Blauhaie (Prionace glauca) sind weiträumig wandernde Hochseehaie. Genau deshalb eignen sie sich als Warnsignal für Schadstoffe, die nicht an einem einzelnen Küstenabschnitt stehen bleiben. Eine neue Open-Access-Studie in Environmental Science and Pollution Research zeigt nun, dass Blauhaie aus dem nördlichen Tropischen Ostpazifik gleichzeitig anthropogene Mikropartikel und Quecksilberbelastung tragen können.
23 Blauhaie, zwei Probenzeiträume
Zehn Tiere stammten aus einer Forschungsfahrt im südlichen Golf von Kalifornien im Juli 2019, weitere 13 aus kommerziellen Fischereifahrzeugen, die im Januar 2021 in Mazatlán, Sinaloa, anlandeten. Die Haie waren mit pelagischen Langleinen gefangen worden. Im Labor wurden Magen und Darm auf anthropogene Mikropartikel untersucht; Leber und Muskel lieferten die Daten zur gesamten Quecksilberbelastung.
Die Studie trennt dabei klassische Mikroplastik-Partikel von nicht-plastischen anthropogenen Mikropartikeln. Letztere umfassen etwa Baumwolle, Zellulose und Rayon aus verarbeiteten Textilien. Genau diese Unterscheidung ist wichtig, weil solche Fasern in Umweltanalysen leicht hinter dem Schlagwort Mikroplastik verschwinden, obwohl sie ebenfalls chemisch behandelt, langlebig und ökologisch relevant sein können.
Alle Tiere enthielten Mikropartikel
Das Ergebnis war eindeutig: In allen untersuchten Blauhaien fanden die Forschenden mindestens einen anthropogenen Mikropartikel. Im Mittel lagen 32 ± 37 Partikel pro Verdauungstrakt vor. Fasern dominierten mit 76 Prozent deutlich; die meisten Partikel waren kleiner als fünf Millimeter. Unter den synthetischen Polymeren waren Polyethylen und PET besonders häufig.
Die nicht-plastischen anthropogenen Partikel waren zahlenmäßig noch auffälliger. Mehr als 60 Prozent der per FTIR bestätigten anthropogenen Partikel gehörten in diese Gruppe, vor allem Baumwolle, Rayon und Zellulose. Konventionelle Mikroplastik-Partikel lagen im Mittel bei 12 ± 11 Partikeln pro Verdauungstrakt, nicht-plastische Mikropartikel bei 22 ± 27.
Quecksilber und Fasern traten gemeinsam auf
Die mittlere Quecksilberbelastung in Leber und Muskel lag bei 1,08 ± 0,43 mg kg⁻¹. Statistische Modelle identifizierten die Häufigkeit nicht-plastischer anthropogener Mikropartikel als stärksten Prädiktor für die Quecksilberwerte. Der Zusammenhang war nicht linear und in der heiß-feuchten Regenzeit besonders ausgeprägt.
Das bedeutet nicht, dass die Fasern allein das Quecksilber in die Haie gebracht haben. Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass die Daten ein gemeinsames Auftreten zeigen, aber keinen direkten Transfer beweisen. Gemeinsame Quellen, Nahrung, saisonaler Abfluss, Strömungen und trophische Effekte können ebenfalls erklären, warum Partikel und Quecksilber zusammen variieren.
Warum textile Fasern wichtig sind
Textilfasern aus Baumwolle, Zellulose oder Rayon wirken auf den ersten Blick harmloser als Plastik. In der Umwelt können sie jedoch Farbstoffe, Additive und andere Stoffe tragen oder binden. Die Studie greift deshalb eine Lücke in vielen Monitoringprogrammen auf: Wer nur synthetische Kunststoffe zählt, unterschätzt möglicherweise einen großen Teil menschengemachter Partikelbelastung.
Für Blauhaie ist das besonders relevant, weil sie als hochmobile Räuber viele Wassermassen und Nahrungsnetze integrieren. Ein einzelner Mageninhalt erzählt nicht nur von einem Fangort, sondern von der Belastung eines größeren pelagischen Systems. Der Tropische Ostpazifik ist zugleich Fischereiraum und Transportkorridor für treibenden Müll aus dem Nordpazifik.
Risiko ja, aber keine einfache Seafood-Warnung
Die berechneten Belastungsindizes lagen insgesamt im niedrigen bis moderaten Bereich. Gleichzeitig überschritten mehr als die Hälfte der Tiere beim Polymer Hazard Index den Schwellenwert von 1000. Das zeigt: Die reine Partikelzahl reicht nicht aus, um Risiko zu verstehen. Materialtyp und chemische Gefährlichkeit machen einen großen Unterschied.
Für Menschen lässt sich daraus dennoch keine direkte Verzehrwarnung ableiten. Die Mikropartikel wurden im Verdauungstrakt gezählt, nicht in essbaren Geweben. Quecksilber in Muskelgewebe bleibt ein eigenständiges, gut bekanntes Problem bei großen Raubfischen. Die Partikeldaten zeigen eher, dass künftige Lebensmittelsicherheits- und Meeresmonitoringprogramme mehrere Schadstoffpfade gemeinsam betrachten sollten.
Was die Studie für den Haischutz zeigt
Blauhaie werden weltweit häufig gefangen und als Beifang gemeldet. Wenn solche Tiere zugleich Mikropartikel, textile Fasern und Quecksilberbelastung tragen, geht Haischutz über Fangquoten hinaus. Er betrifft Abwasser, Textilfasern, Mülltransport, Fischereidruck und die Frage, welche Stoffe in pelagische Nahrungsnetze gelangen.
Die Studie liefert keine endgültige Kausalkette, aber eine wichtige Basislinie. Sie zeigt, dass nicht-plastische anthropogene Mikropartikel bei großen Hochseehaien nicht als Randthema behandelt werden sollten. Wer die Gesundheit von Haien und Meeresökosystemen verstehen will, muss künftig auch diese leisen Fasern mitmessen.


