Gleich zwei neue Namen aus der Tiefsee zeigen, wie unvollständig die bekannte Vielfalt der Knorpelfische noch ist: Vor Kerala wurde der Katzenhai Apristurus drona beschrieben, vor der Pazifikküste Costa Ricas die Langnasen-Chimäre Rhinochimaera costaricana. Beide Arten stammen aus Tiefen, in denen Forschung oft nur dann Einblick bekommt, wenn Beifänge, Museumsmaterial und genetische Analysen zusammenkommen.
Nach einem Bericht von The New Indian Express wurden die Exemplare von Apristurus drona als Beifang von Tiefsee-Garnelentrawlern geborgen und im Hafen von Sakthikulangara angelandet. Die formale Beschreibung erschien am 9. Juni 2026 in Zootaxa; der Artikel trägt den DOI 10.11646/zootaxa.5828.2.6.
Die zweite Arbeit wurde am 10. Juni 2026 ebenfalls in Zootaxa veröffentlicht und beschreibt Rhinochimaera costaricana aus dem östlichen Pazifik. Marine & Océans griff die Entdeckung am 4. Juli 2026 auf. Der DOI der Studie lautet 10.11646/zootaxa.5828.3.7.
Apristurus drona vor Kerala
Der neue Katzenhai aus Indien wurde von Sweta Beura, Bineesh K.K. und Dhriti Banerjee vom Zoological Survey of India beschrieben. Der Artname ehrt Drona, den Sohn des Zweitautors Bineesh K.K. Als englischer Name wird in der Berichterstattung „Arabian slender catshark“ genannt; im Deutschen ist ein etablierter Trivialname bislang nicht eingeführt.
Die Beschreibung beruht auf vier Tieren, zwei Männchen und zwei Weibchen. Sie waren 439 bis 473 Millimeter lang und stammten aus 400 bis 650 Metern Tiefe entlang des Kollam-Schelfhangs in der südöstlichen Arabischen See. Für einen Hai klingt das klein, für die Gattung Apristurus passt es aber gut: Viele dieser Tiefsee-Katzenhaie bleiben schlank, dunkel und unscheinbar.
Warum DNA-Barcoding wichtig war
Das Forschungsteam nutzte eine Kombination aus klassischer Anatomie und DNA-Barcoding. Morphologisch fällt Apristurus drona unter anderem durch einen schlanken, nach hinten verjüngten Körper, bestimmte Proportionen von Nasenöffnung, Maul und Augenregion, unterschiedlich lange Lippenfurchen sowie eine kleinere erste Rückenflosse auf.
Zusätzlich verglichen die Forschenden Sequenzen des mitochondrialen COI-Gens. Die neue Art bildete dabei eine eigene Linie und lag laut Bericht genetisch 5,5 bis 5,7 Prozent von der nächsten bekannten Verwandtschaft entfernt. Solche Werte ersetzen keine gute Taxonomie, aber sie liefern ein starkes zweites Signal, wenn auch die Körpermerkmale sauber getrennt sind.
Apristurus drona wird in die Apristurus brunneus-Gruppe eingeordnet. Interessant ist, dass die nächsten molekularen Vergleichsarten nicht direkt nebenan leben: Genannt werden Apristurus nakayai aus dem südwestlichen Pazifik, Apristurus macrorhynchus aus dem nordwestlichen Pazifik und Apristurus exsanguis aus Neuseeland.
Für die Region selbst scheint die neue Art bisher nur sehr begrenzt bekannt zu sein. Die Quellen nennen den Kollam-Schelfhang und den Bereich um die Wadge Bank als mögliche Verbreitung. Kommerziell hat der kleine Hai keine erkennbare Bedeutung; genau deshalb kann er in Fischereistatistiken und öffentlichen Debatten leicht unsichtbar bleiben.
