Eine neue Veröffentlichung in Animal Biotelemetry beschreibt, wie ein frei schwimmender Weißer Hai (Carcharodon carcharias) vor Kanada mit einem Satellitensender an der Rückenflosse ausgestattet wurde ohne das Tier zuvor zu angeln, längsseits zu fixieren oder aus dem Wasser zu heben. Die Arbeit dokumentiert damit einen technischen Ansatz, der die Belastung großer Haie bei der Besenderung verringern könnte.
Das Versuchstier war eine etwa 14 Fuß beziehungsweise 4,3 Meter lange, weibliche Weiße Hai-Dame namens Salvager. Sie schwamm im Herbst 2025 an abgelegenen Inseln vor der Südwestspitze von Nova Scotia. Nach Angaben der Shark Research Foundation war sie der erste frei schwimmende Weiße Hai in kanadischen Gewässern, der auf diese Weise einen an der Flosse befestigten Satellitensender erhielt.
Warum Sender an der Rückenflosse wertvoll sind
Satellitensender an der Rückenflosse können Daten übermitteln, wenn die Flosse beim Schwimmen die Wasseroberfläche durchbricht. So entstehen über längere Zeit Positionsmeldungen, ohne dass das Tier erneut gefunden oder der Sender geborgen werden muss. Für eine weit wandernde Art wie den Weißen Hai können diese Daten Aufenthaltsgebiete, saisonale Routen und Verbindungen zwischen Küstenregionen sichtbar machen.
Herkömmlich werden solche Sender häufig angebracht, nachdem ein Hai mit Köder und Haken an ein Schiff gebracht und dort für die Montage kontrolliert wurde. Das ermöglicht präzises Arbeiten und zusätzliche Messungen, bedeutet aber Fang, Handling und eine zeitweise Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Für sehr große Tiere ist der logistische Aufwand zudem erheblich.
CO₂-Applikator statt Haken und Fixierung
Neil Hammerschlag von der Shark Research Foundation passte ein ferngesteuertes Markierungssystem an, das ursprünglich für Wale und Delfine entwickelt worden war. Zum Einsatz kam ein veterinärmedizinischer, mit CO₂ betriebener Applikator. Er beschleunigt die Befestigung aus einiger Entfernung auf die Rückenflosse.
Der Satellitensender wurde mit Titanpfeilen in der Flosse verankert. Entscheidend ist dabei nicht nur, das Ziel zu treffen: Winkel, Abstand, Energie und Befestigung müssen so gewählt werden, dass der Sender sicher sitzt, ohne unnötig tief einzudringen. Die Veröffentlichung ist deshalb vor allem eine technische Falldokumentation – keine Aussage, dass sich das Verfahren bereits bei vielen Tieren und unter allen Bedingungen bewährt hat.
Der praktische Vorteil liegt auf der Hand: Der Hai muss nicht angebissen haben und nicht am Boot gehalten werden. Das kann die Zeit in unmittelbarer Nähe des Schiffs verkürzen und jene Stressoren vermeiden, die durch Erschöpfung, Fixierung und Handling entstehen. Gleichzeitig verlangt der Distanzschuss sehr erfahrene Teams, ruhige Bedingungen und eine gute Sicht auf die Rückenflosse.
Salvager blieb zunächst in der Region
Die Shark Research Foundation berichtete nach der Markierung, dass Salvager zunächst überwiegend in der Nähe der äußeren Inseln blieb, an denen sie besendert worden war. Später schwamm sie auch in die Bay of Fundy. Die nahezu in Echtzeit eingehenden Positionen deuten damit an, dass die Inselregion für dieses einzelne Tier eine wichtige Rolle spielen könnte.
Aus der Route eines einzigen Hais lässt sich jedoch noch kein allgemeines Schlüsselhabitat für die gesamte Population ableiten. Dafür braucht es weitere Tiere, längere Laufzeiten und Vergleiche zwischen Jahren, Geschlechtern und Altersklassen. Salvagers Daten zeigen zunächst, dass die technische Kette von Anbringung, Sendung und öffentlicher Darstellung grundsätzlich funktioniert.
Weniger invasiv bedeutet nicht ohne Eingriff
Die Methode wird als nicht-invasiv beziehungsweise nicht einfangend beschrieben, weil der Hai nicht gehakt und fixiert wird. Ganz ohne körperlichen Eingriff ist sie dennoch nicht: Die Titanverankerungen durchdringen Gewebe der Rückenflosse und der Sender erzeugt zusätzlichen Widerstand. Wie lange die Befestigung hält und wie die Flosse langfristig reagiert, muss deshalb ebenso dokumentiert werden wie die Qualität der Positionsdaten.
Für eine belastbare Bewertung sind mehrere Maßstäbe wichtig: Treffer- und Befestigungsquote, Dauer der Übertragung, Wundheilung, mögliche Verhaltensreaktionen sowie ein Vergleich mit etablierten Verfahren. Auch Fehlschüsse oder unvollständige Befestigungen gehören in eine solche Bilanz. Erst wiederholte Einsätze können zeigen, unter welchen See- und Sichtbedingungen die Technik zuverlässig und vertretbar ist.
Ein Werkzeug für die Forschung an großen Haien
Der erste Einsatz in Kanada ist deshalb weniger Endpunkt als Ausgangspunkt. Gelingt es, die Technik zu standardisieren, könnten Forschende auch große oder vorsichtige Haie markieren, die sich nicht sicher fangen und längsseits halten lassen. Das würde den Kreis der untersuchbaren Individuen erweitern und möglicherweise Fang-bedingte Verzerrungen in Bewegungsdaten reduzieren.
Für den Schutz Weißer Haie sind solche Daten besonders wertvoll. Nur wenn bekannt ist, welche Gebiete sie regelmäßig nutzen, wann sie zwischen Regionen wechseln und wo sich einzelne Lebensphasen konzentrieren, lassen sich Schiffsverkehr, Fischerei und andere menschliche Aktivitäten räumlich und zeitlich besser bewerten. Salvagers Sender liefert dafür ein neues Datenfenster und zugleich einen Praxistest dafür, wie moderne Biotelemetrie mit weniger Fang und Handling auskommen kann.


