Haie im Mittelmeer: Mehr Sichtungen bedeuten keinen Boom

Videos von Haien vor italienischen Küsten wirken wie ein Trend. Der Meeresbiologe Antonio Di Natale widerspricht: Im Mittelmeer sind Haie nicht häufiger geworden, sondern stehen weiter unter Druck.

Sharky5. Juli 2026
Blauhai von schräg vorne

An den italienischen Küsten häufen sich derzeit Videos und Meldungen über Haie: Sardinien, Ligurien, Toskana, Sizilien, Apulien. Dazu kam der tote Stumpfnasen-Sechskiemerhai vor Follonica. Aus solchen Einzelnachrichten entsteht schnell der Eindruck, im Mittelmeer seien plötzlich mehr Haie unterwegs. Genau dieser Eindruck ist aber trügerisch.

Der Schweizer Sender RSI hat den Meeresbiologen Antonio Di Natale dazu befragt. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Nein, die Haie im Mittelmeer nehmen nicht zu. Di Natale ordnet die Entwicklung im Gegenteil als langjährigen Rückgang ein, vor allem durch Fischerei und die allgemeine Belastung der Meeresumwelt.

Sichtbarkeit ist kein Bestandstrend

Der wichtigste Unterschied liegt zwischen dem, was im Meer passiert, und dem, was Menschen heute sehen. Früher waren auf dem offenen Meer vor allem Fischer unterwegs, dazu wenige private Boote. Heute fahren Millionen Menschen zum Baden, Segeln, Angeln, Tauchen, Schnorcheln oder einfach für Ausflüge hinaus. Damit steigen die Chancen, einem Hai zu begegnen oder ihn wenigstens kurz zu filmen.

Dazu kommt die Geschwindigkeit sozialer Medien. Ein einzelnes Video vom Boot, ein Schatten im Wasser oder eine Rückenflosse nahe einer Küste kann binnen Stunden überall auftauchen. Das erzeugt Nähe und Wiederholung: Was früher eine lokale Beobachtung geblieben wäre, wirkt heute wie eine Serie. Für den Bestand sagt diese Sichtbarkeit allein aber fast nichts aus.

Welche Haie im Mittelmeer vorkommen

Im Mittelmeer leben nach der RSI-Einordnung rund 40 Haiarten. Viele davon sind kleine, bodennahe Arten, die Menschen praktisch nie gefährlich werden, etwa Katzenhaie oder Schlinghaie. Sie werden eher gelegentlich in der Fischerei sichtbar als beim Baden an der Oberfläche.

Daneben kommen größere pelagische Arten vor: Blauhai, Heringshai, Mako, Fuchshai, Hammerhai und auch der Weiße Hai gehören zur mediterranen Fauna. Das bedeutet nicht, dass solche Tiere häufig vor Stränden auftauchen. Es bedeutet nur, dass das Mittelmeer kein haifreier Nebenraum ist, sondern ein alter Lebensraum mehrerer wandernder Haiarten.

Für die Risikoeinordnung ist entscheidend, dass Menschen keine normale Beute dieser Tiere sind. Di Natale betont gegenüber RSI, dass Haie den Kontakt mit Menschen eher meiden. Viele Begegnungen entstehen deshalb nicht, weil Haie aktiv die Nähe von Badenden suchen, sondern weil Menschen, Boote und Kameras heute viel öfter dort sind, wo Haie gelegentlich ohnehin vorbeiziehen.

Warum Haie küstennah gesehen werden

Wenn ein Hai in Küstennähe auftaucht, steckt dahinter oft keine dramatische Verhaltensänderung. Häufig folgt das Tier einem Fischschwarm, der selbst näher an Land gezogen ist. Auch professionelle Fischerei kann Haie anziehen: Vibrationen, gefangene Fische und Blutspuren rund um ein Boot sind starke Signale im Wasser.

Viele der verbreiteten Videos entstehen deshalb nicht direkt am Badestrand, sondern von Fischerbooten oder Freizeitbooten aus. Aus der Perspektive der Kamera wirkt der Hai dann sehr nah und überraschend. Ökologisch kann es sich trotzdem um normales Such- oder Fressverhalten in einem produktiven Abschnitt des Mittelmeers handeln.

Das eigentliche Problem ist der Rückgang

Während Sichtungen Schlagzeilen machen, liegt das größere Problem im Schwinden vieler Bestände. Über Jahrzehnte wurden Haie im Mittelmeer gezielt gefangen oder als Beifang mitgenommen. Di Natale erinnert im RSI-Beitrag unter anderem an frühere sizilianische Treibnetze, die ausdrücklich auf pelagische Haie zielten.

