Haie tauchen nicht nur als Flossen, Fleisch oder Souvenirs im Handel auf. In Thailand wachsen inzwischen auch Haifisch-Snacks für Hunde und Katzen: getrockneter Hai, Haiknorpel und Kauartikel, die als hochwertig, natürlich oder gut für Zähne, Knochen und Gelenke beworben werden. Genau dieser Markt steht nun im Fokus eines neuen Berichts von WildAid und Ocean Blue Tree.
Der WildAid-Beitrag fasst eine Untersuchung zusammen, die DNA-Barcoding, Schadstoffanalysen, Online-Marktforschung sowie Umfragen unter Tierhalterinnen, Tierhaltern und Verkäufern kombiniert. Die Arbeit basiert auf Befunden, die in Biological Conservation veröffentlicht wurden. Für den Haischutz ist das unbequem, weil ein scheinbar harmloser Haustiertrend gleich mehrere Probleme bündelt: bedrohte Arten, fehlende Rückverfolgbarkeit und mögliche Risiken für die Tiere, denen die Snacks eigentlich guttun sollen.
Ein wachsender Markt auf großen Plattformen
Zwischen 2023 und 2025 beobachteten WildAid und Forschende der King Mongkut’s Institute of Technology Ladkrabang fünf wichtige thailändische E-Commerce-Plattformen: Facebook, Lazada, LINE Shop, Shopee und TikTok Shop. Dabei fanden sie mehr als 140 Online-Anbieter und über zehn verschiedene Typen von haibasierten Leckerli für Hunde und Katzen.
Die Produkte werden nicht versteckt, sondern oft ausdrücklich als Hai vermarktet. Gerade das macht den Fall anders als frühere Studien zu Haianteilen in Tierfutter, bei denen Haie häufig hinter allgemeinen Begriffen wie Fisch oder Meeresfisch verschwanden. In Thailand wird der Hai hier teilweise zum Premiumversprechen: viel Protein, viel Calcium, angeblich natürlich und gut für Zähne oder Gelenke.
Für viele Tierhalterinnen und Tierhalter klingt das plausibel. In einer Umfrage mit 419 Befragten hatten 80 Prozent bereits von Dental-Snacks mit Haibestandteilen gehört, und 71 Prozent zeigten Interesse am Kauf. Als wichtigste Gründe nannten sie vermeintlich nützliche Nährstoffe, Empfehlungen anderer Personen oder den Wunsch, dem eigenen Tier etwas Gutes zu tun.
DNA zeigt, welche Arten im Snack landen
Die Forschenden analysierten 150 Haiknorpel-Proben und 60 ganze getrocknete Haie aus Online-Shops und stationären Geschäften. Bei den Knorpelproben ließen sich 91 Prozent bis auf Artebene bestimmen. Insgesamt erschienen acht Haiarten in den Proben.
Am häufigsten waren Braungebänderte Bambushaie (Chiloscyllium punctatum) und Carcharhinus coatesi, jeweils mit 31,6 Prozent der bestimmbaren Knorpelproben. Danach folgte der Fleckzahnhai (Carcharhinus sorrah) mit 27,2 Prozent. Fünf der acht identifizierten Arten gelten nach der thailändischen Roten Liste als gefährdet.
Bei den 60 ganzen getrockneten Haien war das Bild noch eindeutiger: Alle Proben gehörten zu Scoliodon macrorhynchos, einer Art, die auf der IUCN-Liste als potenziell gefährdet geführt wird, in Thailand als gefährdet gilt und unter CITES Anhang II reguliert ist. Insgesamt stammten 67,7 Prozent der untersuchten Produkte von Arten, deren internationaler Handel unter CITES-Kontrollen fällt.
Trotzdem trug kein untersuchtes Produkt eine artspezifische Kennzeichnung. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bleibt damit unklar, welche Art gekauft wird, ob sie bedroht ist und ob Fang, Export oder Weiterverkauf sauber dokumentiert wurden. Für Behörden und Plattformen erschwert genau diese Lücke die Kontrolle.
