Vom Haifang zum Ökotourismus: Wie eine brasilianische Gemeinde ihre Hai-Kinderstube schützen will

In einer Bucht bei Ilha Grande sammeln sich regelmäßig Schwarzspitzenhaie, darunter trächtige Weibchen. Ein brasilianisches Projekt verbindet Forschung und Artenschutz mit Umweltbildung und Perspektiven für einen behutsamen Ökotourismus.

Sharky18. Juli 2026
Ilha Grande Brasilien Blick vom Strand uf Boote und Kreuzfahrtschiff

In der Piraquara-de-Fora-Bucht im Südosten Brasiliens kommen jedes Jahr Schwarzspitzenhaie zusammen. Unter den Tieren befinden sich trächtige Weibchen. Eine aktuelle Reportage von AP News zeigt, wie diese Beobachtungen ein Schutzprojekt in der Ilha-Grande-Bucht vorantreiben und zugleich die Haltung einer örtlichen Fischereigemeinschaft verändern.

Im Mittelpunkt steht der Schwarzspitzenhai Carcharhinus limbatus. Das Projekt „Tubarões da Baía da Ilha Grande“ untersucht die Tiere mit Drohnen und beköderten Unterwasserkameras. Aus den Aufnahmen sollen belastbare Daten über Zahl, Aufenthaltsorte und saisonale Nutzung der Bucht entstehen.

Bis zu 113 Haie in einer flachen Bucht

Die Fachbewertung der Important Shark and Ray Areas bestätigt, dass die Gruppen regelmäßig und vorhersehbar auftreten. Bei Drohnenerfassungen zwischen 2020 und 2024 wurden von April bis Mitte September Gruppen mit fünf bis 113 Schwarzspitzenhaien gezählt. Der Mittelwert lag bei 17,2 Tieren.

Vier Weibchen erhielten zwischen August 2023 und Juni 2024 Satellitensender. Ein länger sendender Tag zeigte, dass ein Weibchen zunächst drei Monate in der Ilha-Grande-Bucht blieb und erst danach in den offenen Atlantik zog. Solche Daten sind wichtig, weil sie aus spektakulären Luftbildern ein räumliches Bild der tatsächlichen Habitatnutzung machen.

Die Fachbewertung dokumentiert außerdem zwei trächtige Schwarzspitzenhaie aus den Jahren 2020 und 2024. AP berichtet aus der laufenden Projektarbeit von Dutzenden Tieren und zahlreichen trächtigen Weibchen. Zusammen mit der saisonalen Wiederkehr spricht das dafür, dass die Bucht für die Fortpflanzung eine besondere Rolle spielt.

Kinderstube, aber mit wissenschaftlichem Vorbehalt

Der Begriff Kinderstube liegt deshalb nahe und wird auch in der aktuellen Berichterstattung verwendet. Wissenschaftlich ist die Funktion der Ansammlung jedoch noch nicht abschließend geklärt. Die ISRA-Bewertung führt Piraquara de Fora derzeit als Gebiet mit einer regelmäßig auftretenden, aber in ihrer Funktion noch nicht eindeutig bestimmten Aggregation.

Das ist kein Widerspruch zur Bedeutung des Ortes. Regelmäßige Gruppen, trächtige Weibchen und eine zeitliche Nähe zur bekannten Fortpflanzungsperiode sind starke Hinweise. Noch offen ist aber, ob die Haie vor allem zur Paarung, vor der Geburt, zur Nahrungssuche oder aus mehreren Gründen gleichzeitig in die Bucht kommen. Erst die weitere Überwachung kann diese Funktionen sauber trennen.

Warmes Wasser ist wahrscheinlich nicht die einzige Erklärung

Piraquara de Fora liegt nahe dem Kühlwasserauslass des Kernkraftwerks Angra. Laut ISRA kann die Einleitung die Temperatur an der Oberfläche in einem Teil der Bucht um ungefähr drei Grad erhöhen. Wärmeres Wasser könnte für die Haie physiologische Vorteile haben und damit die kleinräumige Wahl ihres Aufenthaltsorts beeinflussen.

