Riesenmaulhai - Megachasma pelagios

Körperbau, Merkmale & Anatomie
Der Riesenmaulhai ist ein großer, weich gebauter Filtrierer mit auffallend kurzem, breitem Kopf. Sein endständiges Maul reicht bis hinter die kleinen Augen und kann weit vorgestülpt werden. Zahlreiche kleine, hakenförmige Zähne säumen die Kiefer, sind aber nicht zum Zerteilen großer Beute gebaut.
Je Kiefer stehen ungefähr 50 Zahnreihen, von denen nur wenige gleichzeitig funktional sind. An den Innenseiten der Kiemenbögen sitzen dichte Reihen fingerförmiger Kiemenreusen-Papillen. Zusammen mit der stark dehnbaren Mund- und Rachenhöhle bilden sie einen spezialisierten Filterapparat.
Erkennungsmerkmale
- Sehr großer, rundlicher Kopf mit breitem endständigem Maul.
- Dunkelgraue bis schwarzbraune Oberseite und deutlich hellere Unterseite.
- Helles, silbrig reflektierendes Band am Oberkiefer, das erst beim Vorstülpen des Kiefers sichtbar wird.
- Zwei niedrige Rückenflossen; die zweite ist deutlich kleiner als die erste.
- Weicher Körper ohne Kiele am Schwanzstiel und eine asymmetrische Schwanzflosse.
- Dichte Kiemenreusen-Papillen zum Zurückhalten kleiner Beutetiere aus dem Wasser.
Mit 7,09 Metern stammt die größte belastbar dokumentierte Gesamtlänge von einem Weibchen; viele bekannte Tiere maßen etwa vier bis fünfeinhalb Meter. Der gedrungene Kopf, das riesige Maul und die vergleichsweise weichen Flossen unterscheiden die Art deutlich von Wal- und Riesenhai.
Elektrosinn an der Oberseite des Kopfes
Eine Untersuchung der Lorenzinischen Ampullen zählte an einem Kopf 225 Poren. Rund 75 Prozent lagen auf der Oberseite, besonders dicht im Bereich der Schnauze. Die Autoren interpretieren Anordnung und Ausrichtung als mögliche Hilfe beim passiven Orten planktonreicher Wasserschichten; direkt im Freiland getestet ist diese Funktion noch nicht.
Das weiße Band reflektiert – es leuchtet nicht selbst
Die verbreitete Vorstellung eines leuchtenden Mauls wurde durch eine histologische und optische Studie an Gewebe von drei Tieren nicht bestätigt. Weder Photophoren noch symbiotische Leuchtbakterien wurden gefunden. Stattdessen bedecken stark verkalkte, dicht aneinanderliegende Hautzähnchen das weiße Band und reflektieren einfallendes Licht besonders stark.
Ob das reflektierende Band Beute anlockt, Licht von biolumineszentem Plankton zurückwirft oder der innerartlichen Erkennung dient, bleibt offen. Belegt ist die Reflexion; die biologische Funktion ist bislang eine Hypothese.
Verbreitung & Lebensraum
Riesenmaulhaie sind in tropischen und warm-gemäßigten Meeresgebieten weltweit nachgewiesen. Der Schwerpunkt dokumentierter Funde liegt im westlichen Pazifik, besonders vor Taiwan, den Philippinen, Japan und Indonesien. Diese Häufung spiegelt sowohl Lebensraum als auch intensive Küsten- und Netzfischerei sowie bessere Meldesysteme wider.

Weitere Nachweise stammen aus dem östlichen Pazifik vor den USA und Mexiko. Im Indischen Ozean wurden Tiere unter anderem vor Sri Lanka und Südafrika gefunden. Aus dem Atlantik liegen deutlich weniger Meldungen vor, darunter aus Senegal und Brasilien.
Die globale Auswertung von 261 Tieren ordnete 214 Nachweise dem westlichen und 35 dem östlichen Pazifik zu; aus Atlantik und Indischem Ozean lagen jeweils nur sechs Datensätze vor. Das ist eine Karte bekannter Begegnungen, keine Bestandszählung. Gebiete mit mehr Fischerei, Beobachtern und Meldepflichten erzeugen zwangsläufig mehr Punkte.

