Auf den Azoren ist derselbe Hai auf zwei sehr unterschiedliche Arten wertvoll: lebend als Begegnung für Taucher und gefangen als Ware der Hochseefischerei. eine neue Studie in Marine Policy zeichnet nach, wie daraus ein Konflikt um Blauhaie und Kurzflossen-Makos im Nordatlantik entstanden ist.
Das Ergebnis ist differenzierter als die einfache Formel Tourismus gegen Fischerei. Bei den Mako-Sichtungen erkennen die Autoren ein deutliches Signal, das zu den Folgen der Überfischung passt. Für Blauhaie ist das Bild wechselhaft. Einen nachweisbaren wirtschaftlichen Einbruch der Tauchbranche durch die Hochseefischerei fanden sie für den Zeitraum von 2011 bis 2022 nicht.
Wie die Studie den Konflikt untersucht
Björn Eriksson von der Universität Uppsala und Wendell Medeiros-Leal von der Universität der Azoren kombinierten mehrere Arten von Belegen. Sie werteten gemeldete Fänge von 1993 bis 2022, Bestandsbewertungen und politische Entscheidungen aus. Zusätzlich rekonstruierten sie mit sogenanntem Process Tracing die Entwicklung des Haitauchens auf den Inseln.
Im Sommer 2022 führten sie Gespräche mit 11 Tauchbetrieben: drei auf São Miguel sowie je vier auf Faial und Pico. Hinzu kamen vier Fachinterviews mit Meeresbiologen und regionalen Haiexperten. Die Gespräche dauerten zwischen 15 und 60 Minuten und behandelten unter anderem Sichtungen, wirtschaftliche Bedeutung und wahrgenommene Gefahren für die Haie.
Damit verbindet die Arbeit harte Fangstatistiken mit den Erfahrungen der Menschen, die regelmäßig zu den Haien fahren. Die beiden Datentypen beantworten jedoch unterschiedliche Fragen: Fangmengen zeigen den Druck im gesamten Nordatlantik, während die Interviews Veränderungen an einzelnen Tauchplätzen beschreiben.
Blauhaie: hohe Fänge, aber kein einfacher Absturz
Für Blauhaie (Prionace glauca) stiegen die gemeldeten nordatlantischen Fänge ab 2004 stark an. Von 2010 an lagen sie über mehrere Jahre bei etwa 38.000 bis 40.000 Tonnen; 2016 erreichten sie mit 43.622 Tonnen den höchsten Wert der untersuchten Reihe. Die spanische Flotte stellte in dieser Phase einen großen Anteil und meldete 2016 gut 30.000 Tonnen.
Trotz dieser Größenordnung beschreibt die Studie für Blauhaie vor den Azoren keinen gleichmäßigen Rückgang. Einige Tauchbetriebe erinnerten sich an schwache Jahre und eine spätere Erholung, andere sahen seit etwa 2018 eine Abnahme. Ein Betrieb berichtete, 2015 und 2016 seien 10 bis 15 Blauhaie häufig gewesen; 2022 seien acht bis zehn selten geworden und Tauchgänge mit keinem oder nur zwei bis drei Tieren häufiger vorgekommen.
Auch die Wartezeit wurde nach Angaben einzelner Betriebe länger. Wo zu Beginn des Haitauchens rund 30 Minuten Anfüttern genügt hätten, seien später teils zwei bis drei Stunden nötig gewesen. Solche Erinnerungen können eine Belastung anzeigen, sind aber keine standardisierte Zeitreihe. Die Autoren bewerten die Blauhai-Sichtungen deshalb insgesamt als schwankend und vergleichsweise stabil, nicht als klaren Beweis für einen lokalen Bestandszusammenbruch.
Kurzflossen-Makos werden zur Ausnahme
Bei Kurzflossen-Makos (Isurus oxyrinchus) fällt die Bilanz eindeutiger aus. Die gemeldeten Fänge im Nordatlantik waren bereits in den 1990er-Jahren hoch, stiegen nach 2000 erneut und erreichten 2010 noch einmal 4.760 Tonnen. Spätere Bestandsbewertungen stuften den Bestand als überfischt ein. Ein 2021 beschlossenes Fangverbot sollte die Erholung einleiten.
Parallel dazu wurden Makos an den Tauchplätzen immer seltener. Ein Tauchguide erinnerte sich zu Beginn um 2012 an erfolgreiche Begegnungen bei ungefähr sieben von zehn Ausfahrten. Später seien pro Saison nur noch vier bis fünf Tiere je Guide zusammengekommen. Andere Betriebe schilderten ebenfalls eine starke Abnahme.
