Blauhaie gehören zu den häufigsten pelagischen Haien im Beifang von Langleinenfischereien. Für die Population im Mittelmeer ist diese scheinbare Häufigkeit trügerisch: Sie gilt als stark bedroht, und jeder zusätzliche Verlust kann für eine langsam wachsende Haiart relevant werden. Eine neue Studie aus der südlichen Adria liefert nun wichtige Daten dazu, was nach der Freilassung passiert.
Die Arbeit Resilience in the line: insights on post-release survival from long-term monitoring and satellite tagging of blue sharks (Prionace glauca) in the Southern Adriatic Sea ist in Biological Conservation erschienen und dem Band 321, Artikel 111939, zugeordnet. Der DOI lautet 10.1016/j.biocon.2026.111939. Autorinnen und Autoren sind Pierluigi Carbonara, Andrea Bellodi, Giulia Prato, Simone Niedermüller, Alessandro Buzzi, Cosmidano Neglia, Lola Toomey, Massimiliano Bottaro, Maria Cristina Follesa und Walter Zupa.
Fünf Jahre Fischerei- und Taggingdaten
Die Studie kombiniert mehrere Datenquellen aus den Jahren 2019 bis 2024: Beobachtungen an Bord, Kontrollen an Anlandeplätzen, Fischer-Logbücher und Satellitentelemetrie. Dadurch geht sie über eine reine Fangstatistik hinaus. Sie fragt nicht nur, wie oft Blauhaie in der Schwertfisch-Langleinenfischerei auftauchen, sondern auch, welche Tiere nach dem Zurücksetzen tatsächlich weiterleben.
Insgesamt wurden 45 Blauhaie mit Pop-up-Satellitentags ausgerüstet. Diese Sender können später auftauchen und Daten übertragen, sodass sich aus Bewegungsmustern und Tag-Verhalten ableiten lässt, ob ein Tier die Freilassung überlebt hat. Für die südliche Adria ist das besonders wertvoll, weil dort bislang nur wenige integrierte Daten zu Beifang und Überleben nach Freilassung verfügbar waren.
77 Prozent überlebten nach der Freilassung
Das zentrale Ergebnis klingt zunächst vorsichtig optimistisch: Die geschätzte Überlebensrate nach der Freilassung lag bei 77 Prozent. Die meisten Todesfälle traten in den ersten vier Tagen auf. Genau dieser Zeitraum ist bei Beifangstudien wichtig, weil ein Hai beim Zurücksetzen lebendig wirken kann, aber später an Fangstress, Verletzungen oder Erschöpfung stirbt.
Die Forschenden verknüpften außerdem Fangzustand und Telemetriedaten. Daraus ergab sich die Schätzung, dass etwa 68 Prozent der zufällig gefangenen Blauhaie überleben könnten, wenn sie zügig freigelassen werden. Das ist keine Entwarnung, aber ein starkes Argument dafür, lebende Tiere konsequent und möglichst schonend zurückzusetzen.
Leinenzeit, Zustand und Körpergröße zählen
Die Überlebenschancen waren nicht zufällig verteilt. Der Zustand beim Einholen und die Körpergröße hatten deutlichen Einfluss: Erwachsene Tiere waren offenbar widerstandsfähiger als kleinere oder stärker belastete Individuen. Das passt zu anderen Beifangstudien, in denen Fangstress, Verletzungen und Handhabung direkt darüber entscheiden, ob ein lebend freigelassener Hai wirklich eine Chance hat.
Ein Random-Forest-Modell identifizierte die Leinenzeit, also die Dauer, in der die Haken im Wasser bleiben, als wichtigsten Faktor für den Fangzustand. Danach folgten Umweltvariablen wie Meeresoberflächen-temperatur, Chlorophyll-a und gelöster Sauerstoff. Für das Management ist das praktisch, weil Leinenzeit und Handhabung eher veränderbar sind als die Umweltbedingungen selbst.
Warum weniger Anlandungen ein gutes Zeichen sein können
Die Fangraten blieben in der Studie stabil, während die Anlandungen nach 2021 zurückgingen. Die Autorinnen und Autoren deuten das als Hinweis auf mehr Einhaltung von Rückwurf- beziehungsweise Nichtanlande-Regeln und auf gewachsenes Bewusstsein bei Fischern. Entscheidend ist aber: Eine Regel schützt nur dann, wenn die Tiere nach dem Zurücksetzen auch überleben.
Genau hier liegt die Stärke der Arbeit. Sie zeigt, dass Nichtanlande-Regeln und Freilassung nicht bloß Verwaltungsbegriffe sind. Sie müssen mit realem Fangzustand, kurzen Abläufen an Deck, passender Ausrüstung und Zusammenarbeit mit der Fischerei verbunden werden. Sonst verschiebt sich die Mortalität nur von der Anlandung in die unsichtbare Zeit nach der Freilassung.
Was das für Blauhaie im Mittelmeer bedeutet
Blauhaie sind im offenen Meer wichtige Räuber und werden in der Studie als Apex-Mesoprädatoren eingeordnet. Im Mittelmeer stehen sie unter besonderem Druck, weil die Population stark gefährdet ist und Langleinenfischerei regelmäßig mit ihrem Lebensraum überlappt. Jede Verbesserung beim Umgang mit Beifang kann daher einen messbaren Unterschied machen.
Die Botschaft ist nicht, dass Beifang unproblematisch wird, sobald Haie wieder ins Wasser gehen. Die Botschaft ist genauer: Wenn Fanggeräte kürzer im Wasser bleiben, wenn lebende Haie schneller und ruhiger gelöst werden und wenn Fischer aktiv in Monitoring und Rückmeldung eingebunden sind, steigt die Chance, dass Freilassung wirklich Schutz bedeutet.
Ein nüchterner Hoffnungsschimmer
Für Haitauchen ist die Studie auch deshalb interessant, weil sie die Lücke zwischen Sichtung und Schutz schließt. Ein Blauhai, der an der Oberfläche elegant und kräftig wirkt, kann in der Fischerei in wenigen Stunden in eine ganz andere Lage geraten. Ob er danach überlebt, hängt an Details, die in Schlagzeilen selten vorkommen: Haken, Leinenzeit, Sauerstoff, Temperatur, Handgriffe und Entscheidungen an Bord.
Der Befund von 77 Prozent Überleben ist deshalb weder Grund zur Selbstzufriedenheit noch zur Resignation. Er zeigt, dass viele Blauhaie robust genug sind, eine Freilassung zu überstehen, wenn die Bedingungen stimmen. Gleichzeitig bleiben die rund 23 Prozent Mortalität ein klarer Auftrag: Beifang muss weiter reduziert werden, und jede Freilassung muss so gestaltet sein, dass sie für den Hai tatsächlich eine zweite Chance ist.


