Kanaren: Forschende fordern mehr Schutz für Haie und Rochen

Latitud Azul warnt: In den Gewässern der Kanarischen Inseln leben 78 Hai- und Rochenarten, doch nur sechs stehen regional auf Schutzlisten. Ein neues Projekt soll Datenlücken schließen und Schutzvorschläge liefern.

Sharky6. Juli 2026
Meerengel Squatina squatina liegt im Sand

Die Kanarischen Inseln gelten für viele Taucherinnen und Taucher als Atlantikrevier mit überraschend vielfältiger Großfisch- und Rochenfauna. Doch genau diese Vielfalt ist bisher nur lückenhaft geschützt. Canarian Weekly berichtet über den Appell von Forschenden, Haie und Rochen auf den Kanaren deutlich stärker rechtlich abzusichern.

Der Kern der Warnung ist einfach: In kanarischen Gewässern kommen 78 Hai- und Rochenarten vor, aber nur sechs sind derzeit in der regionalen Schutzliste erfasst. Gleichzeitig gelten rund 45 Prozent dieser Arten als bedroht. Aus Sicht der Meeresschutzorganisation Latitud Azul klafft damit eine große Lücke zwischen biologischem Risiko und rechtlicher Absicherung.

Warum Daten über Schutz entscheiden

Ein zentrales Problem ist nicht fehlendes Interesse, sondern fehlende wissenschaftliche Grundlage. Nach spanischem und kanarischem Recht können Arten nur dann auf offizielle Schutzlisten gesetzt werden, wenn genügend belastbare Daten vorliegen. Genau daran mangelt es bei vielen Haien, Rochen und Chimären des Archipels.

Latitud Azul hat deshalb das Projekt Conservation Strategies for Sharks and Rays in the Canary Islands gestartet, unterstützt vom europäischen BestLife2030-Programm. Das Ziel ist, Daten zu sammeln, Risiken zu bewerten, Wissenslücken sichtbar zu machen und daraus eine Schutzstrategie zu entwickeln, die Behörden, Wissenschaft und Meeresnutzer zusammenbringt.

78 Arten im Blick

Das Projekt betrachtet alle 78 bekannten elasmobranchischen Arten der Kanarischen Inseln: 53 Haiarten und 25 Rochenarten. Dazu gehören küstennahe Arten, tiefere Atlantikbewohner, wandernde Großtiere und Rochen, die auf Sand- und Felslebensräume angewiesen sind. Viele dieser Tiere werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, geraten aber in Fischerei, Freizeitnutzung oder Lebensraumkonflikte.

Latitud Azul nennt zusätzlich 20 Prozent der Arten als datenarm. Das ist für den Schutz besonders heikel: Wenn nicht klar ist, wie häufig eine Art ist, welche Lebensräume sie nutzt oder welche Fangrisiken bestehen, lässt sich ein Schutzantrag schwer begründen. Der Mangel an Daten wird so selbst zu einem Risiko.

Vom Nachweis zur Schutzliste

Maite Asensio, Meereswissenschaftlerin und Mitgründerin von Latitud Azul, beschreibt den Ausgangspunkt des Projekts als sehr konkret. Die Organisation stieß auf Angebote, die auf den Kanaren das Angeln auf Haie und Rochen bewarben. Bei der Prüfung zeigte sich, dass viele betroffene Arten keinen oder nur unzureichenden rechtlichen Schutz hatten.

Daraus entstand ein größerer Ansatz: Zuerst werden vorhandene Daten zusammengetragen und Lücken benannt, dann eine Vulnerabilitätskarte und eine fachliche Strategie erstellt. In der Schlussphase sollen Vorschläge für zusätzliche Einträge in regionalen und nationalen Schutzkatalogen mit Umweltorganisationen, Wissenschaft, Behörden und marinen Stakeholdern abgestimmt werden.

Engelshai als Beispiel

Der Engelshai ist das bekannteste Beispiel dafür, dass Forschung Schutz ermöglichen kann. Die Kanaren gelten für Squatina squatina als einer der letzten starken Rückzugsräume. Gerade weil diese Art intensiv untersucht wurde, ist ihre Schutzbedürftigkeit politisch und fachlich viel sichtbarer als bei vielen Rochen oder weniger bekannten Haiarten.

Asensio verweist auch auf Rochenarten wie den Stierrochen. Wäre dort ähnlich viel wissenschaftliche Arbeit geleistet worden, könnten manche dieser Arten nach ihrer Einschätzung bereits vergleichbar geschützt sein. Das zeigt, wie eng Forschung, öffentliche Aufmerksamkeit und rechtliche Konsequenzen miteinander verbunden sind.

