Eine Studie in Fisheries Research liefert die bislang umfassendsten Daten zum Kleinen Schwarzen Dornhai in der südlichen Adria. Zwischen Januar 2023 und Dezember 2025 dokumentierte das Forschungsteam 319 Tiere aus kommerziellen Grundschleppnetz- und Langleinenfängen vor Vlorë. Die Fänge stammten aus 450 bis 650 Metern Tiefe.
Unter den Haien waren 58 Neugeborene und drei trächtige Weibchen. Zusammen mit der Altersverteilung spricht das dafür, dass der obere Kontinentalhang vor der albanischen Küste als Kinderstube dient. Die Studie beschreibt dafür starke Hinweise, aber noch kein abschließend abgegrenztes oder rechtlich geschütztes Aufwuchsgebiet.
Eine Population, die lange als selten galt
Der Kleine Schwarze Dornhai (Etmopterus spinax) war aus der Adria bekannt, erschien in regionalen Übersichten aber nur in wenigen, zeitlich weit auseinanderliegenden Nachweisen. Daraus entstand der Eindruck, die Art komme dort lediglich vereinzelt vor. Das neue Monitoring stellt diese Annahme infrage.
Die 319 Tiere bilden allerdings keine Bestandszählung. Sie wurden nicht mit einem flächendeckenden wissenschaftlichen Survey erfasst, sondern über die kommerzielle Fischerei. Hohe Fangzahlen können auf eine lokale Konzentration hinweisen, hängen aber ebenso von Fangplatz, Tiefe, Saison, Gerät und Aufwand der beteiligten Schiffe ab.
In der Stichprobe überwogen subadulte Tiere. Das angegebene Geschlechterverhältnis lag bei 0,85 zu 1. Damit zeigt der Datensatz nicht nur gelegentliche Besucher, sondern mehrere Lebensphasen – von Neugeborenen über heranwachsende Tiere bis zu trächtigen Weibchen.
Warum 58 Neugeborene für eine Kinderstube sprechen
Eine Hai-Kinderstube ist mehr als ein Ort, an dem einmal Jungtiere auftauchen. Entscheidend sind eine wiederholte Nutzung, eine erkennbare Konzentration junger Tiere gegenüber benachbarten Gebieten und eine längerfristige Bedeutung für die frühen Lebensstadien. Die Fänge über drei Jahre erfüllen wichtige Teile dieses Bildes.
Besonders aussagekräftig ist die Kombination aus Neugeborenen und trächtigen Weibchen. Sie deutet darauf hin, dass Fortpflanzung und frühe Entwicklung räumlich nah beieinander stattfinden könnten. Die Forschenden verbinden das Muster zudem mit einer altersabhängigen Tiefenverteilung am oberen Kontinentalhang.
Offen bleibt, wie groß das genutzte Gebiet ist, ob dieselben Tiefenzonen in jedem Jahr ähnlich stark genutzt werden und wie sich die Häufigkeit außerhalb der befischten Flächen entwickelt. Dafür wären standardisierte Surveys, saisonale Wiederholungen und möglichst nicht tödliche Beobachtungsmethoden nötig.
Schleppnetz oder Langleine: ein entscheidender Unterschied

Der deutlichste Schutzbefund betrifft das Fanggerät. Bei den mit Grundschleppnetzen gefangenen Haien lag die Mortalität beim Einholen laut Studie bei 100 Prozent. Die mit Langleinen gefangenen Tiere wurden dagegen lebend an Bord gebracht. Damit beeinflusst die Fangmethode unmittelbar, ob ein versehentlich gefangener Laternenhai überhaupt noch freigelassen werden kann.
Die Formulierung „Mortalität beim Einholen“ ist wichtig. Sie beschreibt, ob ein Tier beim Eintreffen am Schiff tot oder lebendig war. Sie misst weder die gesamte Sterblichkeit der Population noch automatisch das Überleben nach einer Freilassung. Gerade für Langleinenfänge müsste eine Nachbeobachtung zeigen, wie viele Tiere die Belastung langfristig überstehen.
Pathologische und histologische Untersuchungen ergaben einen guten Zustand der Tiere vor dem Fang. Das spricht dagegen, dass die hohe Schleppnetzmortalität vor allem durch bereits kranke oder geschwächte Haie erklärt werden kann. Mechanische Belastung, Fangdauer, Druck- und Temperaturwechsel werden damit zu zentralen Ansatzpunkten für das Fischereimanagement.