Die zweite Karte endet 2010 und ist ebenfalls historisch. Sie macht anschaulich, wie wenige Meldungen damals bekannt waren, ist aber für heutige Länderlisten oder Bestandsaussagen nicht vollständig. Beide Karten sollten deshalb als Chronik dokumentierter Sichtungen und nicht als feste Arealgrenze gelesen werden.
Mehrmonatige Telemetrie statt einzelner Fangpunkte
Eine 2024 veröffentlichte Satellitentelemetrie markierte drei Tiere im Nordwestpazifik für 12, 58 und 244 Tage. Die Datensätze lieferten erstmals direkte Hinweise auf mehrmonatige Gebietstreue östlich von Taiwan und eine anschließende saisonale Abwanderung. Tagsüber verbrachten die Haie den größten Teil der Zeit in der mesopelagischen Zone, nachts stiegen sie in epipelagische Wasserschichten auf.
Tiefe und Lebensraum
Dokumentierte Tiefen reichen von der Oberfläche bis 1.203 Meter. Jungtiere wurden in den ausgewerteten Daten häufiger oberhalb von 200 Metern registriert; größere und reife Tiere nutzten auch tiefere sowie höher gelegene Breiten. Der Riesenmaulhai ist damit weder ausschließlich Küsten- noch ausschließlich Tiefseeart, sondern ein epi- bis mesopelagischer Wanderer, der zeitweise nahe Inseln, Kontinentalhänge, Buchten und Küsten erreicht.
Lebensweise, Ernährung & Fortpflanzung
Der Riesenmaulhai ist neben Walhai und Riesenhai einer von drei heute lebenden großen planktonfressenden Haien. Eine morphologische Untersuchung des Fressapparats beschreibt eine ungewöhnlich große Mund- und Rachenhöhle, verlängerte Kieferknorpel, kräftige Hebemuskeln und elastische Haut um den Rachen. Diese Kombination erlaubt es, den Kiefer vorzuschieben und das Volumen der Mundhöhle rasch zu vergrößern.
Kein dauerhaft geöffnetes Maul
Anders als ein Riesenhai schwimmt er wahrscheinlich nicht ununterbrochen mit offenem Maul. Das Tier öffnet und erweitert die Mundhöhle phasenweise, zieht Wasser und Beute ein und schließt anschließend das Maul. Beim Auspressen über die Kiemenspalten halten Kiemenreusen-Papillen die Organismen zurück. Der Mechanismus verbindet Vorwärtsschwimmen mit einer durch die Volumenvergrößerung unterstützten Ansaugwirkung.
Krillschwärme als energiereiche Beute
Besonders aussagekräftig ist eine Mageninhaltsanalyse eines 3,67 Meter langen, 361 Kilogramm schweren Weibchens aus der Kuroshio-Extension. Anhand erhaltener Mundwerkzeuge schätzten die Forschenden mindestens 18.000 Euphausiaceen im Mageninhalt; fast alle bestimmbaren Tiere gehörten zur Art Euphausia pacifica. Das spricht für gezieltes Fressen in einem dichten Krillschwarm.
Andere untersuchte Mägen enthielten zusätzlich Ruderfußkrebse und Quallen. Einzelne kleine Fische können mit aufgenommen werden, doch belastbare Daten sprechen vor allem für konzentrierte Ansammlungen von Krill und anderem Zooplankton.
Tagesrhythmus und Beutesuche
Die tägliche Tiefenwanderung passt zur Bewegung vieler Zooplanktonarten: nachts steigen sie in obere Wasserschichten, tagsüber ziehen sie sich in lichtärmere Tiefen zurück. Die wenigen markierten Riesenmaulhaie folgten diesem Muster deutlich. Ob sie einzelne Schwärme aktiv über Geruch, Elektrorezeption oder optische Kontraste finden, ist noch nicht im Freiland geklärt.
Fortpflanzung: Muttertier und sieben Jungtiere erstmals dokumentiert
Am 14. November 2023 wurde bei Barangay Ipil in Dipaculao auf der philippinischen Insel Luzon ein frisch verendetes Weibchen angespült. Das Muttertier maß 5,60 Meter; die sieben Jungtiere waren 1,65 bis 1,835 Meter lang. Ein Jungtier lag bereits neben der Mutter, sechs befanden sich noch im Mutterleib. Vier waren weiblich und drei männlich.