Fischerei bleibt der größte Druck

Als größte Gefahr nennt der Bericht menschliche Aktivitäten. Dazu gehören gezielte oder illegale Fischerei, Beifang, Küstenentwicklung, Lebensraumverlust, Verschmutzung, Abwassereinleitungen und zunehmende Nutzung des Meeresraums. Besonders stark touristisch genutzte Bereiche stehen unter Druck.

Auch Schiffsverkehr wird als Risiko genannt. In der öffentlichen Debatte geht es dabei oft um Kollisionen mit Walen und Delfinen, doch auch andere Meerestiere können durch Lärm, Verkehr, Habitatfragmentierung und direkte Störungen betroffen sein. Für Haie und Rochen kommt hinzu, dass sie durch langsame Fortpflanzung Verluste oft nur sehr langsam ausgleichen.

Klimawandel erreicht die Kinderstuben

Der Klimawandel verschärft die Lage zusätzlich. Steigende Wassertemperaturen wurden bereits mit Veränderungen bei der Fortpflanzung des stark bedrohten Engelshais in kanarischen Gewässern in Verbindung gebracht. Damit geht es nicht nur um einzelne Tiere, sondern um die Lebensräume, in denen Jungtiere entstehen und heranwachsen.

Gerade für tauchrelevante Küstengebiete ist das eine ernste Botschaft. Ein schöner Sandgrund, ein Hafenrand oder ein urban geprägter Küstenabschnitt kann für manche Arten ein wichtiger Aufenthalts- oder Fortpflanzungsraum sein. Schutz muss deshalb über spektakuläre Offshore-Szenen hinausdenken.

Schutzgebiete allein reichen nicht

Die Forschenden betonen, dass Artenschutzlisten nur ein Teil der Lösung sind. Derzeit genießt nach dem Bericht nur rund ein Prozent der marinen Umwelt der Kanaren strengen Schutz. Einzelne Arten auf Listen zu setzen hilft wenig, wenn wichtige Lebensräume weiter belastet werden oder Regeln auf dem Wasser kaum greifen.

Latitud Azul hat deshalb auch an zwei international anerkannten Important Shark and Ray Areas mitgewirkt: El Pajar und Las Canteras, beide auf Gran Canaria. ISRAs sind keine rechtlichen Schutzgebiete, markieren aber Lebensräume, die für Haie und Rochen fachlich besonders wichtig sind. Sie können helfen, Schutzplanung und Behördenentscheidungen zu fokussieren.

Warum das für Taucher wichtig ist

Für Taucherinnen, Schnorchler und Meeresbeobachter ist die Debatte mehr als Verwaltungssprache. Sichtungen, Fotos und Begegnungen können Hinweise liefern, aber sie ersetzen keine koordinierte Forschung. Gleichzeitig haben Tauch- und Tourismussektor eine besondere Verantwortung, weil sie Tiere sichtbar machen und Nutzungskonflikte entweder verschärfen oder entschärfen können.

Latitud Azul setzt deshalb auch auf Aufklärung. Die Organisation hat in den vergangenen Monaten alle acht Inseln besucht, um falsche Vorstellungen über Haie abzubauen und über die Rolle von Haien und Rochen im Ökosystem zu sprechen. Ein Dokumentarfilm soll die wissenschaftliche Arbeit und die Stimmen von Meeresschützern zusätzlich öffentlich zugänglich machen.

Der nächste Schritt ist politisch

Die wissenschaftliche Arbeit kann die Grundlage liefern, aber der entscheidende Schritt liegt bei den Behörden. Wenn weitere Arten in regionale und nationale Schutzlisten aufgenommen werden sollen, braucht es politischen Willen, klare Verfahren und Durchsetzung. Gerade bei Arten, deren Populationen bereits fragil sind, kann jahrelange Bürokratie zu langsam sein.

Für Haitauchen ist die Lehre klar: Die Kanaren sind nicht nur ein attraktives Reiseziel, sondern ein wichtiger Atlantikraum für Haie und Rochen. Wenn fast die Hälfte der erfassten Arten bedroht ist und viele zugleich kaum rechtlich abgesichert sind, reicht Bewunderung unter Wasser nicht aus. Schutz beginnt mit Daten, wird aber erst mit Regeln, Kontrollen und respektvoller Nutzung wirksam.

Quellen

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