Die meisten Menschen werden einem Schokoladenhai nie begegnen. Die Tiere leben Hunderte Meter tief, weit unterhalb normaler Tauchgrenzen. In der Fischerei des südlichen Indischen Ozeans kommen sie trotzdem regelmäßig an die Oberfläche, als unbeabsichtigter Fang an Tiefsee-Langleinen. Für die Haie endet dieser Weg meist tödlich: Eine neue Studie beziffert ihre Mortalität noch am Fangschiff auf 90,7 Prozent.
Die in Fisheries Research veröffentlichte Untersuchung verbindet biologische Messdaten mit den ersten elektronischen Markierungen dieser Art im Untersuchungsgebiet. Die Ergebnisse zeigen zugleich eine kleine, aber wichtige Chance: Drei Tiere, die den Fang in gutem Zustand überstanden, lieferten nach der Freilassung Signale, die mit weiterem Überleben und aktiver Bewegung vereinbar waren.
Ein seltener Tiefseehai im Blick der Fischereiforschung
Der Schokoladenhai (Dalatias licha) heißt auf Englisch Kitefin Shark. Sein deutscher Name bezieht sich auf die dunkle, braune Färbung. Die Art gehört zu den Dornhaiartigen und lebt an Kontinental- und Inselsockeln sowie über Tiefseerücken. Weil solche Lebensräume schwer zugänglich sind, fehlen für viele Regionen grundlegende Angaben zu Wachstum, Geschlechtsreife, Verteilung und Wanderungen.
Die Studie entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts der Southern Indian Ocean Fisheries Agreement (SIOFA). Das Projekt sollte die wissenschaftliche Grundlage für Tiefseehaie verbessern, die in Langleinenfischereien des SIOFA-Gebiets mitgefangen werden. Beobachter sammelten biologische Daten an Bord eines kommerziellen Langleinenfängers; geeignete Tiere wurden mit elektronischen Satellitentags markiert und wieder freigelassen.
Damit untersucht die Arbeit zwei verschiedene Abschnitte desselben Problems. Die Mortalität am Schiff beschreibt, wie viele Haie den Fang- und Einholvorgang überhaupt lebend bis zur Beurteilung an Deck überstehen. Die elektronischen Tags zeigen anschließend, was mit einzelnen Tieren nach der Freilassung geschieht. Beide Werte dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Weibchen werden offenbar deutlich später geschlechtsreif
Aus der Untersuchung der Keimdrüsen berechnete das Team die mittlere Reifelänge L50. Das ist die Körperlänge, bei der nach dem Modell die Hälfte der Tiere geschlechtsreif ist – kein harter Schwellenwert für jedes einzelne Tier. Bei Männchen lag die Schätzung bei 112,1 Zentimetern, bei Weibchen bei 134,8 Zentimetern.
Dieser Unterschied ist für das Fischereimanagement relevant. Größere Reifelängen können bedeuten, dass besonders Weibchen lange wachsen müssen, bevor sie sich fortpflanzen. Werden viele Tiere schon vorher gefangen, erreicht ein kleinerer Teil der Population das reproduktive Stadium. Die Studie berechnet aus den Reifelängen allerdings weder eine Bestandsgröße noch eine nachhaltige Fangmenge.
Auch die Größenverteilung änderte sich mit der Tiefe. Männchen und Weibchen unterschieden sich deutlich in ihrer Größenstruktur; bei beiden Geschlechtern nahm die mittlere Körperlänge mit zunehmender Tiefe tendenziell ab. Das spricht für eine räumliche Sortierung nach Größe und Geschlecht. Welche biologischen oder ökologischen Prozesse dahinterstehen, lässt sich aus dem Abstract der Arbeit nicht ableiten.
90,7 Prozent Mortalität, bevor eine Freilassung möglich ist
Der schärfste Befund betrifft die unmittelbare Wirkung der Fischerei. 90,7 Prozent der erfassten Schokoladenhaie waren bereits am Schiff tot. Diese sogenannte At-vessel-Mortalität umfasst die Belastung durch Haken, Fangtiefe, Einholdauer, Druck- und Temperaturwechsel sowie die Handhabung bis zur Beurteilung an Bord. Die Studie trennt diesen Wert ausdrücklich von der späteren Sterblichkeit nach einer Freilassung.
Das ist entscheidend für die Einordnung. Eine Vorschrift, alle gefangenen Schokoladenhaie zurückzusetzen, verhindert allein noch nicht den größten Teil der beobachteten Todesfälle. Wenn fast neun von zehn Tieren das Schiff nicht lebend erreichen, müssen Schutzmaßnahmen früher in der Fangkette ansetzen – etwa bei der Vermeidung von Beifang, bei Fanggerät und Einsatzort, bei Einholzeiten oder bei einer möglichst schonenden Handhabung. Welche dieser Maßnahmen im SIOFA-Gebiet am wirksamsten wäre, hat die Studie jedoch nicht getestet.
