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Großbritannien: Wärmere Meere verändern Hai-Vorkommen

In Südwestengland und rund um die Kanalinseln werden einige Haiarten häufiger beobachtet. Forschende untersuchen, wie wärmeres Wasser und eine veränderte Beuteverteilung ihre Wanderwege verschieben.

Ronny K8. August 2026
Blauhai Prionace glauca nahe der Wasseroberfläche
Blauhai (Prionace glauca) nahe der Wasseroberfläche.

In den Gewässern vor Südwestengland und rund um die Kanalinseln werden Veränderungen bei der Zusammensetzung großer Meeresfische sichtbar. BBC berichtet, dass einige Haiarten häufiger oder weiter nördlich beobachtet werden. Forschende führen das nicht auf einen einzelnen Faktor zurück: Wärmeres Wasser verändert Lebensräume, während Beutefische ihre Verbreitung und Wanderzeiten verschieben.

Für Großbritannien bedeutet das nicht, dass plötzlich tropische oder für Menschen besonders gefährliche Arten dauerhaft vor der Küste leben. Vielmehr können bekannte Arten neue Routen nutzen, früher eintreffen oder zeitweise in Regionen auftauchen, in denen sie seltener erfasst wurden. Einzelne Sichtungen sind dabei Hinweise, aber noch kein Beleg für einen langfristigen Bestandstrend.

Die große Sichtung vor Jersey bleibt unbestimmt

Auslöser für die aktuelle Aufmerksamkeit war eine Beobachtung vor Jersey. Nachdem am Samstag vor einem Strand ein dunkelgrauer Hai von geschätzt drei bis 3,7 Metern Länge gemeldet worden war, forderten Rettungsschwimmer die Menschen auf, das Wasser zu verlassen. Eine gesicherte Artbestimmung liegt jedoch nicht vor.

Der Meeresforscher Bryce Stewart nannte gegenüber der BBC mehrere grundsätzlich denkbare Arten, darunter Riesenhai, Blauhai, Heringshai oder Kleinzahn-Sandtigerhai. Diese Aufzählung ist keine Identifikation. Ohne ausreichend klare Aufnahmen von Körperform, Flossen, Färbung und Schwimmbewegung sollte die Art deshalb offenbleiben.

Alex Plaster von Jerseys Meeresressourcen-Team verwies auf seltene Beobachtungen größerer Arten wie Kurzflossen-Mako, Heringshai und Blauhai. Das Risiko eines Bisses bezeichnete er für die Region als praktisch null. Nach seinen Angaben ist im gesamten Ärmelkanal kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch von einem Hai gebissen wurde.

In den vergangenen 100 Jahren wurden in Jerseys Gewässern 14 Haiarten dokumentiert. Viele davon bleiben klein; auch größere Arten tauchen jedoch gelegentlich auf. Die Artenvielfalt ist daher nicht neu. Neu oder zumindest stärker sichtbar können Häufigkeit, Saison und Wanderroute einzelner Arten sein.

Wärmeres Wasser verschiebt mehr als nur Grenzen

Haie reagieren nicht allein auf die Wassertemperatur. Entscheidend ist auch, wo ihre Beute vorkommt. Wenn sich Fische und Kopffüßer in kühlere Gebiete oder zu anderen Jahreszeiten verlagern, können ihnen mobile Räuber über große Entfernungen folgen. Wärmere Winter können außerdem dazu führen, dass Arten länger in nördlicheren Gewässern bleiben.

Stewart nennt neben Haien auch Goldbrassen, Rochen und Atlantischen Blauflossen-Thun als Beispiele für Veränderungen im regionalen Artenspektrum. Der deutliche Anstieg des Blauflossen-Thuns vor Südwestengland wird mit veränderten Wanderwegen und Beziehungen zwischen Räubern und Beute in Verbindung gebracht.

Ob eine Haiart tatsächlich häufiger wird, lässt sich aus Meldungen an Stränden allein nicht ableiten. Dafür müssen Beobachtungsaufwand, Fangdaten, elektronische Markierungen, Geschlecht, Körpergröße, Saison und Wassertemperatur gemeinsam ausgewertet werden. Mehr Kameras und mehr Menschen auf dem Wasser können die Zahl gemeldeter Sichtungen ebenfalls erhöhen.

Drei Haiarten im Fokus eines neuen Projekts

Seit Juli 2026 untersucht ein neues Forschungsprojekt der University of Exeter drei Arten in englischen Gewässern: Blauhaie (Prionace glauca), Heringshaie (Lamna nasus) und Hundshaie (Galeorhinus galeus). Das bis März 2029 laufende Vorhaben wird von Natural England finanziert und soll Wanderwege, Aufenthaltsgebiete, Fortpflanzungsräume und den Erhaltungszustand besser erfassen.

Geplant sind 75 elektronische Markierungen, darunter Satellitensender mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren. Zusätzlich sollen nicht invasive Ultraschalluntersuchungen trächtige Weibchen erkennen. Damit will das Team mögliche Geburts- und Aufwuchsgebiete lokalisieren, ohne für die Untersuchung Blutproben entnehmen zu müssen.

Die Daten werden mit historischen Fangaufzeichnungen und dem Wissen erfahrener Angler zusammengeführt. Gerade für Arten, die große Distanzen im östlichen Nordatlantik zurücklegen, sind einzelne Momentaufnahmen zu wenig. Erst wiederholte Positionsdaten können zeigen, ob sich Wanderkorridore dauerhaft verschieben oder nur von Jahr zu Jahr schwanken.

Blauhaie: Eine plausible, aber noch offene Geburtshypothese

Besonders interessant ist die Geschlechterverteilung der Blauhaie vor Südwestengland. Nach Stewart sind fast alle dort beobachteten Tiere Weibchen, viele möglicherweise trächtig. Eine Hypothese lautet, dass sie während der Trächtigkeit in Randgebiete ausweichen, um Abstand zu Männchen zu gewinnen, und ihre Jungen möglicherweise vor der südwestenglischen Küste zur Welt bringen.

Diese Erklärung ist noch keine bestätigte Beschreibung eines Aufwuchsgebiets. Dafür müssten Trächtigkeit, Aufenthaltsdauer, Geburten und die wiederholte Nutzung derselben Region nachgewiesen werden. Genau hier können Ultraschall, Satellitentelemetrie und langfristige Beobachtungsreihen die bisherige Theorie prüfen.

Was Sichtungen für Badegäste und Taucher bedeuten

Eine große Rückenflosse ist kein verlässlicher Hinweis auf eine gefährliche Art. Bei einer unklaren Sichtung ist es trotzdem richtig, den Anweisungen der Rettungsschwimmer zu folgen, das Wasser ruhig zu verlassen und Abstand zu halten. Das Tier sollte weder verfolgt noch für Fotos oder Videos eingekreist werden.

Die Veränderungen vor Südwestengland sind daher vor allem eine Forschungsfrage: Welche Arten erscheinen wann, wohin ziehen ihre Beutetiere und welche Gebiete sind für Fortpflanzung und Geburt wichtig? Die Antworten werden nicht aus einer spektakulären Sichtung kommen, sondern aus mehreren Jahren systematischer Daten.

Erwähnte Arten

Blauhai prionace glauca im blauwasser

Blauhai

Heringshai lamna nasus

Heringshai

Hundshai galeorhinus galeus kopf

Hundshai

Quellen

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