Trawler vor Sabah holen nicht nur ihre Zielfänge an Bord. In den Netzen landen regelmäßig Haie und Rochen, darunter bedrohte Arten und sehr viele Jungtiere. Eine neue Studie zeigt erstmals in hoher räumlicher Auflösung, wo sich dieser Beifang besonders konzentriert.
SharkCam filmt den Fang alle fünf Sekunden
Das Team der Marine Research Foundation entwickelte dafür ein eigenes elektronisches Monitoringsystem: Die sogenannte SharkCam wurde über dem Arbeitsdeck montiert und fotografierte alle fünf Sekunden, was aus den Netzen entleert und anschließend sortiert wurde. Zeitstempel und GPS-Daten machten jeden dokumentierten Fang räumlich und zeitlich zuordenbar.
Zwischen September 2019 und Februar 2023 kamen die Kameras auf 39 Trawlern zum Einsatz. Die Schiffe liefen von Kota Kinabalu, Sandakan, Kudat, Lahad Datu, Tawau und Semporna aus. Insgesamt erfasste die Untersuchung 3.537 Fangtage und 5.573 einzelne Hols über einen Zeitraum von 42 Monaten.
Das Verfahren ersetzt keine vollständige Beobachtung der gesamten Fischerei. Es liefert aber Daten, die in Flotten ohne flächendeckendes menschliches Beobachterprogramm sonst kaum verfügbar wären: Welche Arten werden gefangen, wann geschieht das und an welchen Positionen häufen sich die Fänge?
Mehr als 9.400 Haie und Rochen im Beifang
Die Kamerabilder zeigten mehr als 9.400 Haie und Rochen aus 60 Arten: 22 Haiarten und 38 Rochenarten. 51 dieser 60 Arten – also 85 Prozent der festgestellten Artenvielfalt – wurden als gefährdet, bedroht oder geschützt eingestuft. Bei den einzelnen Tieren lag dieser ETP-Anteil bei 34 Prozent. ETP steht dabei für Endangered, Threatened and Protected und ist nicht mit einem einheitlichen gesetzlichen Schutzstatus gleichzusetzen.
Rochen waren deutlich häufiger vertreten als Haie; das Verhältnis lag bei etwa 1 zu 1,8. Das passt zu ihrer Lebensweise: Viele Rochen halten sich eng am Meeresboden auf und überschneiden sich dadurch besonders stark mit dem Arbeitsbereich von Grundschleppnetzen.
Unter den genauer untersuchten ETP-Haien fanden sich Carcharhinus tjutjot, der Milchhai (Rhizoprionodon acutus) und Hammerhaie der Gattung Sphyrna. Bei den Hammerhaien waren Bogenstirn- und Große Hammerhaie vertreten. Weil sich nicht jedes Tier auf den Bildern sicher bis zur Art bestimmen ließ, wertete die Studie ihre räumlichen Muster gemeinsam auf Gattungsebene aus.
Drei Regionen verlangen besondere Aufmerksamkeit
Die räumliche Analyse identifizierte Gebiete mit besonders dichtem Beifang im Norden von Kudat, östlich des Tun-Mustapha-Parks und bei Beluran. Haifänge waren vor allem östlich des Tun-Mustapha-Parks konzentriert. Rochen wurden in größerer Zahl und über eine breitere Fläche erfasst, weshalb ihre Belastung räumlich weniger stark auf einen einzigen Hotspot begrenzt war.
Die Forschenden berechneten außerdem den Beifang pro 100 Schleppstunden. Bei den drei fokussierten Hai-Gruppen erreichte der Milchhai im jeweils fangstärksten Distrikt mit 26,2 Tieren pro 100 Schleppstunden den höchsten Wert. Beim Indonesischen Schmalnasenrochen Telatrygon biasa waren es 202,3 Tiere pro 100 Schleppstunden. Die Kennzahl macht Gebiete mit unterschiedlicher Fischereiintensität besser vergleichbar.
Viele Jungtiere – aber noch kein Beweis für Kinderstuben
Besonders auffällig war die Altersstruktur. Beim Milchhai, bei den Hammerhaien und bei den Peitschenrochen Maculabatis gerrardi/M. macrura bestanden die Fänge in den meisten Monsunzeiten zu mehr als 80 Prozent aus neugeborenen oder unreifen Tieren. Verletzliche frühe Lebensphasen geraten damit regelmäßig in die Trawlernetze.
