Kameras auf der Rückenflosse zeigen verborgenes Zentrum der Weißen Haie

Vor Struisbaai tragen Weiße Haie Kameras und Sensoren auf ihren Rückenflossen. Die Aufnahmen zeigen einen Sprung, große Fischschwärme und selten beobachtete Begegnungen zwischen den Haien.

Sharky12. August 2026
Weißer hai carcharodon carcharias von der seite schwimmt zum köder
Great White Shark“ von Elias Levy, CC BY 2.0

Vor der südafrikanischen Küste hat ein Forschungsteam Weiße Haie an einem Ort untersucht, der nicht in das klassische Bild ihrer bekannten Jagdgebiete passt. Am untersuchten Riff vor Struisbaai gibt es keine große Robbenkolonie. Trotzdem versammeln sich dort offenbar mehrere Tiere.

Ein am 3. August 2026 von Discovery UK veröffentlichtes Video begleitet die Meeresbiologin Alison Towner und den Hai-Forscher Oliver Jewell. Mit Kameras und Sensoren auf den Rückenflossen suchen sie nach den Gründen für die Ansammlung. Die Aufnahmen zeigen einen spektakulären Sprung, große Fischschwärme und selten beobachtete Begegnungen zwischen Weißen Haien.

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Ein Hotspot ohne Robbenkolonie

Viele berühmte südafrikanische Weißhai-Plätze liegen in der Nähe von Kolonien des Südafrikanischen Seebären. Junge Robben bieten großen Haien dort eine energiereiche und saisonal gut vorhersehbare Nahrungsquelle.

Vor Struisbaai fehlt eine solche Kolonie am untersuchten Riff. Fischer hatten jedoch wiederholt von mehreren Weißen Haien berichtet und Fotos sowie Videos an die Forscher geschickt. Die zunehmenden Meldungen führten das Team schließlich in das Gebiet nahe der Südspitze Afrikas.

Ganz neu ist die Anwesenheit Weißer Haie vor Struisbaai allerdings nicht. Eine regionale wissenschaftliche Auswertung führt Struisbaai bereits neben False Bay, Gansbaai, Mossel Bay, Plettenberg Bay und Algoa Bay als Ansammlungsgebiet auf. Neu und besonders interessant sind vielmehr die detaillierten Aufnahmen von einem offenbar intensiv genutzten Riffabschnitt.

Eine Kamera reist mit dem Hai

Das Team verwendet zwei unterschiedliche Systeme. Eine kompakte Kamera wird direkt an der Rückenflosse befestigt. Ein zweites Gerät, im Film „Shark Shadow“ genannt, hängt einige Meter hinter dem Hai und trägt zusätzlich einen Sender. Erreicht es die Wasseroberfläche, kann es Positionsdaten übermitteln und so bei der späteren Bergung helfen.

Eine der Kameras dokumentiert, wie der Hai plötzlich beschleunigt und die Wasseroberfläche durchbricht. Nach Angaben des Films erreichte das Tier innerhalb von knapp drei Sekunden etwa 27 Meilen pro Stunde – rund 43 Kilometer pro Stunde.

Bemerkenswert ist vor allem die Perspektive. Sprünge Weißer Haie wurden schon häufig von Booten und aus der Luft gefilmt. Eine vollständige Beschleunigung aus der Bewegungsrichtung des Hais liefert zusätzliche Informationen über Körperhaltung, Geschwindigkeit und Ablauf des Manövers. Die Messung beschreibt einen einzelnen, von diesem Sensor registrierten Vorgang und ist kein allgemeiner Geschwindigkeitsrekord für die Art.

Fischschwärme könnten die Haie am Riff halten

Die Kameras zeigen große Schwärme von Gelbschwanzmakrelen beziehungsweise Yellowtail Kingfish rund um das Riff. Auf den Aufnahmen reagieren die Fische deutlich auf die Anwesenheit der Haie. Das unterstützt die Vermutung, dass nicht Robben, sondern reichlich vorhandene Fische die Tiere in diesem Gebiet halten.

Weiße Haie sind vielseitigere Jäger, als ihr Ruf als spezialisierte Robbenjäger vermuten lässt. Untersuchungen aus Südafrika dokumentieren Fische, andere Haie und Rochen, Kopffüßer sowie Meeressäuger als Nahrung. Welche Beute ein Tier bevorzugt, hängt unter anderem von Größe, Geschlecht, Jahreszeit und Lebensraum ab.