Sechs neue genetische Varianten
Die Forschenden untersuchten außerdem einen Abschnitt der mitochondrialen DNA, den sogenannten COI-Marker. Sie fanden eine moderate Haplotypenvielfalt und sechs zuvor nicht erfasste Haplotypen. Die Adriapopulation erscheint demnach mit dem übrigen Mittelmeer verbunden, zugleich aber teilweise von atlantischen Linien unterschieden.
Das ist ein erster Hinweis auf regionale Struktur, keine vollständige genetische Bestandsanalyse. Ein einzelner mitochondrialer Marker bildet nur einen Teil der Abstammungsgeschichte ab. Größere Stichproben aus verschiedenen Teilen der Adria und zusätzliche Kern-DNA-Marker müssten zeigen, wie stark der Austausch tatsächlich ist.
Ein leuchtender Hai aus der Tiefsee
Kleine Schwarze Dornhaie gehören zur Familie der Laternenhaie. Ihre Leuchtorgane an der Körperunterseite erzeugen Biolumineszenz, die die Silhouette gegen das schwache Licht von oben tarnen kann. Erwachsene Tiere erreichen meist etwa 45 bis 60 Zentimeter Länge und leben vor allem am äußeren Schelf und Kontinentalhang.
Die Art kommt im östlichen Atlantik und im Mittelmeer vor. Sie wird weltweit als gefährdet eingestuft, während die regionale Bewertung für das Mittelmeer günstiger ausfällt. Der Unterschied zeigt, warum lokale Daten wichtig sind: Ein globaler Status sagt wenig darüber aus, ob eine kleine regionale Teilpopulation besonders isoliert oder durch eine bestimmte Fischerei gefährdet ist.
Von der Fundstelle zum wirksamen Schutz

Vor Albanien trifft ein möglicher Fortpflanzungsraum auf eine expandierende Tiefseefischerei. Schutzmaßnahmen müssten deshalb nicht nur einen Punkt auf der Karte markieren. Entscheidend sind Tiefenbereich, Saison, Fanggerät und die Frage, in welchen Monaten Neugeborene oder trächtige Weibchen besonders häufig vorkommen.
Auf der gegenüberliegenden Seite der südlichen Adria liegt die offiziell ausgewiesene ISRA Santa Maria di Leuca. Dort zählt Etmopterus spinax bereits zu den Arten, wegen derer das Gebiet als wichtiges Fortpflanzungshabitat anerkannt wurde. Die neue albanische Studie belegt nicht, dass beide Bereiche eine einzige Kinderstube bilden. Sie stärkt aber das Bild eines ökologisch bedeutsamen Tiefsee-Korridors in der südlichen Adria und am Übergang zum Ionischen Meer.
Important Shark and Ray Areas sind wissenschaftliche Hinweise für die räumliche Planung, keine automatischen Schutzgebiete. Die Daten vor Vlorë können helfen, bestehende und vorgeschlagene Flächen genauer abzugrenzen, Fangmethoden zu bewerten und ein Monitoring aufzubauen, bevor zunehmender Fischereidruck eine bislang übersehene Population dauerhaft schwächt.
Was die Studie tatsächlich verändert
Die wichtigste Erkenntnis ist nicht allein die Zahl 319. Erstmals werden für die südliche Adria Demografie, Fortpflanzungsstatus, Fangmortalität und genetische Vielfalt derselben Art gemeinsam ausgewertet. Aus einem vermeintlich seltenen Tiefseehai wird dadurch eine regional strukturierte Population mit einem möglichen Schlüsselhabitat.
Für einen endgültigen Kinderstuben-Nachweis braucht es weitere Jahre und vergleichbare Untersuchungsflächen. Für Vorsorgemaßnahmen reichen die vorliegenden Warnsignale jedoch aus: viele frühe Lebensstadien auf engem Tiefenraum, geringe Fortpflanzungsleistung und vollständige Mortalität in den beobachteten Schleppnetzfängen. Gerade bei langsam wachsenden Tiefseehaien kann Abwarten den Verlust bedeuten, bevor eine Population überhaupt vollständig beschrieben ist.