Die Studie warnt jedoch vor einer vorschnellen Bezeichnung als Kinderstube. Dafür müssten Jungtiere in einem Gebiet häufiger als anderswo vorkommen, dort länger bleiben oder zurückkehren und das Gebiet über mehrere Jahre wiederholt nutzen. Die Kameradaten zeigen räumliche und saisonale Belastungsmuster, aber keine individuelle Standorttreue. Weitere populationsbezogene Forschung ist nötig.
Auch ein einfaches Saisonmuster ergab sich nicht für alle Arten. Signifikante Unterschiede in der Alterszusammensetzung zwischen Nordostmonsun, Südwestmonsun und den Zwischenmonsunen wurden nur für Brevitrygon heterura und Telatrygon biasa nachgewiesen. Schutzmaßnahmen müssen daher je nach Art und Gebiet zugeschnitten werden.
Hotspots reichen in Schutzgebiete hinein
Mehrere Beifang-Hotspots lagen innerhalb oder am Rand von Meeresschutzgebieten. Zwei überschnitten sich mit dem Tun-Mustapha-Park; ein Hotspot östlich davon überlappte außerdem das Sugud Islands Marine Conservation Area. Das zeigt, dass Schutzgebietsgrenzen allein Interaktionen mit der Fischerei nicht automatisch verhindern.
Dabei ist die rechtliche Lage differenziert. Im Tun-Mustapha-Park ist Grundschleppnetzfischerei in kommerziellen Fischereizonen vorgesehen, in anderen Zonen nicht. Während des Untersuchungszeitraums waren der überarbeitete Erlass und der Zonenplan laut Studie noch nicht formell in Kraft; die dort dokumentierten Fänge waren deshalb nicht automatisch illegal. Im Sugud-Schutzgebiet ist kommerzielle Fischerei dagegen untersagt.
Zeit-Raum-Schließungen statt pauschaler Verbote
Die Autorinnen und Autoren empfehlen, die drei besonders belasteten Regionen bei Fischereimaßnahmen zu priorisieren. Denkbar sind zeitlich und räumlich begrenzte Schließungen, angepasste Fanggeräte sowie bessere Verfahren für lebend an Bord gelangte Tiere. Wo sensible Lebensphasen in mehreren Jahreszeiten vorkommen, reicht eine kurze saisonale Pause möglicherweise nicht aus.
Elektronisches Monitoring könnte zugleich die Grundlage für ein adaptives Management liefern. Werden Kameras auf mehr Schiffen und über weitere Fanggebiete eingesetzt, lässt sich prüfen, ob sich Hotspots verlagern und ob Maßnahmen den Beifang tatsächlich senken. Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit mit Fischereibehörden, Bootsbesitzern und Fischergemeinden.
Was die Kameradaten nicht zeigen
Die Forschenden benennen mehrere Grenzen. Unscharfe oder dunkle Bilder und sehr ähnlich aussehende Arten erschwerten die Bestimmung. Körperlängen wurden anhand fester Maße auf den Bootsdecks geschätzt, konnten aber nicht durch direkte Messungen kontrolliert werden. Die manuelle Bildauswertung kann einzelne Tiere übersehen haben, auch wenn das Team die Erkennungsquote auf mehr als 95 Prozent schätzt.
Hinzu kommt die räumliche Stichprobe: Die beteiligten Trawler befischten nicht die gesamten Gewässer Sabahs. Eine leere Stelle auf der Karte bedeutet daher nicht, dass dort keine Haie oder Rochen leben, sondern möglicherweise nur, dass dort kein überwachter Hol stattfand. Die Karten zeigen Beifang-Hotspots der beobachteten Fischerei – keine vollständige Verbreitungskarte der Arten.
Ein Werkzeug für gezielteren Haischutz
Trotz dieser Grenzen macht die Studie ein bislang schwer sichtbares Problem messbar. Beifang ist nicht gleichmäßig verteilt, und ein großer Teil betrifft bedrohte Arten oder frühe Lebensstadien. Genau diese räumliche Information erlaubt es, Schutz dort anzusetzen, wo mit begrenzten Eingriffen besonders viele Tiere erreicht werden könnten.
Für Sabah ist das eine konkrete Managementaufgabe: Monitoring ausweiten, Regeln in Schutzgebieten wirksam umsetzen und Maßnahmen an realen Fangmustern ausrichten. Die SharkCam löst das Beifangproblem nicht. Sie zeigt aber, wo Behörden und Fischerei gemeinsam beginnen können.



