Vor Fuvahmulah auf den Malediven wird ein weiblicher Tigerhai mit auffällig fehlenden Flossen beobachtet. Das Tier trägt den Namen „Fin“ und ist im Foto-ID-Katalog von Fuvahmulah Shark Research als F-263 verzeichnet. Seine Geschichte wirft zwei unterschiedliche Fragen auf: Wie kommt der Hai mit den Verletzungen zurecht, und wodurch wurden sie verursacht?
Wiederholte Sichtungen statt einer einzelnen Aufnahme
Ein auf CNN-Interviews beruhender Bericht von TV Azteca schildert eine Begegnung des Fotografen Romero im August 2025. Danach sei Fin von verschiedenen Tauchgruppen beinahe täglich gesehen worden. Mithilfe von Laser-Fotogrammetrie wurde ihre Länge auf ungefähr drei Meter bestimmt. Der Bericht beschreibt fehlende Rückenflossen und einen fehlenden unteren Schwanzflossenlappen. Die Aussage, der Hai habe überhaupt keine Flossen mehr, wäre daher ungenau.
Den Beobachtungen zufolge bewegt Fin ihren Körper anders als unverletzte Tigerhaie und wurde auch beim Fressen von Aas gesehen. Diese Sichtungen dokumentieren, dass sie nach den Verletzungen weiterlebt. Sie beantworten jedoch nicht, wie stark ihre Beweglichkeit eingeschränkt ist, wie sie langfristig Nahrung findet oder wie sich ihr Zustand entwickeln wird.
Finning wird vermutet, die Ursache bleibt offen
Der Medienbericht deutet das Verletzungsmuster als Hinweis auf Finning: das Abtrennen von Haiflossen mit anschließender Rückgabe des Tieres ins Wasser. Die betroffenen Flossen werden mit dem Flossenhandel in Verbindung gebracht. Eine beobachtete Fanghandlung oder eine Untersuchung, die diese Ursache für Fin eindeutig nachweist, wird dort allerdings nicht dokumentiert. Auch Ort und Zeitpunkt der Verletzungen bleiben offen. Dass Fin heute vor den Malediven gesehen wird, belegt deshalb nicht, dass sie dort verletzt wurde.
Was die Forschung vor Fuvahmulah zusätzlich zeigt
Die systematische Beobachtung einzelner Tigerhaie hat auf Fuvahmulah eine wissenschaftliche Grundlage. Eine 2024 veröffentlichte Studie in Scientific Reports identifizierte anhand von Aufnahmen aus den Jahren 2016 bis 2023 insgesamt 239 Tiere. Rund 84,5 Prozent waren weiblich. Viele Haie wurden wiederholt erfasst; einige kehrten über mehrere Jahre zurück.
Fotoidentifikation nutzt individuelle äußere Merkmale, um Sichtungen demselben Tier zuzuordnen. Laser-Fotogrammetrie ergänzt dies durch Größenmessungen ohne Fang oder Markierung. Die Studie beschreibt außerdem, dass Fischabfälle im Hafenbereich die Haie anziehen. Sie warnt damit auch vor einer einfachen Übertragung der dort beobachteten Verhältnisse auf unbeeinflusste Lebensräume. Die Untersuchung endete vor Romeros berichteter Begegnung mit Fin und ist kein wissenschaftlicher Nachweis für ihren speziellen Fall.
Über den Hai-Forschungs- und Schutzhub auf Fuvahmulah haben wir bereits berichtet. Bei einem Tier wie Fin könnten dokumentierte Wiederbeobachtungen helfen, Veränderungen von Körperzustand und Bewegungsverhalten festzuhalten. Aus einem eindrücklichen Einzelfall würde so eine nachvollziehbare Beobachtungsreihe. Bis solche Daten vorliegen, bleiben Aussagen über eine vollständige Anpassung oder eine gesicherte Verletzungsursache verfrüht.