Die 2025 veröffentlichte Studie bezeichnet den Fund als ersten wissenschaftlich dokumentierten Nachweis eines trächtigen Riesenmaulhais und eines vollständigen Wurfs. Morphologische Merkmale und mitochondriale DNA bestätigten die Artzugehörigkeit aller acht Tiere. Die Autoren werten den Fund als Bestätigung der Ovoviviparie: Die Eier schlüpfen im Körper des Muttertiers, die Jungtiere werden lebend geboren. Ob die Embryonen zusätzlich unbefruchtete Eier aufnehmen, ist weiterhin nicht belegt.
Der Vergleich von 19 Körperproportionen zeigte, dass einige Merkmale isometrisch, die meisten jedoch positiv oder negativ allometrisch wachsen. Die Jungtiere waren deshalb keine bloß maßstäblich verkleinerten Erwachsenen. Wurfgröße, Tragzeit, Paarungs- und Geburtsgebiete sowie Geburtsintervalle bleiben trotz dieses außergewöhnlichen Fundes unbekannt.
Bedrohung & Schutzstatus
Die IUCN Red List führt den Riesenmaulhai als nicht gefährdet (Least Concern). Diese Einstufung beruht auf der weiten Verbreitung, fehlender großflächiger Zielbefischung und den damals verfügbaren Meldungen. Sie bedeutet nicht, dass Populationsgröße, Altersstruktur, Fortpflanzungsrate oder langfristiger Trend bekannt wären.
Beifang ist der am besten belegte menschliche Einfluss
Ein großer Teil der dokumentierten Tiere geriet als Beifang in Treib-, Stell- oder Ringwadennetze. Manche wurden lebend freigelassen, andere starben im Netz oder beim Einholen. Strandungen und zufällige Fänge prägen daher nicht nur die Gefährdung, sondern fast das gesamte wissenschaftliche Bild der Art.
- Verheddern in großen pelagischen Netzen und küstennahen Stellnetzen.
- Verletzungen durch Netzspannung, Einholen, Anlanden und Vermessen sehr großer Tiere.
- Nicht gemeldete oder falsch bestimmte Fänge, die Trends unsichtbar machen.
- Lokale Konzentration von Beifängen in Monaten und Gebieten mit hoher Fischereiaktivität.
Schutz in Taiwan
Taiwan verbot 2020 nach Angaben der Fischereibehörde den gezielten Fang. Zufällig gefangene Tiere müssen unabhängig von ihrem Zustand unverzüglich zurückgesetzt und gemeldet werden; Ausnahmen sind nur für genehmigte Lehre oder Forschung vorgesehen. Das senkt die direkte Nutzung, macht aber nicht-tödliche Probenahme, Fotos und Satellitenmarkierungen umso wichtiger.
Plausible Risiken sind noch keine nachgewiesenen Hauptursachen
Meereserwärmung kann die Lage und Saison von Planktonschwärmen verschieben, und Filtrierer können Mikroplastik oder gebundene Schadstoffe aufnehmen. Für den Riesenmaulhai fehlen jedoch Daten, mit denen sich diese Einflüsse gegenüber Beifang gewichten lassen. Seriöses Risikomanagement sollte deshalb dokumentierte Sterblichkeit klar von plausiblen, aber noch nicht quantifizierten Belastungen trennen.
Besonders wertvoll sind standardisierte Meldungen mit Koordinaten, Datum, Tiefe, Fanggerät, Körperlänge, Geschlecht, Zustand bei Freilassung und Fotos. Bei einer selten beobachteten, weit wandernden Art ist ein fehlender Nachweis weder ein Beleg für Abwesenheit noch für einen Bestandsrückgang.
Riesenmaulhai & Mensch
1976 entdeckt, 1983 wissenschaftlich beschrieben
Der erste bekannte Riesenmaulhai verfing sich am 15. November 1976 im Treibanker eines US-Marinefahrzeugs nordöstlich von Oʻahu. Der 4,46 Meter lange erwachsene männliche Holotyp wurde später als neue Art, neue Gattung und neue Familie beschrieben; der Typenkatalog der California Academy of Sciences dokumentiert Fundort, Tiefe und hinterlegte Gewebeproben. Die formale Beschreibung erschien erst 1983.

Die Aufnahme eines 2016 vor Japan gefangenen Tieres zeigt, warum Fischer die Art kaum mit einem gewöhnlichen großen Hai verwechseln: Kopf, Maul und weicher Körper sind unverkennbar. Zugleich steht das Bild für ein Forschungsproblem – viele anatomische Erkenntnisse stammen von Tieren, die bereits tot oder schwer verletzt an Land kamen.
Begegnung mit einem lebenden Tier
Das folgende Video beginnt bei 2:04 Minuten und zeigt eine der seltenen Unterwasserbegegnungen. Solche Aufnahmen sind besonders wertvoll, weil Körperhaltung, Schwimmweise und Reaktion auf Beobachter ohne Fang dokumentiert werden können.
Für Menschen nicht als gefährlich bekannt
Das Shark Research Institute beschreibt die Art als planktonfressenden, langsam schwimmenden Hai; bestätigte unprovozierte Angriffe auf Menschen sind nicht bekannt. Das riesige Maul ist zum Filtern kleiner Beute gebaut, nicht zum Ergreifen großer Tiere. Dennoch kann ein mehrere Meter langer Hai durch Masse, Schwanzschlag oder eine Fluchtbewegung unbeabsichtigt verletzen.
Verhalten bei Sichtung oder Beifang
- Seitlich Abstand halten, den Schwimmweg freilassen und das Tier nicht verfolgen oder einkreisen.
- Für Fotos weder anheben noch schleppen und keine Leinen durch Kiemenspalten oder um den Kopf legen.
- Wenn möglich im Wasser dokumentieren, vermessen und ohne Verzögerung freilassen.
- Ort, Uhrzeit, Tiefe, Länge, Geschlecht, Narben und Zustand beim Freilassen festhalten.
- Sichtung oder Beifang an zuständige Forschungs- beziehungsweise Fischereistellen melden.
Fotos und Videos können Individuen über Narben, Pigmentmuster und Flossenverletzungen wiedererkennbar machen. Für belastbare Forschung sind unveränderte Originaldateien mit Zeit- und Ortsangaben wertvoller als stark komprimierte Social-Media-Clips. Vorrang hat immer eine ruhige und möglichst verletzungsfreie Begegnung.
Steckbrief
- Erstbeschreibung:
- Max. Größe:
- Tiefe:
- Max. Alter:
- Max. Gewicht:
- Wassertyp:
- IUCN Status:
Systematik
- Reich:
- Stamm:
- Unterstamm:
- Infrastamm:
- Parvstamm:
- Klasse:
- Teilklasse:
- Überordnung:
- Ordnung:
- Familie:
- Gattung:

