Eine neue Studie im Brazilian Journal of Biology dokumentiert erstmals sechs trächtige Haie aus drei Arten im Küstenkomplex Ilha Grande–Sepetiba im Bundesstaat Rio de Janeiro. Die Funde reichen von 2006 bis 2024 und umfassen unterschiedliche Stadien der Embryonalentwicklung. Damit verdichten sich die Hinweise, dass die beiden Buchten mehr sind als ein Durchzugsgebiet.
Die am 14. August veröffentlichte Zusammenfassung von Agência Bori spricht von einer Hai-Kinderstube. Die Facharbeit formuliert vorsichtiger: Sie bezeichnet Ilha Grande–Sepetiba als möglichen Fortpflanzungshotspot und als potenzielles, mit einer Kinderstube verbundenes Habitat. Für eine endgültige Bestätigung fehlen vor allem systematische Nachweise von Neugeborenen und ihrer wiederholten Nutzung klar abgegrenzter Flachwasserzonen.
Sechs trächtige Weibchen aus drei Arten
Die ältesten Nachweise betreffen zwei Sandtigerhaie (Carcharias taurus). Beide wurden am 25. April 2006 in der Pufferzone der Ökologischen Station Tamoios in der Ilha-Grande-Bucht erfasst. Ein Weibchen trug zwei weit entwickelte Embryonen von rund 77 Zentimetern Länge, das andere vier deutlich kleinere Embryonen von etwa 19 bis 21 Zentimetern.
In der Sepetiba-Bucht folgten im August 2023 zwei trächtige Große Schwarzspitzenhaie, auch Spinnerhaie genannt (Carcharhinus brevipinna). Die Tiere wurden innerhalb des Meeresschutzgebiets Boto-Cinza dokumentiert. Jedes Weibchen trug sechs oder sieben Embryonen in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium; alle waren länger als 40 Zentimeter.
Die beiden jüngsten Fälle waren Kleine Schwarzspitzenhaie (Carcharhinus limbatus) in der Ilha-Grande-Bucht. Ein 2,14 Meter langes Weibchen wurde im Juni 2020 tot bei Piraquara gefunden und trug fünf weit entwickelte Embryonen. Ein 2,30 Meter langes, zuvor mit einem Satellitensender markiertes Weibchen wurde im Juni 2024 untersucht; bei ihm fanden die Forschenden vier kleine Embryonen mit großen Dotterreserven und damit ein frühes Entwicklungsstadium.
Was die Daten belegen – und was noch offen ist
Die Spannweite von frühen bis fortgeschrittenen Embryonalstadien ist für die Forschenden der entscheidende Hinweis. Sie zeigt, dass mehrere bedrohte Haiarten die Region während verschiedener Phasen der Trächtigkeit nutzen. Wiederholte Funde trächtiger Kleiner Schwarzspitzenhaie in ähnlichen Jahreszeiten stützen zusätzlich die Vermutung einer standorttreuen Nutzung.
Aus sechs Tieren lässt sich jedoch weder die Größe einer lokalen Population noch die Häufigkeit trächtiger Weibchen ableiten. Die Datensammlung war opportunistisch und nicht über alle Jahre mit demselben Aufwand angelegt. Sie verbindet Beifänge aus der handwerklichen Fischerei, Strandungsfunde und wissenschaftliches Monitoring. Das macht die Einzelfälle biologisch wertvoll, begrenzt aber statistische Vergleiche.
Auch die Bezeichnung Kinderstube hat in der Haiforschung eine engere Bedeutung als in der Alltagssprache. Künftige Untersuchungen müssen zeigen, ob Neugeborene und Jungtiere das Gebiet regelmäßig, über längere Zeit und stärker als vergleichbare Küstenabschnitte nutzen. Telemetrie, Drohnenflüge und standardisierte Erfassungen sollen diese Lücke schließen.
Ein Mosaik aus Schutzräumen und Belastungen
Ilha Grande und Sepetiba bilden an der Küste von Brasilien einen rund 3.100 Quadratkilometer großen Übergangsraum zum Südwestatlantik. Mangroven, geschützte Buchten, Inseln, Felsküsten und flache Sandbereiche bieten trächtigen Weibchen Rückzugsmöglichkeiten und potenziellen Jungtieren Nahrung sowie Schutz vor größeren Räubern.
Gleichzeitig ist das Gebiet stark genutzt. Fischerei, Häfen, Ölterminals, Industrie, Urbanisierung und die Kernkraftanlagen bei Angra dos Reis wirken auf denselben Küstenraum ein. Schutzgebiete decken nur Teile des Komplexes ab. Zwei der drei dokumentierten Arten wurden zudem in Verbindung mit Fischereifängen erfasst – ein unmittelbarer Hinweis darauf, dass formaler Gebietsschutz allein die Tiere nicht überall vor Beifang schützt.
Piraquara de Fora ist bereits international anerkannt
Ein Teil der neuen Evidenz konzentriert sich auf Piraquara de Fora. Die Bucht wurde 2025 als Important Shark and Ray Area anerkannt. Laut der Bewertung der IUCN SSC Shark Specialist Group treten dort Kleine Schwarzspitzenhaie regelmäßig und saisonal auf. Bei Drohnenflügen zwischen 2020 und 2024 wurden Gruppen mit fünf bis 113 Tieren beobachtet, vor allem zwischen April und Mitte September.
Die ISRA-Einstufung bestätigt die ökologische Bedeutung der Bucht, ersetzt aber kein rechtsverbindliches Schutzgebiet. Sie führt die Funktion der Ansammlung weiterhin als nicht abschließend geklärt. Trächtige Weibchen, saisonale Wiederkehr und die neue Zusammenstellung mehrerer Arten machen Piraquara dennoch zu einem Schwerpunkt für weitere Forschung und räumliche Schutzplanung.
Über die Feldarbeit, den Wandel in der örtlichen Fischereigemeinschaft und vorsichtige Ideen für Ökotourismus haben wir bereits im Beitrag zum Schutzprojekt in Piraquara de Fora berichtet. Die neue Studie ergänzt diese Geschichte um die bislang fehlende vergleichende Fortpflanzungsperspektive über drei Haiarten und zwei Buchten.
Warum der Schutz trächtiger Haie besonders wirksam ist
Große Küstenhaie wachsen langsam, werden spät geschlechtsreif und bringen vergleichsweise wenige Junge zur Welt. Der Verlust eines einzigen trächtigen Weibchens bedeutet deshalb nicht nur den Tod eines erwachsenen Tieres, sondern auch den Ausfall eines ganzen Wurfs. Orte, die in mehreren Phasen der Fortpflanzung genutzt werden, können für die Erholung regionaler Bestände überproportional wichtig sein.
Die Studie liefert noch keine fertige Grenze für ein neues Schutzgebiet und keinen Beweis für eine einzige, klar umrissene Kinderstube. Sie schafft aber eine belastbare Grundlage für gezielteres Monitoring, weniger Beifang und Schutzmaßnahmen in den Jahreszeiten und Küstenabschnitten, in denen trächtige Weibchen besonders häufig auftreten. Genau darin liegt die praktische Stärke der sechs seltenen Nachweise.




