Stachelmakrelen nutzen Haie als mobile Kratzflächen

Auf den Seychellen filmten Forschende drei Stachelmakrelenarten, die sich gezielt an Grau-, Bullen- und Tigerhaien rieben. Parasiten könnten der Grund sein – direkt nachgewiesen wurde ihre Entfernung jedoch nicht.

Sharky15. August 2026
Grauer Riffhai schwimmt zwischen Stachelmakrelen vor den Seychellen
Standbild aus einem Video der Save Our Seas Foundation.

Eine neue Studie im Journal of Fish Biology beschreibt ein ungewöhnliches Verhalten aus den Gewässern der Seychellen: Drei Arten von Stachelmakrelen schwammen gezielt an großen Haien entlang und rieben ihren Körper an deren rauer Haut. Dokumentiert wurden Begegnungen mit Grauen Riffhaien , Bullenhaien und Tigerhaien. Für Bullen- und Tigerhaie sind es nach Angaben der Forschenden die ersten veröffentlichten Freilandbeobachtungen dieser Art.

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Die naheliegende Erklärung ist Körperpflege. Die Stachelmakrelen könnten mit dem Reiben Ektoparasiten, abgestorbene Haut oder andere Reizungen loswerden. Genau hier ist wissenschaftliche Vorsicht nötig: Die Kameras belegen das absichtliche Reiben, nicht aber, dass dabei tatsächlich Parasiten entfernt wurden. Die Parasitenreduktion ist eine plausible und durch frühere Forschung gestützte Hypothese, kein direkt gemessenes Ergebnis der neuen Studie.

Mehr als 500 Stunden Unterwasservideo ausgewertet

Nico Fassbender und sein Team untersuchten mehr als 500 Stunden Material von beköderten Unterwasserkameras, sogenannten BRUVS. Die Aufnahmen stammten aus mehreren Teilen des Seychellen-Archipels: von der Nordwest- und Ostküste Mahés, der Westküste von Praslin einschließlich Cousin und Cousine sowie aus dem St.-Joseph-Atoll und von D’Arros in den Amiranten. Damit handelt es sich nicht um eine einzelne Zufallsaufnahme an nur einem Riff.

Beteiligt waren Blauflossen-Stachelmakrelen (Caranx melampygus), Schwarzgoldene Pilotmakrelen (Gnathanodon speciosus) und Gelbflecken-Trevallies (Turrum fulvoguttatum). Die Fische näherten sich einzeln oder in Gruppen, folgten dem Hai und beschleunigten dann neben seinem Körper. Beim Kontakt strichen sie von der Flanke in Richtung Kopf über die Haihaut.

Ein gezieltes Manöver mit eingebauter Sicherheitsgrenze

Der Ablauf wirkte nicht wie eine zufällige Kollision. Die Stachelmakrelen positionierten sich wiederholt neben einem schwimmenden Hai und nutzten dessen Körper für einen kurzen, kontrollierten Kontakt. Auffällig war, dass sie den Kopfbereich nicht erreichten. Fassbender interpretiert dies als mögliche Vorsicht vor dem gefährlichen Ende des vermeintlichen Putzgeräts. Schließlich gehören große Stachelmakrelen grundsätzlich zum Beutespektrum von Bullen- und Tigerhaien.

Die Videoaufnahmen der Begegnungen zeigen zugleich, wie unspektakulär die Haie selbst reagierten: Ein offensichtliches Abwehr-, Jagd- oder Fluchtverhalten war nicht zu erkennen. Das spricht dafür, dass der kurze Kontakt für sie zumindest in diesen Situationen keine größere Störung darstellte. Einen Nutzen für den Hai weist die Studie allerdings nicht nach. Es wäre daher verfrüht, von einer gegenseitig vorteilhaften Symbiose zu sprechen.

Warum ausgerechnet Haihaut?

