Schokoladenhai keine bekannte Gefahr dar. Die Art lebt meist in mehreren Hundert Metern Tiefe und begegnet Menschen daher fast ausschließlich als Fischereifang, in wissenschaftlichen Proben, auf Tiefseekameras oder bei seltenen Beobachtungen durch Tauchboote und ferngesteuerte Fahrzeuge.

Das Florida Museum bewertet Dalatias licha wegen seiner Lebensweise und Körpergröße als für Menschen ungefährlich. Das bedeutet nicht, dass ein gefangenes Tier angefasst oder unterschätzt werden sollte: Die großen gesägten Unterkieferzähne können bei Abwehrbewegungen schwere Verletzungen verursachen. An Bord gehören Abstand, geeignetes Werkzeug und kurze, schonende Handhabung deshalb zum Arbeitsschutz und zum Tierschutz.

Nutzung von Leber, Fleisch und Haut

Historisch war vor allem die große, ölreiche Leber wirtschaftlich wertvoll. Das enthaltene Squalen wurde unter anderem technisch, pharmazeutisch und kosmetisch genutzt. Je nach Region wurden auch Fleisch und Fischmehl vermarktet; die raue Haut diente als Chagrin beziehungsweise Schleifmaterial. Heute ist der Schokoladenhai vielerorts eher Beifang als Zielart, doch die frühere Nutzung erklärt einige starke regionale Rückgänge.

Schokoladenhai ist nicht Dunkler Hai

Der englische Name Black Shark wird gelegentlich wörtlich als Dunkler Hai wiedergegeben. Das führt im Deutschen leicht zu einer Verwechslung mit dem Dunklen Hai Carcharhinus obscurus, einem großen Requiemhai aus flacheren und offenen Meeresbereichen. Für Dalatias licha ist Schokoladenhai die klarere deutsche Bezeichnung; Kitefin Shark ist der gebräuchliche englische Name.

Beobachten ohne Tiefsee-Versprechen

  • Normale Sporttauchgänge liegen fast immer oberhalb des typischen Lebensraums.
  • Tiefseeaufnahmen und wissenschaftliche Sichtungen sind wertvoller als Lockversuche oder Fang für ein Foto.
  • Bei einer seltenen Sichtung Abstand halten, nicht anfassen und den Rückweg in die Tiefe freilassen.
  • Fotos mit Ort, Tiefe, Datum und Methode dokumentieren, weil überprüfbare Nachweise für diese Art selten sind.

Für Haitauchen erweitert der Schokoladenhai den Blick über bekannte Riff- und Hochseehaie hinaus. Seine Biolumineszenz, die langsame Lebensgeschichte und die extreme Tiefe machen ihn faszinierend – aber nicht zu einer planbaren Tauchart. Verantwortungsvolle Vermittlung erklärt diese Distanz, statt Begegnungen zu versprechen, die biologisch kaum realistisch sind.

Steckbrief

  • Erstbeschreibung:(Bonnaterre, 1788)
  • Max. Größe:1,82m
  • Tiefe:37 - 1m
  • Max. Alter:29 Jahre
  • Max. Gewicht:kg
  • Wassertyp:Salzwasser
  • IUCN Status:Gefährdet

Systematik

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