Als Tropensturm Hilary am 20. August 2023 die Küste Südkaliforniens erreichte, verließen viele junge Weiße Haie (Carcharodon carcharias) vorübergehend eine bekannte Kinderstube vor Torrey Pines und Del Mar. Von 22 akustisch markierten Tieren verschwanden zeitweise mehr als die Hälfte aus dem überwachten Küstenabschnitt. Fast alle kehrten innerhalb von drei Wochen zurück.
Eine neue Open-Access-Studie in Movement Ecology liefert damit nach Angaben des Forschungsteams den ersten direkten Nachweis dafür, wie junge Weiße Haie auf ein extremes Sturmereignis reagieren. Die Daten zeigen keine dauerhafte Aufgabe der Kinderstube, sondern eine teilweise und überwiegend kurze Evakuierung mit schneller Rückkehr.
22 Haie und mehr als eine halbe Million Signale
Die Untersuchung war möglich, weil vor dem seltenen Sturm bereits ein dichtes Netz aus Unterwasserempfängern installiert war. Die 22 erfassten Haie, 13 Weibchen und neun Männchen, trugen akustische Sender. Zwischen dem 1. August und dem 10. September 2023 registrierte das System mehr als 524.000 Signale der Tiere.
Vor Hilary wurden in der Kinderstube gewöhnlich 16 bis 19 markierte Haie pro Stunde nachgewiesen. Während des Sturms sank die Zahl bis auf acht. Die einzelnen Abwesenheiten dauerten zwischen zwei Stunden und 15 Tagen. Nur ein Hai, der beim Eintreffen des Sturms verschwand, wurde im weiteren Jahresverlauf 2023 nicht erneut im engmaschig überwachten Gebiet erkannt.
Ein Sturm kann auch die Messtechnik stören
Weniger Signale bedeuten bei akustischer Telemetrie nicht automatisch, dass ein Tier das Gebiet verlassen hat. Wind, Wellen, Unterwasserlärm oder geneigte Empfänger können die Übertragung beeinträchtigen. Gerade während eines Sturms könnte ein scheinbarer Rückgang deshalb ein Messfehler sein.
Das Team nutzte 20 fest installierte Synchronisationssender, deren Position bekannt war, um die wechselnde Empfangsleistung zu modellieren. Diese Daten flossen in ein bayessches Zustandsraummodell ein, das zwischen der tatsächlichen Anwesenheit eines Hais und der Wahrscheinlichkeit seiner Erfassung unterscheidet. Ein reduziertes Vergleichsmodell ohne zeitabhängige Korrektur führte zu nahezu denselben Ergebnissen. Das gesamte Empfängernetz blieb trotz Einbußen einzelner Stationen ausreichend zuverlässig.
Die Fluchtwahrscheinlichkeit stieg auf das 28-Fache
Außerhalb des Sturms lag die modellierte stündliche Wahrscheinlichkeit, dass ein anwesender Hai die Kinderstube verließ, im Median bei 1,1 Prozent. Unter den stärksten Sturmbedingungen stieg sie auf 31,1 Prozent. Das entspricht einer Zunahme um mehr als das 28-Fache.
Die Reaktion war nicht bei allen Tieren gleich. Haie aller untersuchten Altersklassen verließen das Gebiet, doch bei den jüngeren, etwa ein bis zwei Jahre alten Tieren war das Muster deutlicher als bei den auf drei bis vier Jahre geschätzten Individuen. Männchen emigrierten häufiger als Weibchen; die Forschenden weisen jedoch darauf hin, dass in den jüngeren Altersgruppen überproportional viele Männchen vertreten waren.
Der stärkste Hinweis führt zur Wassertemperatur
Von sechs untersuchten Umweltfaktoren war der rasche Rückgang der Meeresoberflächentemperatur der deutlichste Prädiktor für das Verlassen der Kinderstube. Das Wasser kühlte innerhalb von weniger als 24 Stunden von 20 auf 13,9 Grad Celsius ab. Der Tiefpunkt fiel zeitlich mit der geringsten Zahl nachgewiesener Haie zusammen.
Weiße Haie können Teile ihres Körpers wärmer als das umgebende Wasser halten. Jungtiere sind dabei wahrscheinlich weniger effizient als große Erwachsene und stärker auf günstige Umgebungstemperaturen angewiesen. Frühere Forschung in Südkalifornien hatte bereits gezeigt, dass junge Weiße Haie bei starkem Auftrieb kalten Wassers nach wärmeren Bereichen suchen und häufig abwandern, wenn die Temperatur unter etwa 14 Grad fällt.
