Große Weiße Haie erobern den Norden: Mehr Sichtungen vor Neuengland und Kanada

Große Weiße Haie tauchen zunehmend vor den Küsten Neuenglands und Kanadas auf. Dank strenger Schutzgesetze und robuster Robbenbestände wagen sich die Räuber weiter nach Norden.

Ronny K28. August 2025
Carcharodon carcharias weißer hai

Einst waren Begegnungen mit dem Großen Weißen Hai in den kühlen Gewässern Neuenglands und Atlantik-Kanadas absolute Ausnahme – doch das ändert sich gerade. Fast 50 Jahre nach dem Filmklassiker „Der weiße Hai“ kehrt der berüchtigte Raubfisch in die Schlagzeilen zurück: Immer häufiger werden Große Weiße Haie an Küsten wie Maine oder Nova Scotia gesichtet. Für Fischer, Badegäste und Surfer vor Ort bedeutet das, sich plötzlich mit einem neuen Nachbarn im Meer arrangieren zu müssen.

Erst kürzlich erlebte der Fischer Rick Clough sein blaues Wunder: Nach rund 40 Jahren auf Hummer- und Seeigel-Fang vor der Küste von Maine bekam er im Juli erstmals einen der legendären Spitzenprädatoren zu Gesicht. Vor der Hafenstadt Scarborough zog ein etwa 2,4 Meter langer Weißer Hai unter seinem Boot vorbei – eine Premiere, die selbst den erfahrenen Küstenfischer staunen ließ. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt noch nach Seeigeln tauchen möchte“, gab Clough zu.

Cloughs Sichtung ist kein Einzelfall mehr. Anfang August filmte der Muschelfischer David Lancaster vor Scarborough per Drohne einen rund 3,6 Meter langen Weißen Hai direkt vor den beliebten Stränden seines Heimatortes. „Beeindruckend und wirklich unglaublich anzusehen“, berichtet er begeistert – doch der Anblick habe ihm auch vor Augen geführt, dass Schwimmer nun besser aufpassen müssten.

Räuber folgen den Robben in kühlere Gewässer

Warum treten Weiße Haie nun vermehrt in nördlichen Regionen auf? Wissenschaftler führen den Trend vor allem auf ein Überangebot an Beutetieren zurück: Dank strenger Schutzgesetze hat sich die Robbenpopulation vor Neuengland und Ostkanada in den letzten Jahrzehnten stark erholt – und lockt nun ihre natürlichen Feinde, die Haie, an. „Es könnte schlicht an einem wachsenden Nahrungsangebot liegen, und das wären Robben“, erklärt der Haiforscher Greg Skomal. Auch der Klimawandel könnte eine Rolle spielen, da durch steigende Wassertemperaturen neue Jagdgebiete für die Tiere zugänglich werden – doch das Hauptmotiv ist die Robbenjagd.

From Maine to Canada, great white sharks are showing up where they rarely used to. Here’s what’s pulling them north. pic.twitter.com/tSX2X9VoXT

— Yahoo News (@YahooNews) August 25, 2025

Tatsächlich belegen Studien, dass die Räuber ihr Verbreitungsgebiet immer weiter nach Norden ausweiten. Vor Cape Cod in Massachusetts wurden Große Weiße schon länger regelmäßig gesichtet, doch mittlerweile tauchen sie auch vor New Hampshire, Maine und bis hinauf nach Atlantik-Kanada auf. In einer aktuellen Untersuchung stieg die Zahl Weißer Haie vor Halifax (Nova Scotia) zwischen 2018 und 2022 um das 2,5-Fache; im Cabot-Sund zwischen Nova Scotia und Neufundland gab es fast viermal so viele Nachweise wie noch wenige Jahre zuvor. Zudem verbringen die markierten Tiere im Durchschnitt immer mehr Zeit in den nördlichen Gewässern – statt rund 48 Tagen bleiben sie nun etwa 70 Tage pro Saison im hohen Norden, wie Skomal berichtet. All das deutet darauf hin, dass sich die Weißen Haie in kühleren Gefilden zunehmend wohlfühlen.

Schutzmaßnahmen und seltene Angriffe

Nicht nur Robben, auch die Haie selbst stehen längst unter Schutz. In den USA gilt seit 1997 ein Fangverbot für Weiße Haie in Bundesgewässern. Trotzdem hatten einige Fischer zuletzt versucht, gezielt auf die Meeresräuber zu gehen – Massachusetts reagierte 2024 mit einem Verbot bestimmter schwerer Angelgeräte in Uferzonen, wo sich die Tiere bevorzugt aufhalten. Diese Maßnahmen dienen dem Artenschutz, denn der Große Weiße Hai gilt trotz lokaler Bestandszunahmen weiterhin als „verletzlich“ (gefährdet) auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN). „Wir glauben, dass es keine sichere Praxis ist, vom Strand aus auf Weiße Haie zu angeln – nicht nur weil der Hai dabei sterben könnte, sondern auch aus Gründen der öffentlichen Sicherheit“, mahnt Skomal.

Für den Menschen aber geht von dem gefürchteten Meeresjäger weit weniger Gefahr aus, als Hollywood uns einst weismachen wollte. Weltweit sind in der gesamten dokumentierten Geschichte weniger als 60 Todesfälle durch Angriffe Großer Weißer Haie bekannt. Selbst an der nordamerikanischen Ostküste, wo Mensch und Raubfisch nun enger zusammentreffen, bleiben schwere Zwischenfälle die absolute Ausnahme. In Maine wurde der erste tödliche Haiangriff überhaupt im Juli 2020 registriert, als eine 63-jährige Schwimmerin vor Bailey Island von einem Weißen Hai getötet wurde. „Es handelt sich um ein ausgesprochen seltenes Ereignis“, betont Ashleigh Novak, Projektkoordinatorin beim Atlantic White Shark Conservancy. Wichtig sei dennoch, Aufklärungsarbeit zu leisten, „um das Verhalten der Menschen anzupassen und negative Begegnungen zwischen Mensch und Hai so gut wie möglich zu verhindern“.

Wachsame Gelassenheit an der Küste

Die wachsende Haipräsenz löst an den Stränden Neuenglands neben Faszination auch Unbehagen aus, doch Experten raten zu besonnener Vorsicht statt Panik. In den Sommermonaten erzielen Hai-Sichtungen in sozialen Medien stets große Aufmerksamkeit. Eine Smartphone-App namens „Sharktivity“ hilft dabei, gemeldete Sichtungen Weißer Haie in Neuengland in Echtzeit zu erfassen und Badegäste zu warnen. Die Behörden informieren zudem über einfache Verhaltensregeln, um das ohnehin extrem geringe Restrisiko weiter zu minimieren: Schwimmer sollten möglichst in Ufernähe und in Gruppen bleiben, spritziges Planschen vermeiden und weder in der Nähe von Robben noch zu Dämmerungszeiten ins Wasser gehen. Hält man sich an diese Empfehlungen, so bleibt das Risiko einer unliebsamen Begegnung mit „dem Weißen Hai“ verschwindend gering.

„Es ist verrückt, dass sie jetzt hier sind … man hat es im Hinterkopf, aber man muss es akzeptieren“, meint Fischer und Surfer David Lancaster aus Maine.

Erwähnte Arten

Weißer hai carcharodon carcharias im blauwasser

Weißer Hai

Quellen

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