Weil dieser Verlauf mit den Bestandsbewertungen und den Schutzmaßnahmen zusammenpasst, sehen die Autoren beim Kurzflossen-Mako einen deutlich plausibleren Zusammenhang zwischen Fischereidruck und seltenen Sichtungen vor den Azoren. Modellrechnungen, die sie zitieren, erwarten einen weiteren Rückgang der Biomasse bis 2035 und eine vollständige Erholung möglicherweise erst um 2070.
Die Tauchbranche wächst – bei höheren Betriebskosten
Haitauchen entwickelte sich auf den Azoren ab etwa 2011. Fotos von Haien an einem Walkadaver zogen einen ausländischen Experten an, der Betriebe in den Abläufen des Haitauchens schulte. Ein weiterer Tauchplatz, Pedra de Sousa, und die internationale Sichtbarkeit in sozialen Medien beschleunigten die Entwicklung. 2022 boten vier der befragten Betriebe auf Faial und zwei auf Pico aktiv Haitauchgänge an.
Die Preise lagen laut Studie bei 165 bis 195 Euro pro Person und Tauchgang. Für einzelne Anbieter machte das Haitauchen einen erheblichen Teil des Geschäfts aus. Trotzdem fanden die Autoren für 2011 bis 2022 keinen Beleg, dass die Hochseefischerei das wirtschaftliche Wachstum der Tauchbetriebe gebremst hätte. Erkennbar waren eher zusätzliche tägliche Kosten: mehr Treibstoff, längere Suchzeiten und mehr Aufwand beim Anfüttern.
Lebend oder gefangen: zwei Werte, die nicht direkt vergleichbar sind
Die Studie stellt dem Preis eines Haitauchgangs den durchschnittlichen Anlandewert von Blauhaifleisch gegenüber: 1,90 US-Dollar pro Kilogramm. Diese Zahlen sind keine fertige Kosten-Nutzen-Rechnung. Ein Kilogramm Fisch und ein Platz auf einem Tauchboot messen unterschiedliche Dinge, und auch Kosten, Fangmengen sowie die Zahl wiederholter Begegnungen müssten einbezogen werden.
Der Kontrast macht dennoch die politische Frage verständlich: Ein lebender Hai kann über Jahre wiederholt touristischen Wert erzeugen, während ein gefangener Hai nur einmal verkauft wird. Für wandernde Arten liegt der Nutzen zudem räumlich weit auseinander. Gefischt wird auf Hoher See, während die Tauchbetriebe auf den Azoren von den ankommenden Tieren leben.
Was die Untersuchung nicht beweisen kann
Die Autoren benennen mehrere Grenzen. Die Angaben zu Sichtungen beruhen auf Erinnerungen, weil die Betriebe keine einheitliche Langzeitstatistik führten. Die Fangkurven enthalten nur an ICCAT gemeldete Fänge; die tatsächliche Entnahme könnte höher liegen. Zudem wandern beide Haiarten über große Entfernungen, sodass Umweltbedingungen und andere Flotten die Begegnungen vor den Azoren ebenfalls beeinflussen können.
Gerade deshalb trennt die Studie sorgfältig zwischen einem sichtbaren Interessenkonflikt und einem bewiesenen wirtschaftlichen Schaden. Beim Mako verdichten sich die Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Überfischung. Beim Blauhai reichen die Daten dafür noch nicht aus. Und für die Tauchbranche zeigt sich bislang vor allem eine wachsende Verwundbarkeit, nicht ihr wirtschaftlicher Zusammenbruch.
Ein gemeinsamer Bestand, zwei Wirtschaftsmodelle
Die Azoren sind durch das Haitauchen zu einem neuen Interessenträger für pelagische Haie geworden. Entscheidungen über Fangquoten auf dem offenen Nordatlantik betreffen damit nicht nur Fischereibetriebe und Artenschutz, sondern auch weit entfernte, weniger extraktive Tourismusangebote.
Die zentrale Botschaft ist deshalb nicht, dass eine Branche bereits von der anderen verdrängt wurde. Sie lautet: Beide nutzen dieselbe wandernde Ressource, doch ihr Wert und ihre Risiken werden an verschiedenen Orten sichtbar. Systematische Sichtungsdaten der Tauchbetriebe könnten künftig zeigen, wann aus diesem Interessenkonflikt ein messbarer wirtschaftlicher Schaden wird – oder ob gutes Fischereimanagement ihn verhindern kann.