Die Ansammlung lässt sich damit aber nicht vollständig erklären. Fischer berichteten bereits aus der Zeit vor dem Kraftwerk von saisonalen Hai-Gruppen. Außerdem wurden bei Drohnenflügen mehr als 50 Tiere außerhalb der direkten Einflusszone des Warmwassers gezählt. Auch die geschützte Lage, ein reiches Nahrungsangebot und der Fortpflanzungszyklus können eine Rolle spielen.

Vom Lebensmittel zum Naturerbe

Für das Projekt ist die Forschung nur ein Teil der Arbeit. In den umliegenden Gemeinden sprechen die Beteiligten mit Fischern und Familien über die ökologische Bedeutung der Haie. Nach der AP-Reportage wurden die Tiere vor Ort früher auch gefangen und gegessen. Heute wächst das Bewusstsein, dass ihre regelmäßige Rückkehr ein erhaltenswertes Naturereignis ist.

Dabei spielt auch die brasilianische Bezeichnung „cação“ eine Rolle. Unter diesem Sammelnamen wird Haifleisch verkauft, ohne dass Verbraucher die Art immer erkennen. Zielgerichtete Haifischerei ist in Brasilien verboten. Nicht geschützte Arten dürfen als Beifang angelandet werden, während bedrohte und besonders geschützte Tiere freigelassen werden müssen. Eine sichere Artbestimmung ist deshalb für Kontrolle und Schutz entscheidend.

Das Projekt will zusätzlich Umweltbildung an Schulen aufbauen. Die Botschaft ist pragmatisch: Haie gehören zum Naturerbe der Region, und aus der Bucht sind keine Haiunfälle mit Menschen bekannt. Neben Schwarzspitzenhaien richtet sich die Arbeit auch auf stark gefährdete Sandtigerhaie und Hammerhaie.

Ökotourismus als Chance – wenn der Schutz zuerst kommt

Langfristig könnten Beobachtungen vom Land, vom Boot oder unter Wasser ein zusätzliches Einkommen für die abgelegenen Gemeinden schaffen. Gerade dieser lokale Nutzen kann Schutz stabiler machen: Wer mit lebenden Haien dauerhaft Geld verdient, hat einen anderen Anreiz als bei einem einmaligen Fang.

Ein solches Angebot müsste allerdings vorsichtig entwickelt werden. Trächtige Tiere und mögliche Fortpflanzungsgebiete sind besonders störungsempfindlich. Kleine Gruppen, klare Abstände, kontrollierter Bootsverkehr und Regeln gegen Anfütterung oder Verfolgung wären wichtiger als möglichst viele Begegnungen. Das Monitoring sollte bestimmen, wann und wo Tourismus vertretbar ist.

Warum die Bucht jetzt zählt

Haie wachsen und vermehren sich vergleichsweise langsam. Wenn erwachsene Weibchen regelmäßig dieselbe kleine Küstenbucht nutzen, kann der Verlust oder die Störung dieses Ortes eine Population über Jahre treffen. Umgekehrt lässt sich Schutz dort besonders konkret organisieren: mit räumlichen Regeln, Fischerei-Dialog, Kontrolle und einem Monitoring, das Veränderungen früh erkennt.

Piraquara de Fora ist deshalb schon vor der endgültigen wissenschaftlichen Einordnung ein Schutzschwerpunkt. Die entscheidende Entdeckung ist nicht nur, dass sich dort viele Haie zeigen. Es ist die Verbindung aus wiederkehrenden Gruppen, trächtigen Weibchen und einer Gemeinde, die beginnt, den Wert der Tiere neu zu sehen.

Erwähnte Arten

Kleine Schwarzspitzenhai Carcharhinus limbatus

Kleiner Schwarzspitzenhai

Quellen

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