Heute sind mehrere Arten international geschützt und müssen bei zufälliger Fangaufnahme freigelassen werden. Das ist ein Fortschritt, ersetzt aber keine stabilen Bestände. Gerade weil viele Haie langsam wachsen, spät geschlechtsreif werden und nur wenige Jungtiere bekommen, wirken Verluste lange nach.

Eine regionale IUCN-Bewertung ordnete 39 von 73 bewerteten mediterranen Arten von Haien, Rochen und Chimären als regional bedroht ein. Diese Zahl bezieht sich auf die größere Gruppe der Knorpelfische, nicht nur auf Haie, zeigt aber, wie stark der Druck im Mittelmeer ist.

Warum der Rückgang schwer zu beziffern ist

Ein Problem der Debatte ist die Datenlücke. Für große Teile des 20. Jahrhunderts wurden Fänge nicht systematisch genug erfasst, um heutige Bestände sauber mit historischen Werten zu vergleichen. Wenn alte Statistiken lückenhaft sind, lässt sich ein Rückgang zwar biologisch und fischereilich gut einordnen, aber nicht immer exakt in Prozentzahlen übersetzen.

Genau deshalb sind dramatische Behauptungen in beide Richtungen problematisch. Aus ein paar Videos folgt kein Boom. Aus fehlenden Sichtungen an einem Ort folgt aber auch nicht automatisch, dass eine Art überall verschwunden ist. Seriöse Einordnung braucht Fangdaten, Sichtungen, Forschungsfahrten, Telemetrie, Schutzstatus und den Blick auf einzelne Arten.

Klimawandel macht die Lage nicht einfacher

Das wärmer werdende Mittelmeer kann Verbreitung und Beuteverfügbarkeit verschieben. Haie sind mobile Tiere und können auf Temperatur, Nahrung und Sauerstoffbedingungen reagieren. Gleichzeitig verändern tropische und wärmeliebende Arten, die ins Mittelmeer einwandern oder dort häufiger werden, die Nahrungsnetze.

Di Natale warnt jedoch vor zu einfachen Prognosen. Manche erwarten, dass Haie mit der Erwärmung häufiger werden; andere sehen vor allem den fortgesetzten Rückgang. Die ehrlichere Antwort lautet: Für belastbare Vorhersagen fehlen noch Daten. Gerade deshalb ist es wichtig, Sichtungen nicht als Beweis für eine fertige Klimageschichte zu verkaufen.

Was Taucherinnen und Küstenbesucher daraus lernen können

Für Menschen am Wasser ist die praktische Lehre ruhig und unspektakulär: Ein Hai im Mittelmeer ist keine Sensationskulisse und kein automatisches Warnsignal. Abstand halten, nicht verfolgen, keine Tiere bedrängen, keine Köder- oder Futterversuche starten und gute Beobachtungen an zuständige Stellen melden – das hilft mehr als alarmistische Clips.

Für Haitauchen ist die Geschichte vor allem ein Hinweis auf Wahrnehmung. Mehr Kameras erzeugen mehr Hai-Momente im Netz. Daraus darf man aber nicht ableiten, dass sich die ökologische Lage verbessert. Wer Haie im Mittelmeer ernst nimmt, sollte die seltene Sichtung nicht feiern, ohne gleichzeitig über Beifang, Schutzregeln, Lebensräume und belastbare Forschung zu sprechen.

Warum Haie gebraucht werden

Haie sind wichtige Räuber in marinen Ökosystemen. Sie beeinflussen, welche Beutetiere überleben, entfernen leichter kranke oder geschwächte Tiere und tragen so zur Stabilität von Fischgemeinschaften bei. Wenn diese Funktion verloren geht, verändert sich nicht nur die Haiwelt, sondern das gesamte Nahrungsnetz.

Die eigentliche Nachricht aus dem RSI-Beitrag ist deshalb keine Entwarnung für Badende, sondern eine Korrektur der Perspektive. Im Mittelmeer sind Haie nicht plötzlich überall. Sie waren immer Teil dieses Meeres, sind heute aber in vielen Beständen verletzlich. Mehr Videos zeigen vor allem, wie sichtbar unsere Meere geworden sind – nicht, dass ihre großen Räuber wieder sicher wären.

Quellen

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