Rhinochimaera costaricana vor Costa Rica
Die zweite neue Art ist kein Hai im engeren Sinn, sondern eine Chimäre. Chimären, oft auch Geisterhaie genannt, gehören wie Haie und Rochen zu den Knorpelfischen, haben sich evolutionär aber sehr früh von den eigentlichen Haien getrennt. Für ein Hai-Portal ist diese Unterscheidung wichtig: nah verwandt, aber nicht einfach eine weitere Haiart.

Die Zootaxa-Beschreibung von Rhinochimaera costaricana beruht auf drei Männchen von 775 bis 830 Millimetern Gesamtlänge. Sie wurden zwischen 2000 und 2023 vor der Pazifikküste Costa Ricas aus 390 bis 787 Metern Tiefe erfasst. Verglichen wurden die Tiere mit Messdaten von 90 weiteren Exemplaren der drei bislang anerkannten Rhinochimaera-Arten.
Diagnostisch nennen die Autorinnen und Autoren unter anderem eine kürzere Schnauze, einen größeren und höheren Stachel der ersten Rückenflosse, eine höhere erste Rückenflosse, einen breiteren Abstand zwischen den Rückenflossen und weniger Schwanzhöcker. Auch hier stützt molekulare Evidenz die Abgrenzung: COI-Sequenzen zeigten 3,9 Prozent Divergenz zu Rhinochimaera africana, 4,5 Prozent zu Rhinochimaera atlantica und 4,7 Prozent zu Rhinochimaera pacifica.
Marine & Océans zitiert den costa-ricanischen Forscher Arturo Angulo Sibaja mit der Einordnung, dass diese Form die bislang einzige bekannte Langnasen-Chimäre an der zentralamerikanischen Küste sei. Zugleich bleibt die Verbreitung offen: Ähnliche Tiere wurden nahe Peru und Chile beobachtet, sodass weitere Vergleiche zeigen müssen, ob die Art entlang größerer Teile der Pazifikküste Mittel- und Südamerikas vorkommt.
Was beide Entdeckungen verbindet
Die beiden Fälle liegen weit auseinander, erzählen aber dieselbe Grundgeschichte. In der Tiefsee werden neue Knorpelfische nicht immer durch spektakuläre Expeditionen sichtbar. Oft sind es wenige Tiere, saubere Vermessung, Museums- und Vergleichsmaterial sowie DNA-Daten, die aus einem unscheinbaren Fund eine belastbar beschriebene Art machen.
Für den Schutz ist das mehr als Namensarbeit. Tiefseehaie und Chimären wachsen häufig langsam, leben in schwer zugänglichen Habitaten und werden in der Fischerei oft nur am Rand erfasst. Bei neu beschriebenen Arten fehlen Bestandsdaten, Lebensgeschichte und Risikobewertung fast vollständig. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein klarer Hinweis auf Vorsicht.
Ein Tier, das für den Markt wertlos wirkt, kann für Taxonomie, Biodiversitätsforschung und spätere Schutzentscheidungen sehr wertvoll sein. Wenn Häfen, Fischerei, Museen und Forschung zusammenarbeiten, werden aus zufälligen Funden Daten, die später erklären können, welche Arten in einem Gebiet leben und welche Belastungen sie treffen.
Die Tiefsee bleibt eine offene Karte
Für Haitauchen sind Apristurus drona und Rhinochimaera costaricana vor allem eine Erinnerung an die unsichtbare Hälfte der Knorpelfischwelt. Viele Arten leben dort, wo kein Sporttaucher hinkommt, wo Licht fehlt und wo ein einzelner gut dokumentierter Fund mehr über die Artenliste verraten kann als jahrelange Beobachtung an der Oberfläche.
Dass neue Arten vor dicht genutzten Küsten beschrieben werden, wirkt nur auf den ersten Blick paradox. Kerala und Costa Rica sind keine unbekannten Punkte auf der Landkarte. Ihre tieferen Lebensräume sind es in vieler Hinsicht aber noch. Diese beiden Beschreibungen machen die Karte ein kleines Stück genauer.