Drei Tags zeigen Überleben, Ortstreue und eine weite Wanderung
Nur Tiere in gutem Zustand kamen für die elektronische Markierung infrage. Drei Schokoladenhaie erhielten Tags: zwei sogenannte benthische SPAT-Tags, die vor allem Hinweise auf Überleben nach der Freilassung liefern, und ein MiniPAT, das zusätzlich Tiefen- und Bewegungsdaten aufzeichnete. Diese Auswahl erklärt, warum eine hohe Überlebensrate der markierten Tiere der sehr hohen Gesamtmortalität am Schiff nicht widerspricht.
Zwei Haie blieben nach den Tagdaten in der Nähe des Markierungsgebiets. Ihre erfasste Entfernung lag unter 25 Seemeilen, also unter rund 46 Kilometern. Ein drittes Tier bewegte sich dagegen 326 Seemeilen weit in Richtung Südwesten von Madagaskar. Das entspricht gut 600 Kilometern in gerader Linie. Die tatsächlich geschwommene Strecke kann deutlich länger gewesen sein, weil Start- und Endpunkt keine vollständige Route abbilden.
Schon diese drei unterschiedlichen Verläufe sind interessant. Sie deuten darauf hin, dass Schokoladenhaie sowohl über längere Zeit in einem Gebiet bleiben als auch größere Distanzen zwischen Tiefseehabitaten zurücklegen können. Für Aussagen über typische Wanderungsmuster, Jahreszeiten oder Unterschiede zwischen den Geschlechtern ist die Zahl von drei markierten Tieren aber viel zu klein.
140 Tage zwischen 211 und 939 Metern Tiefe
Der MiniPAT zeichnete 140 Tage lang Daten eines Hais auf. In diesem Zeitraum bewegte sich das Tier zwischen 211 und 939 Metern Tiefe. Die mittlere Schwimmtiefe lag bei 592,8 Metern, mit einer Standardabweichung von 150,2 Metern. Das Tier nutzte den Lebensraum damit nicht als schmale Tiefenzone, sondern wechselte wiederholt durch mehrere Hundert Meter der Wassersäule.
Die tägliche vertikale Spanne reichte von nur wenigen Metern bis zu 590 Metern. An 60 Prozent der ausgewerteten Tage oder Zeitabschnitte blieb sie bei höchstens 300 Metern. Bei Auf- und Abstiegen lagen die geschätzten vertikalen Geschwindigkeiten zwischen einem und 25 Metern pro Minute. Die meiste Zeit bewegte sich der Hai vertikal jedoch mit nur etwa einem Meter pro Minute.
Für die Fischerei sind solche Tiefenprofile mehr als eine biologische Kuriosität. Sie helfen abzuschätzen, in welchen Tiefen sich Fanggerät und Haie überschneiden und ob räumliche oder zeitliche Ausweichmaßnahmen realistisch sind. Ein einzelner vollständiger Tiefenverlauf kann dafür Hypothesen liefern, aber noch keine belastbare Regel für die gesamte Population.
Was die Studie zeigt – und was noch offenbleibt
Die Arbeit schließt mehrere Datenlücken: Sie liefert regionale Schätzungen zur Geschlechtsreife, beschreibt eine größen- und tiefenabhängige Struktur und dokumentiert erstmals per Elektronik, dass gut erhaltene Tiere nach dem Fang weiterleben und sich aktiv bewegen können. Zugleich macht die At-vessel-Mortalität von 90,7 Prozent sichtbar, wie selten diese Chance in der untersuchten Fischerei überhaupt entsteht.
Die Grenzen sind ebenso wichtig. Die Bewegungsdaten stammen von nur drei Tieren, der detaillierte 140-Tage-Tiefenverlauf sogar von einem einzigen Hai. Die Ergebnisse gelten zunächst für die untersuchte Fischerei und Region im südlichen Indischen Ozean. Sie lassen sich nicht ohne weitere Daten auf alle Schokoladenhaie, Fanggeräte oder Meeresgebiete übertragen. Auch eine Bestandsentwicklung wurde nicht berechnet.
Gerade deshalb ist die Kombination aus Beobachterdaten und Tags wertvoll. Sie zeigt, an welcher Stelle weitere Forschung den größten praktischen Nutzen haben kann: mehr markierte Tiere, genauere Daten zu Fangdauer und Fangtiefe sowie Versuche mit Maßnahmen, die Haie lebend bis zur Freilassung bringen. Erst dann lässt sich aus der dokumentierten Überlebenschance eine wirksame Schutzstrategie entwickeln.
Tiefseeschutz beginnt lange vor der Wasseroberfläche
Für Taucherinnen und Taucher bleibt der Schokoladenhai meist unsichtbar. Seine durchschnittlich genutzten Tiefen liegen weit jenseits des Sporttauchens. Die Studie erinnert aber daran, dass Haischutz nicht nur an Riffen, Küsten oder bekannten Großhai-Spots stattfindet. Auch in der dunklen Tiefsee leben Arten, deren Biologie kaum bekannt ist und deren Begegnung mit Fischereigerät innerhalb kurzer Zeit tödlich enden kann.
Die drei elektronisch verfolgten Schokoladenhaie zeigen, dass eine Freilassung für fitte Tiere einen echten Unterschied machen kann. Der größere Auftrag liegt jedoch davor: Beifang so weit wie möglich vermeiden und die Bedingungen des Fangs so verändern, dass deutlich mehr Haie überhaupt lebend zurück ins Wasser gelangen.