Nicht nur ein Artenschutzproblem
WildAid betont, dass die Produkte auch aus Sicht der Tiergesundheit heikel sein können. In Tests von 50 Knorpel- und 12 Ganzhai-Proben wurden Arsen und Quecksilber in allen ganzen getrockneten Hai-Proben gefunden. Bei der Hälfte dieser Proben lagen die Arsenwerte über dem Maximum Tolerable Level der US-amerikanischen Food and Drug Administration.
Zusätzlich wurden Calcium- und Natriumwerte untersucht. Haiknorpel enthielt Calciumkonzentrationen oberhalb des maximalen ernährungsphysiologischen Grenzwerts für Trockenfutter für Hunde. Kurzfristig muss das nicht sofort gefährlich sein, bietet aber auch keinen belegten Zusatznutzen und kann bei längerer, übermäßiger Aufnahme Probleme wie Hyperkalzämie oder Nieren- und Blasensteine begünstigen.
Noch deutlicher war der Hinweis beim Natrium: Die Werte lagen etwa viermal über dem empfohlenen Niveau für Trockenfutter von Hunden und Katzen. Für Tiere mit Nierenproblemen, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen kann eine regelmäßige Aufnahme solcher stark salzhaltigen Snacks besonders ungünstig sein.
Information könnte Nachfrage verschieben
Die Umfragen zeigen zugleich, dass der Markt nicht unveränderlich ist. 86,5 Prozent der befragten Tierhalterinnen und Tierhalter sagten, mögliche negative Gesundheitsfolgen würden sie vom Kauf abhalten. Auch Schadstoffe, fehlende klare Vorteile und die Erkenntnis, dass tatsächlich Haie genutzt werden, wirkten als starke Gegenargumente.
Bei den Verkäufern zeigte sich ebenfalls eine Wissenslücke. Viele hatten die Produkte durch Handelsvertreter kennengelernt, waren unsicher über die Herkunft der Haie oder hielten die Teile für Nebenprodukte der Flossenindustrie. Die Hälfte hatte noch nie von CITES gehört, und nur ein kleiner Teil konnte die Bedeutung der Handelsregeln erklären.
WildAid und Ocean Blue Tree reagieren darauf mit der Kampagne #TreatOrThreat. Sie soll Tierhalter, Handel, Veterinärbereich, Plattformen und Behörden erreichen. Der Ansatz ist pragmatisch: bessere Information, artspezifische Kennzeichnung, stärkere Rückverfolgbarkeit und Alternativen, die nicht auf gefährdete oder schwer kontrollierbare Haiarten setzen.
Warum das auch Taucherinnen und Taucher betrifft
Für ein Tauchpublikum wirkt der Fall auf den ersten Blick weit weg vom Riff. Es geht nicht um eine Sichtung, nicht um einen Tauchplatz und nicht um einen klassischen Konflikt mit Fischerei am Strand. Genau darin liegt aber die Bedeutung: Der Druck auf Haie entsteht oft in Lieferketten, die kaum sichtbar sind und erst über DNA-Tests, Handelsdaten oder Produktanalysen greifbar werden.
Ein getrockneter Haustier-Snack kann denselben Artenschutzfragen ausgesetzt sein wie Haifleisch, Flossen oder Knorpelpulver: Welche Art ist es? Woher kommt sie? Ist der Handel erlaubt? Wurde sie als Beifang genutzt, gezielt gefangen oder über eine unklare Kette weiterverkauft? Ohne Antworten bleibt die Nachfrage anonym, auch wenn das Produkt vorne auf der Packung mit Hai wirbt.
Der Bericht aus Thailand macht deshalb eine einfache Lehre sichtbar: Haischutz endet nicht bei Schutzgebieten und Fangverboten. Er reicht bis in Online-Shops, Tierarztpraxen, Produktetiketten und Kaufentscheidungen. Wer Haie lebend im Meer erleben will, sollte auch dort hinsehen, wo sie als angeblich nützlicher Zusatz in alltäglichen Konsumprodukten landen.