Haihaut fühlt sich entgegen ihrem glatten Erscheinungsbild rau an. Sie ist mit winzigen, zahnähnlichen Placoidschuppen bedeckt. Streicht ein Fisch in der passenden Richtung darüber, kann diese Oberfläche wie eine bewegliche Feile wirken. Anders als ein Felsen schwimmt der Hai außerdem durch das Riff und wird damit gewissermaßen zu einer mobilen Kratzfläche.

Bemerkenswert ist, dass an den untersuchten Riffen sowohl feste Putzerstationen als auch raue Korallenoberflächen verfügbar waren. Die Fische waren also nicht mangels Alternativen auf Haie angewiesen. Dass sie dennoch die riskantere, bewegliche Oberfläche wählten, deutet darauf hin, dass deren Beschaffenheit oder Erreichbarkeit einen besonderen Vorteil bieten könnte. Welche Eigenschaft ausschlaggebend ist, wurde nicht getestet.

Parasiten sind die beste Erklärung – aber noch kein Beweis

Äußere Parasiten können Haut, Kiemendeckel und empfindliche Bereiche um die Augen von Fischen besiedeln. Kratzen ist deshalb bei vielen Fischarten als Form der Körperpflege bekannt. Im neuen Material wurden jedoch weder die Parasitenlast vor und nach einem Kontakt gezählt noch abgelöste Parasiten erfasst. Auch ein Vergleich des Gesundheitszustands kratzender und nicht kratzender Tiere fand nicht statt.

Sauber formuliert zeigt die Arbeit somit dreierlei: Das Verhalten war gezielt, es trat bei mehreren Stachelmakrelen- und Haiarten auf, und es wurde trotz anderer Putzmöglichkeiten beobachtet. Dass dadurch Ektoparasiten entfernt und die Fitness der Fische verbessert werden, ist eine biologisch gut begründete Interpretation, die künftig experimentell oder durch besonders detailreiche Aufnahmen geprüft werden müsste.

Frühere Beobachtungen stützen die Hypothese

Das Verhalten ist nicht völlig ohne Vorläufer. eine Studie aus dem Jahr 2022 dokumentierte, wie große pelagische Fische – darunter Thune und Regenbogenmakrelen – sich in drei Ozeanen an Haien oder Artgenossen rieben. Die Kontakte betrafen häufig Kopf, Augenregion, Kiemendeckel und Flanken, also Körperbereiche, an denen Parasiten häufig sitzen. Die Forschenden werteten das ebenfalls als wahrscheinliche Körperpflege.

In dieser älteren Untersuchung bevorzugten die Fische Haie gegenüber anderen Knochenfischen als Reibefläche. Vor allem größere Fische nutzten Haie; für kleinere Tiere könnte das Risiko, selbst zur Beute zu werden, höher sein. Die neue Arbeit erweitert dieses Bild nun von der offenen See in tropische Rifflandschaften und um konkrete Interaktionen mit Grau-, Bullen- und Tigerhaien.

Haie prägen ein Riff auch durch unscheinbare Dienste

Die Save Our Seas Foundation ordnet die Beobachtung in eine größere ökologische Frage ein: Wenn Haie aus einem Lebensraum verschwinden, fehlen möglicherweise nicht nur große Räuber im Nahrungsnetz. Auch seltene und bislang kaum bekannte Interaktionen können verloren gehen. Falls das Reiben tatsächlich Parasiten reduziert, könnten Haie auf diese Weise indirekt zur Gesundheit anderer Rifffische beitragen.

Das ist vorerst eine funktionelle Hypothese und keine bezifferte Ökosystemleistung. Wie häufig einzelne Fische Haie nutzen, ob die Kontakte ihre Parasitenlast messbar senken und ob daraus ein Vorteil für Populationen entsteht, ist offen. Gerade deshalb sind lange Kameraserien wertvoll: Sie machen kurze Verhaltensweisen sichtbar, die Taucherinnen und Taucher nur mit viel Glück beobachten würden.

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