Eine neue Studie in Reviews in Fish Biology and Fisheries untersucht, wie stark verschiedene Fischereien den Seidenhai im Atlantik belasten und welche Managementmaßnahmen den Beifang am wirksamsten verringern könnten.
Leire Lopetegui-Eguren und ihr Team veröffentlichten die Arbeit am 20. Juli 2026. Sie bewertet 28 alternative Schutz- und Managementmaßnahmen für die großen, von ICCAT betreuten Fischereien.
Warum klassische Bestandsanalysen kaum greifen
Der Seidenhai, Carcharhinus falciformis, lebt pelagisch und wird weltweit häufig als Beifang der Thunfisch- und Schwertfischfischerei gefangen. Für den Atlantik fehlen jedoch viele Daten, die eine klassische Bestandsanalyse benötigen würde. Fangaufwand, Selektivität der Geräte und tatsächliche Fangeffizienz sind räumlich und zwischen Flotten nur lückenhaft bekannt.
Die Forschenden verwendeten deshalb EASI-Fish, die Ecological Assessment of Sustainable Impacts of Fisheries. Dieser Ansatz verbindet die räumliche Verbreitung einer Art mit Fischereiaufwand, Fangwahrscheinlichkeit, Biologie und Sterblichkeit. So lassen sich mehrere Fischereien gemeinsam betrachten, auch wenn die Datengrundlage unvollständig ist.
Langleinen erzeugen den größten kumulativen Druck
Im Modell trugen industrielle Langleinenfischereien am stärksten zur kumulativen Fischereisterblichkeit bei. Entscheidend war ihre große räumliche Überlappung mit dem Verbreitungsgebiet des Seidenhais. Ringwaden, Kiemennetze und Handleinen hatten kleinere, aber weiterhin relevante Beiträge.
Eine einzige, scheinbar dominante Fangmethode erklärt das Risiko damit nicht vollständig. Der Wert der Studie liegt gerade in der gemeinsamen Bilanz: Viele Flotten und Geräte wirken gleichzeitig auf dieselbe Population ein, während einzelne Datensätze jeweils nur einen Ausschnitt zeigen.
Von zunehmend gefährdet bis höchst gefährdet
Die Bewertung hängt stark davon ab, wie Unsicherheit behandelt wird. Unter Annahmen, die Unsicherheitsbereiche ausdrücklich abbilden, reichte der Status bis zu „zunehmend gefährdet“. Unter vorsorglichen Annahmen fiel er in die höchste Gefährdungskategorie des verwendeten Verfahrens.
Das ist kein Widerspruch, sondern ein wichtiges Ergebnis. Die Spannweite zeigt, dass fehlende Daten selbst ein Managementrisiko darstellen. Wird nur mit den optimistischsten Werten gerechnet, kann der Druck unterschätzt werden; eine vorsorgliche Bewertung macht sichtbar, wie ungünstig die Lage sein könnte.
Zeitliche Schließungen wirken im Modell am stärksten
Unter den 28 geprüften Optionen erzielten Vermeidungsmaßnahmen die größten Rückgänge der modellierten Gefährdung. Dazu gehörten statische zeitliche Schließungen von Gebieten, in denen sich Fischerei und Seidenhaie besonders stark überschneiden. Solche Maßnahmen verhindern Kontakte, bevor ein Tier überhaupt an ein Fanggerät gerät.
Maßnahmen zur Verringerung der Folgen eines bereits erfolgten Kontakts fielen moderater aus. Dazu zählen ein Verbot von Stahlvorfächern in der Langleinenfischerei sowie bessere Handhabungs- und Freilassungspraktiken auf Ringwadenfängern. Kombiniert verbesserten sie das Ergebnis zusätzlich.
Eine Hierarchie statt einer Einzelmaßnahme
Die Autoren sprechen sich damit für eine abgestufte Strategie aus: Begegnungen mit Fanggeräten möglichst vermeiden, unvermeidbare Fänge reduzieren und die Überlebenschance gefangener Tiere verbessern. Keine einzelne Maßnahme löst das Problem für alle Flotten, Gebiete und Fangmethoden.
Gerade dieser kombinierte Ansatz ist für ICCAT relevant. Die Organisation regelt Thunfisch- und verwandte Fischereien im Atlantik, deren Fanggebiete nationale Grenzen weit überschreiten. Schutzmaßnahmen müssen deshalb auf die räumliche Verteilung von Haien und Fischereiaufwand abgestimmt werden.
Wo neue Daten den größten Unterschied machen
Die Analyse benennt drei besonders kritische Lücken: tatsächlicher Fischereiaufwand, Effizienz verschiedener Geräte und ihre Selektivität. Gezielte Forschung in diesen Bereichen würde die Spannweite der Bewertung verkleinern und zeigen, welche Maßnahmen unter realen Bedingungen am meisten Schutz pro Eingriff liefern.
Die Studie liefert daher keine scheinbar exakte Bestandszahl. Sie bietet stattdessen einen Rahmen, mit dem Entscheidungen trotz Unsicherheit verglichen werden können. Für den Seidenhai im Atlantik lautet die Kernaussage: räumliche Überlappung zuerst vermeiden, technische und praktische Verbesserungen ergänzend einsetzen und die größten Datenlücken gezielt schließen.


