Rund um den schwimmenden Offshore-Windpark Hywind Tampen in der nördlichen Nordsee zirkuliert derzeit eine spektakuläre Geschichte: Erst nach dem Bau der Anlagen hätten DNA-Tests mehrere überraschende Haiarten ans Licht gebracht. Ausgangspunkt ist ein aktueller Beitrag von Ecoportal. Der zugrunde liegende Forschungsbericht erzählt jedoch eine deutlich nüchternere – und wissenschaftlich interessantere – Geschichte.
Der technische Bericht von NORCE erschien bereits am 23. Januar 2025. Er wertet Wasserproben aus dem Umfeld der elf Windräder mit einem speziell für Haie und Rochen angepassten eDNA-Verfahren erneut aus. Dabei wurden genetische Spuren von sechs Knorpelfisch-Taxa erkannt, darunter Heringshai, Kleiner Schwarzer Dornhai, Schwarzmaul-Katzenhai und eine nicht sicher bis zur Art bestimmbare Dornhai-Linie der Gattung Squalus.
Hywind Tampen liegt über bis zu 300 Meter tiefem Wasser
Nach den Projekt- und Umweltunterlagen von Equinor besteht Hywind Tampen aus elf schwimmenden Turbinen mit zusammen 88 Megawatt Leistung. Der Windpark liegt etwa 140 Kilometer vor der norwegischen Küste zwischen den Öl- und Gasfeldern Snorre und Gullfaks. Die Wassertiefe beträgt rund 260 bis 300 Meter. Seit August 2023 gilt die Anlage als vollständig in Betrieb und soll ungefähr 35 Prozent des Strombedarfs der dortigen Förderplattformen decken.
Die Lage ist für die Forschung besonders interessant. Hywind Tampen steht am westlichen Rand der Norwegischen Rinne, wo sich flachere Schelfbereiche und deutlich tieferes Wasser treffen. Solche Tiefengradienten prägen die Verteilung von Bodenfischen und Knorpelfischen. Ein Vergleich zwischen Standorten muss deshalb Tiefe, Strömung und Jahreszeit berücksichtigen – nicht nur die Entfernung zu einer Turbine.
Warum der erste DNA-Test Haie übersah
Umwelt-DNA, kurz eDNA, stammt aus Hautzellen, Schleim, Kot und anderen biologischen Spuren, die Tiere im Wasser hinterlassen. Forschende filtern Wasserproben und vervielfältigen ausgewählte DNA-Abschnitte mit sogenannten Primern. Anschließend werden die Sequenzen mit Referenzdatenbanken verglichen. So lässt sich eine Art nachweisen, ohne sie fangen oder filmen zu müssen.
Der zunächst verwendete universelle Fisch-Primer MiFish-U erfasste den Großteil der Knochenfische, lieferte aber keine Hai- oder Rochensignale. Das bedeutete nicht, dass dort keine Knorpelfische lebten. Die Methode verstärkte ihre abweichenden mitochondrialen DNA-Sequenzen nur unzureichend. Für die Nachanalyse kombinierten die Forschenden MiFish-U deshalb mit dem auf Haie und Rochen zugeschnittenen MiFish-E-Primer.
Sechs Knorpelfisch-Taxa in den Wasserproben
Insgesamt umfasste der neue Datensatz 144 Stationsproben aus 20 Metern Tiefe und aus bodennahem Wasser. Nach der bioinformatischen Bereinigung blieben mehr als 22,5 Millionen Sequenzen übrig. 43 Fisch-Taxa konnten mindestens bis zur Gattung zugeordnet werden. Unter den Knorpelfischen waren:
- Sternrochen (Amblyraja radiata)
- Glattrochen der Gattung Dipturus
- Kleiner Schwarzer Dornhai (Etmopterus spinax)
- Schwarzmaul-Katzenhai (Galeus melastomus)
- Heringshai (Lamna nasus)
- Dornhai der Gattung Squalus
Vier dieser Gruppen waren aus früheren Netzfängen oder ROV-Aufnahmen in der Region bereits bekannt: Sternrochen, Glattrochen, Schwarzmaul-Katzenhai und Dornhai. Neu gegenüber diesen Vergleichsdaten waren der Kleine Schwarze Dornhai und der Heringshai. Die Untersuchung entdeckte somit nicht erstmals überhaupt Haie in einem vermeintlich leeren Meeresgebiet. Sie zeigte vor allem, wie stark ein ungeeigneter DNA-Marker die Artenliste verzerren kann.
Kein Riesenhai im Forschungsbericht
Ecoportal nennt zusätzlich einen Riesenhai (Cetorhinus maximus). Im NORCE-Bericht kommt diese Art jedoch weder in den Ergebnissen noch in der Artenliste vor. Auch der Berichtstext und seine Tabellen enthalten keinen entsprechenden Nachweis. Für die Meldung eines Riesenhais bei Hywind Tampen gibt die zitierte Primärquelle daher keine Grundlage.
Auch beim Dornhai ist Präzision nötig. Die eDNA-Sequenz wurde nur als Squalus sp. bestimmt. In den regionalen Fangdaten war der Dornhai (Squalus acanthias) dokumentiert, weshalb die Forschenden beide Einträge für den Methodenvergleich zusammenführten. Die DNA-Analyse allein bestätigt Squalus acanthias aber nicht zweifelsfrei bis zur Art.
eDNA zeigt Anwesenheit, aber weder Zahl noch Verhalten
Ein genetischer Treffer bedeutet, dass DNA der betreffenden Art in der Probe vorhanden war. Er verrät nicht, wie viele Tiere dort schwammen, wie lange sie blieben oder ob sie eine Turbine gezielt aufsuchten. Strömungen können DNA außerdem über eine gewisse Entfernung transportieren. Aussagen über einen Laichplatz, eine Wanderroute oder eine neu entstandene Hai-Ansammlung wären deshalb mit diesen Daten nicht belegt.
Die meisten Hai- und Rochensignale waren im Datensatz selten. Eine Ausnahme bildete der Heringshai, dessen Sequenzen häufiger auftraten. Auch daraus lässt sich keine Bestandsgröße berechnen: Read-Zahlen hängen unter anderem davon ab, wie viel DNA eine Art abgibt und wie effizient die verwendeten Primer sie vervielfältigen. Der Bericht warnt zudem vor Mehrdeutigkeiten bei einzelnen taxonomischen Zuordnungen.
Bislang kein messbarer Windpark-Effekt
Die erneute Analyse bestätigte die Hauptaussage der ursprünglichen eDNA-Studie: Die Zusammensetzung der bodennahen Fischgemeinschaften war zwischen den untersuchten Stationen und Zeitpunkten weitgehend stabil. Ein positiver oder negativer Einfluss von Bau und Betrieb des Windparks ließ sich in diesem Datensatz nicht nachweisen.
Die Fangstudie des norwegischen Meeresforschungsinstituts aus der Bau- und frühen Betriebsphase kam ebenfalls zu einer vorsichtigen Einordnung. Knorpelfische wurden vor allem in den tieferen Bereichen näher am Windpark gefangen, doch dort war die Zahl der Proben wegen schlechten Wetters klein. Tiefe und Standort waren eng miteinander verknüpft, sodass die Ergebnisse nicht einfach als Anziehungswirkung der Turbinen interpretiert werden dürfen.