Bei Hilary blieb das Wasser nur ungefähr ein bis vier Stunden unter dieser Marke. Das könnte erklären, warum die meisten Tiere nicht für die Saison verschwanden, sondern nach der kurzen Störung zurückkehrten. Die statistische Verbindung macht die Abkühlung zum wahrscheinlich wichtigsten Auslöser, beweist aber nicht, dass jedes einzelne Tier ausschließlich wegen der Temperatur ging.
Luftdruck, Wellen und Süßwasser als weitere Signale
Auch fallender Luftdruck, stärkere Wellen und sinkender Salzgehalt waren mit höherer Abwanderungswahrscheinlichkeit verbunden, allerdings schwächer als die Temperatur. Starker Regen und Abfluss brachten große Mengen Süßwasser in den Küstenraum. Messungen im engen Mündungsbereich der Los Peñasquitos Lagoon fielen am Sturmtag von ungefähr 33,5 auf bis zu 0,7 PSU. Diese Werte gelten nicht für das gesamte Küstengebiet, markieren aber den Zeitpunkt der Süßwasserfahne.
Trübung und lokale Windgeschwindigkeit waren dagegen keine überzeugenden direkten Prädiktoren. Die Lage im Windschatten von Point La Jolla schützte Torrey Pines und Del Mar zudem vor einem Teil der südlichen Wellenenergie. Wind und Wellen können das Verhalten dennoch indirekt beeinflusst haben, weil die Durchmischung der Wassersäule die starke Abkühlung auslöste.
La Jolla Cove könnte als Zuflucht gedient haben
Die Empfänger zeigten vor und während des Sturms mehr Signale in der rund sieben Kilometer südlich gelegenen La Jolla Cove. Die Bucht war vor den starken Südwinden vergleichsweise geschützt und liegt unmittelbar neben dem La Jolla Canyon, der schnellen Zugang zu mehr als 200 Meter tiefem Wasser bietet.
Ein mit Drucksensor ausgestatteter Hai wurde am Sturmtag in der Nähe des Canyons in 132 Metern Tiefe erfasst – der tiefste Tauchgang im Untersuchungszeitraum. Das ist ein auffälliger Einzelbeobachtungspunkt, aber kein Beweis dafür, dass alle verschwundenen Tiere in den Canyon schwammen. Für die meisten Abwesenheiten ließ sich nicht bestimmen, wohin die Haie gingen.
Eine Kinderstube, die sich neu formiert
Die flachen, warmen Küstengewässer Südkaliforniens bieten jungen Weißen Haien reichlich Beute und Schutz vor größeren Räubern. Ihre schnelle Rückkehr an genau denselben Ort unterstreicht, dass der Lebensraum trotz der kurzfristigen Störung wertvoll blieb. Die Kinderstube erwies sich zugleich als stabil und flexibel: Viele Tiere konnten ungünstigen Bedingungen ausweichen, ohne das Gebiet dauerhaft aufzugeben.
UC San Diego ordnet die Ergebnisse in die Frage ein, wie eine sich erholende Spitzenräuberpopulation mit extremen Wetterereignissen zurechtkommt. Eine einzelne Kinderstube während eines einzelnen Sturms erlaubt noch keine allgemeine Prognose für alle Weißen Haie. Die Studie liefert aber eine seltene, hochauflösende Momentaufnahme und eine Methode, mit der sich Verhalten und technische Messunsicherheit bei künftigen Ereignissen besser trennen lassen.
Was häufigere Extremereignisse bedeuten könnten
Kurzzeitige Ausweichbewegungen gehören offenbar zum Verhaltensrepertoire junger Weißer Haie. Problematisch könnten Störungen werden, wenn sie häufiger auftreten, länger anhalten oder mehrere wichtige Kinderstuben gleichzeitig betreffen. Besonders die jüngsten Tiere scheinen empfindlich auf abrupte Temperaturwechsel zu reagieren.
Für Schutz und Küstenmanagement ist deshalb nicht nur entscheidend, wo sich Haie unter normalen Bedingungen sammeln. Ebenso wichtig sind erreichbare Rückzugsräume, tiefe Canyons und alternative Küstenabschnitte während außergewöhnlicher Bedingungen. Langfristige Empfängernetze können zeigen, ob die rasche Rückkehr nach Hilary typisch ist oder ob stärkere und längere Stürme die Nutzung von Kinderstuben grundlegend verändern.