Das Riff könnte den Haien deshalb eine räumlich konzentrierte und regelmäßig verfügbare Nahrungsquelle bieten. Die Kameraaufnahmen allein beweisen noch nicht, welche Tiere dort tatsächlich gefressen werden. Dafür wären direkte Jagdbeobachtungen, Umwelt-DNA, Isotopenanalysen oder weitere langfristige Aufzeichnungen nötig.

Unerwartete Begegnungen zwischen Weißen Haien

Neben möglichen Beutetieren filmte ein Hai auch einen Artgenossen. Dieser näherte sich relativ weit an, bevor der voraus schwimmende Hai mit einem kräftigen Schwanzschlag reagierte und Abstand schuf.

Solche Szenen sind wissenschaftlich interessant, weil das Sozialverhalten Weißer Haie unter Wasser nur schwer zu beobachten ist. Begegnungen an Köderbooten zeigen zwar Rangordnungen und Verdrängung, können aber durch Boot oder Köder beeinflusst sein. Eine von einem frei schwimmenden Hai getragene Kamera bietet eine natürlichere Perspektive. Die kurze Sequenz reicht trotzdem nicht aus, um eine feste soziale Beziehung abzuleiten.

Haben Orcas die Haie nach Struisbaai verdrängt?

Der Film verbindet die Beobachtungen mit dem Verschwinden Weißer Haie aus früheren Zentren wie False Bay und Gansbaai. Seit 2017 wurden in Südafrika mehrfach Weiße Haie gefunden, die von Orcas getötet worden waren. Beobachtungen und wissenschaftliche Auswertungen zeigen außerdem, dass überlebende Haie Gebiete nach der Anwesenheit jagender Orcas teils für längere Zeit verlassen.

Orcas und das von ihnen ausgehende Risiko sind daher eine wichtige Erklärung für lokale Veränderungen, wahrscheinlich aber nicht der einzige Faktor. Fischerei, Beuteverfügbarkeit, Umweltbedingungen und langfristige Veränderungen im Ökosystem können ebenfalls Einfluss nehmen.

Die großräumige Auswertung der südafrikanischen Daten fand deutliche lokale Rückgänge, aber keinen eindeutigen Beleg für einen entsprechenden Rückgang der relativen Häufigkeit entlang der gesamten Küste. Ein Teil der Tiere könnte sein Verbreitungsgebiet verlagert haben. Genau deshalb sind neue Senderdaten so wichtig.

Ein Rückzugsgebiet – aber noch keine neue Weißhai-Hauptstadt

Towner bezeichnet Struisbaai am Ende des Films als mögliche neue Weißhai-Hauptstadt Südafrikas und als eines der letzten Rückzugsgebiete der Art. Die Aufnahmen liefern dafür spannende Hinweise: mehrere Haie, ergiebige Beute, gute Sichtverhältnisse und offenbar wiederholte Nutzung des Riffs.

Für eine wissenschaftlich belastbare Einstufung als dauerhaftes Refugium braucht es jedoch mehrjährige Daten. Entscheidend ist, ob die Haie regelmäßig zurückkehren, wie lange sie bleiben und ob dort verschiedene Alters- und Geschlechtsgruppen vorkommen. Auch die Verbindung zu anderen Gebieten muss weiter untersucht werden.

Aktuelle südafrikanische Satellitenmarkierungen zeigen, wie großräumig diese Bewegungen sein können. Ein 2023 vor Struisbaai markiertes Tier bewegte sich zwischen den Alphard Banks und dem Meeresschutzgebiet Agulhas, bevor sein Sender wieder am Ausgangsort geborgen wurde.

Südafrika schützt Weiße Haie bereits seit 1991 und war das erste Land mit einem solchen gesetzlichen Schutz. Gerichtsurteile gegen den Fang Weißer Haie zeigen, dass dieser Schutz durchgesetzt werden kann. Trotzdem bleiben Beifang, Schutznetze und andere menschliche Einflüsse relevant.

Die Kamerabilder lösen das Rätsel von Struisbaai noch nicht. Sie zeigen aber, warum dieses Gebiet für die Forschung wichtig ist: Hier lassen sich Jagd, Bewegung und Begegnungen der Weißen Haie aus einer Perspektive beobachten, die Menschen normalerweise verborgen bleibt.

Erwähnte Arten

Weißer hai carcharodon carcharias im blauwasser

Weißer Hai

Quellen

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