Vor Ostsizilien ist ein extrem seltener Sägerücken-Engelhai (Squatina aculeata) unbeabsichtigt in einem Trammelnetz gelandet. Der Fund ist traurig, aber wissenschaftlich wertvoll: Eine neue Open-Access-Studie in Marine Biodiversity kombiniert Morphologie, DNA-Analyse, Mageninhalt und Wirbelbänder, um mehr über eine der seltensten Haiarten des Mittelmeers zu erfahren.
Das Tier war ein Weibchen von 144,7 Zentimetern Länge und rund 25 Kilogramm Gewicht. Es wurde im April 2023 vor Avola, an der Ostküste Siziliens, bei kommerzieller Sepia-Fischerei in etwa 16 Metern Tiefe auf sandigem Grund gefunden. Als das Netz eingeholt wurde, war der Hai bereits tot.
Gerade weil die Art so selten beobachtet wird, zählt jeder belastbare Datensatz. Die Forschenden konnten das Tier nicht nur äußerlich bestimmen, sondern die Artzuordnung zusätzlich genetisch absichern. Das ist wichtig, weil Engelhaie im Mittelmeer verwechselt werden können und Fehlbestimmungen Schutzprogramme direkt schwächen.
Ein einzelner Hai, viele Daten
Die Studie wertete den Fund ungewöhnlich breit aus. Im Labor wurden 72 morphologische Messwerte erhoben, das Gewebe für eine COI-DNA-Analyse genutzt, der Mageninhalt untersucht und Wirbelkörper dünn geschliffen, um Wachstumsbänder sichtbar zu machen. Zusätzlich wurden ältere Fundmeldungen aus der zentralen und östlichen Mittelmeerregion zusammengeführt.
Die genetische Analyse bestätigte die morphologische Bestimmung: Die untersuchte Sequenz passte zu Squatina aculeata. Auch die äußeren Merkmale stimmten zum Sägerücken-Engelhai, darunter Dornen auf dem Rücken, stark gefranste Nasenlappen und das Fehlen auffälliger Augenflecken auf dem Körper.
Besonders spannend ist der Fortpflanzungszustand. Das Weibchen befand sich nach Angaben der Autorinnen und Autoren in einem post-reproduktiven Stadium. Es hatte also offenbar kurz zuvor reproduziert oder befand sich in einer Erholungsphase nach der Reproduktion. Für sich allein beweist das noch keine Kinderstube, aber es passt zu anderen Hinweisen aus der Region.
Warum die Kinderstuben-Frage so wichtig ist
Als Kinderstube oder Aufwuchsgebiet gilt ein Meeresraum nicht schon, weil dort einmal ein Jungtier auftaucht. Entscheidend ist ein wiederkehrendes Muster: trächtige Weibchen, Neugeborene oder Jungtiere müssen dort häufiger oder über längere Zeiträume beobachtet werden als anderswo. Genau hier wird der Fund aus Sizilien interessant.
Die Studie verweist auf mehrere Puzzleteile aus dem zentralen Mittelmeer: eine trächtige Sägerücken-Engelhai-Dame südöstlich von Lampedusa, sehr kleine Tiere, Jungtiere und größere geschlechtsreife Individuen aus der Region zwischen Südsizilien, Malta, der nordafrikanischen Küste und der Ägäis. Zusammen ergibt das noch kein fertiges Schutzgebiet auf der Karte, aber ein deutliches Suchbild.
Die Autorinnen und Autoren formulieren deshalb vorsichtig: Das zentrale und östliche Mittelmeer könnte für bestimmte Lebensphasen des Sägerücken-Engelhaies besonders wichtig sein. Für eine Art, die so selten ist, kann genau diese Vorsicht entscheidend sein. Schutz darf nicht erst beginnen, wenn alle Daten perfekt sind.
Was der Magen und die Wirbel verraten
Auch die Ernährung lieferte Hinweise auf das Leben dieses Tieres. Der Magen war zu mehr als der Hälfte gefüllt. Die Forschenden fanden acht Beutereste, alle von Knochenfischen; ein Beutefisch konnte anhand von Kieferteilen als Zweibindenbrasse (Diplodus vulgaris) identifiziert werden. Das passt zum flachen Fangort auf sandigem Grund.
Noch vorsichtiger interpretieren die Forschenden die Wirbelbänder. In den untersuchten Wirbelkörpern zählten sie 28 transparente Bänder und identifizierten eine Geburtsmarke, aus der sich eine geschätzte Geburtslänge von etwa 21,8 Zentimetern ableiten lässt. Das ist kein sicherer Alterswert, weil bei Engelhaien noch nicht validiert ist, wie regelmäßig solche Bänder entstehen.
Genau darin liegt aber der Wert der Arbeit: Sie liefert keine einfache Zahl, sondern zeigt, welche Methoden bei dieser Art künftig helfen könnten. Für viele Haie und Rochen im Mittelmeer fehlen validierte Wachstumsdaten. Ohne sie bleiben Populationsmodelle, Erholungszeiten und Schutzprioritäten unscharf.
Eine Art am Rand des Verschwindens
Der Sägerücken-Engelhai gehört zu den bedrohtesten Haiarten im Mittelmeer. Engelhaie leben bodennah, ruhen auf sandigen oder schlammigen Flächen und geraten dadurch leicht in Grundschleppnetze, Stellnetze, Langleinen oder Trammelnetze. Genau diese Fanggeräte sind in vielen Teilen ihres historischen Verbreitungsgebiets aktiv.
Die Studie erinnert daran, dass Fang und Handel der drei mediterranen Engelhaiarten seit 2012 über Empfehlungen der Allgemeinen Fischereikommission für das Mittelmeer verboten sind und die Arten in Schutzabkommen gelistet werden. Auf dem Papier ist der Schutz also da. In der Praxis bleiben Beifang, Fehlbestimmung und fehlende Daten die großen Schwachstellen.
- Beifang bleibt die zentrale unmittelbare Gefahr.
- Fischer und Beobachter brauchen sichere Bestimmungshilfen und Freilassungsprotokolle.
- Mögliche Aufwuchsgebiete müssen gezielt überwacht werden.
- Funde sollten mit Ort, Tiefe, Fanggerät, Foto und Zustand des Tieres dokumentiert werden.
- Schutzmaßnahmen müssen dort greifen, wo Engelhaie tatsächlich noch vorkommen.
Warum der Fund vor Avola zählt
Ein toter Hai ist keine gute Nachricht. Aber bei einer Art, die im Mittelmeer fast unsichtbar geworden ist, kann selbst ein tragischer Beifang entscheidende Hinweise liefern. Der Fund vor Avola zeigt, dass Sägerücken-Engelhaie in der Region noch vorkommen, dass ausgewachsene Weibchen dort auftauchen und dass sich moderne Methoden auch aus seltenen Einzelereignissen sinnvoll kombinieren lassen.
Für Taucherinnen und Taucher ist die Geschichte ein stiller Hinweis darauf, wie viel verborgenes Leben am Meeresboden stattfindet. Engelhaie sind keine spektakulären Blauwasser-Silhouetten. Sie liegen flach im Sand, perfekt getarnt, und verschwinden aus den Statistiken, wenn niemand genau hinschaut.
Die wichtigste Botschaft der Studie ist deshalb nicht, dass Sizilien nun sicher eine Kinderstube des Sägerücken-Engelhaies ist. Die Botschaft ist vorsichtiger und vielleicht wichtiger: Das zentrale Mittelmeer verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, weil dort mehrere Hinweise auf kritische Lebensphasen dieser vom Aussterben bedrohten Art zusammenlaufen.


