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Bullenhaie vor Fidschi: Verwandtschaft prägt ihr Sozialleben

Genetische Daten und sechs Jahre Beobachtungen zeigen: Erwachsene Bullenhaie vor Fidschi suchen etwas häufiger die Nähe von Verwandten. Der Effekt ist subtil, erweitert aber das Bild ihrer komplexen sozialen Beziehungen.

Ronny K5. August 2026
Bullenhaie am Beqa-Riff vor Fidschi
Titelbild: amanderson2, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons. Für das 2:1-Format zugeschnitten.

Familienbande spielen auch im Sozialleben erwachsener Haie eine Rolle. Das zeigt eine neue Studie im Fachjournal Ecology and Evolution. Forschende kombinierten genetische Daten mit sechs Jahren Beobachtungen von Bullenhaien am Shark Reef Marine Reserve vor Fidschi.

Die meisten untersuchten Tiere waren nicht eng miteinander verwandt. Trotzdem hielten sich einzelne Bullenhaie etwas häufiger bei Verwandten auf und gingen mit ihnen häufiger direkte soziale Interaktionen ein als mit nicht verwandten Artgenossen. Das Team nennt diesen kleinen, aber messbaren Einfluss der Verwandtschaft „Kinfluence“, eine Verbindung aus den englischen Begriffen für Verwandtschaft und Einfluss.

Das Ergebnis bedeutet nicht, dass erwachsene Bullenhaie in festen Familienverbänden leben. Es zeigt vielmehr, dass Verwandtschaft neben anderen Merkmalen in die Wahl sozialer Partner einfließt. Gerade weil der Effekt subtil ist und die meisten Tiere am Riff keine nahen Verwandten waren, ist diese Abgrenzung wichtig.

Wie sich Sozialleben bei Haien messen lässt

Die Forschenden unterschieden zwei Ebenen sozialen Verhaltens. Als Assoziation galt, wenn zwei Haie bis auf etwa eine Körperlänge zusammenkamen. Zusätzlich erfassten sie gerichtete Interaktionen: paralleles Schwimmen, eine Anordnung, bei der ein Tier dem anderen folgt, und das aktive Anschließen an einen Hai, um synchron mit ihm zu schwimmen.

Genetische Analysen zeigten anschließend, welche Tiere miteinander verwandt waren. Familienbeziehungen trugen zu beiden Formen des Sozialverhaltens bei. Besonders deutlich war das Muster bei Paaren männlicher Bullenhaie. Die Studie beschreibt damit nicht nur räumliche Nähe, sondern verbindet beobachtete Begegnungen mit der tatsächlichen Verwandtschaft der Tiere.

Schon eine frühere Verhaltensstudie desselben Teams hatte gezeigt, dass Bullenhaie ihre Gesellschaft nicht wahllos wählen. Geschlecht, Alter und Größe beeinflussten, welche Tiere Zeit miteinander verbrachten. Der neue Befund ergänzt dieses Bild: Verwandtschaft wirkt ebenfalls mit, war aber schwächer als die zuvor beschriebenen Faktoren.

Warum Verwandtschaft einen Vorteil bringen kann

Aus evolutionsbiologischer Sicht kann die Bevorzugung von Verwandten vorteilhaft sein. Wenn verwandte Tiere einander helfen oder gemeinsam Risiken verringern, profitieren indirekt auch die Gene, die sie teilen. Die aktuelle Studie weist solche Vorteile allerdings nicht direkt nach. Sie zeigt zunächst, dass Verwandtschaft mit der Struktur des sozialen Netzwerks zusammenhängt.

Wie die Haie ihre Angehörigen erkennen, ist noch offen. Natasha D. Marosi von der University of Exeter und dem Fiji Shark Lab vermutet, dass mehrere Mechanismen zusammenspielen. Junge Bullenhaie verbringen ihre ersten Jahre in Flüssen, Ästuaren und flachen Küstengebieten. Dort können Voll- und Halbgeschwister oder Cousins gemeinsam aufwachsen und sich später als Erwachsene wiedererkennen. Welche Signale sie dafür nutzen, wurde mit der Studie nicht geklärt.

Hohe Jungtiersterblichkeit erschwert Familienkontakte

Enge Verwandtschaftsbeziehungen unter erwachsenen Bullenhaien sind schwer nachzuweisen, weil nur ein Teil einer Familie das Erwachsenenalter erreicht. Nach Angaben der Forschenden ist die Sterblichkeit junger Bullenhaie in Fluss- und Küstenlebensräumen hoch; illegale Fischerei trägt wesentlich dazu bei. Entsprechend wenige verwandte Tiere können sich Jahre später am Riff wieder begegnen.

Daraus ergibt sich eine vorsichtige Schutzfrage: Wenn Verwandte das soziale Netzwerk mitprägen, könnte der Verlust vieler Jungtiere später nicht nur die Zahl erwachsener Haie verringern, sondern auch mögliche Familienbeziehungen ausdünnen. Ob und welche Folgen das für Kooperation, Raumnutzung oder Fortpflanzung hat, wurde in dieser Arbeit nicht untersucht.

Dass Flüsse, Ästuare und Riffe als zusammenhängendes System betrachtet werden müssen, zeigen auch frühere genetische Untersuchungen aus Fidschi. Weibchen kehren offenbar wiederholt in bestimmte Fortpflanzungsgebiete zurück, und einzelne Elternpaare können über mehrere Jahre Nachwuchs haben. Schutz an nur einem Teil dieses Lebenszyklus greift deshalb zu kurz.

Ein komplexes Netzwerk statt einsamer Räuber

Große Haie gelten noch immer häufig als einzelgängerische Tiere. Die Langzeitbeobachtungen vor Fidschi zeichnen ein anderes Bild: Bullenhaie unterscheiden zwischen möglichen Sozialpartnern, bilden ein dynamisches Netzwerk und reagieren dabei auf mehrere Merkmale zugleich. Verwandtschaft ist ein Teil dieses Systems, aber nicht seine einzige Ordnung.

Für Taucherinnen und Taucher ist das Shark Reef Marine Reserve vor allem als Ort regelmäßiger Bullenhai-Begegnungen bekannt. Die Studie macht sichtbar, dass eine Ansammlung am Riff keine beliebige Gruppe austauschbarer Tiere ist. Hinter den Begegnungen stehen individuelle Beziehungen, Erfahrungen und in manchen Fällen sogar Familienbande.

Unterstützt wurde die Forschung von der Hai Stiftung Shark Foundation, der Rufford Foundation, der Waitt Foundation und dem Fiji Shark Lab. Entscheidend für den neuen Befund war die Verbindung aus langfristiger Beobachtung und Genetik: Erst gemeinsam zeigen beide Datensätze, wer mit wem schwimmt – und wer mit wem verwandt ist.

Titelbild: amanderson2, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons. Für das 2:1-Format zugeschnitten.

Erwähnte Arten

Bullenhai carcharhinus leucas über sand

Bullenhai

Quellen

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