Eine neue Studie in Science zeigt, wie unterschiedlich Hai-Gemeinschaften auf den zwei Seiten eines einzigen Landes schon vor starker menschlicher Nutzung waren. In den untersuchten Riffen im Golf von Panama lebten demnach vor mehreren Jahrtausenden ungefähr 20-mal mehr Haie als an der nur etwa hundert Kilometer entfernten Karibikküste.
Der Vergleich ist für den Haischutz entscheidend: Ein scheinbar natürlicher Referenzwert aus einem Meer kann für ein anderes Meer um eine ganze Größenordnung falsch sein. Schutzprogramme müssen deshalb nicht nur fragen, wie stark eine Population befischt wurde, sondern auch, wie viel Energie das jeweilige Ökosystem großen Räubern bieten kann.
3.497 winzige Spuren aus 157 Sedimentproben
Haie tragen keine gewöhnlichen Fischschuppen. Ihre Haut ist mit Dermaldentikeln bedeckt – winzigen, zahnähnlichen Strukturen, die fortlaufend abgestoßen werden. Sie sinken in Riffsedimente und können dort über Jahrtausende erhalten bleiben. Form und Häufigkeit dieser Dentikel liefern Hinweise auf die Zusammensetzung und relative Häufigkeit früherer Hai-Gemeinschaften.

Nach Angaben des Smithsonian Tropical Research Institute isolierte das Forschungsteam 3.497 Dentikel aus 157 Proben. Verglichen wurden Ablagerungen aus dem mittleren Holozän – ungefähr 7.000 bis 3.000 Jahre alt – mit Sedimenten aus dem vergangenen Jahrhundert. Unterschiede bei Probenmenge, Datierung und Sedimentationsrate wurden in den Modellen berücksichtigt.
Aus 20 zu 1 wurde ungefähr 100 zu 1
Vor intensiver Fischerei lag die rekonstruierte Hai-Häufigkeit an den Pazifikriffen etwa um den Faktor 20 über dem karibischen Ausgangswert. Seitdem ging die Dentikel-Akkumulation in der Karibik um ungefähr 75 Prozent zurück, besonders bei Formen, die schnell schwimmenden pelagischen Haien zugeordnet werden. Auf der Pazifikseite unterschied sich der moderne Wert statistisch nicht vom prähistorischen Niveau.
Damit liefern moderne Pazifikriffe etwa 100-mal mehr Dentikel als die vergleichbaren karibischen Riffe. Das bedeutet nicht, dass dort exakt hundertmal so viele einzelne Tiere gezählt wurden. Dentikel sind ein ökologischer Stellvertreter: Abstoßungsraten, Sedimenttransport, Erhaltung und die unterschiedliche Lebensweise der Arten müssen bei der Interpretation mitgedacht werden.
Warum der produktivere Pazifik mehr große Räuber tragen kann
Der Golf von Panama wird durch saisonalen Auftrieb gespeist. Kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser gelangt an die Oberfläche, fördert Plankton und Beutefische und stellt damit mehr Energie für große Räuber bereit. Die klareren karibischen Gewässer sind im Vergleich nährstoffärmer und hatten deshalb bereits vor menschlicher Nutzung eine geringere natürliche Tragfähigkeit für Haie.
Bemerkenswert ist, dass mehr als 98 Prozent der Fischerei Panamas auf der Pazifikseite stattfinden. Die Studie versteht die dortige Stabilität jedoch nicht als Beweis, dass Fischerei folgenlos bleibt. Ein produktives Meer kann Belastungen möglicherweise besser abfedern, zugleich können Überfischung und veränderte Umweltbedingungen es in einen Zustand drücken, der in den untersuchten Jahrtausenden nicht vorkam.
Kein einheitliches Soll für jedes Korallenriff
Die Ergebnisse warnen vor pauschalen Wiederaufbauzielen. Wenn ein karibisches Riff an der historischen Hai-Dichte des nährstoffreicheren Pazifiks gemessen wird, wäre das Ziel ökologisch unrealistisch. Umgekehrt darf ein natürlicherweise niedrigerer Ausgangswert nicht dazu dienen, einen zusätzlichen, menschlich verursachten Rückgang zu übersehen.
Fossile Dentikel erweitern den kurzen Zeitraum moderner Zählungen um mehrere Jahrtausende. Sie machen sichtbar, dass Schutz nicht nur die Gegenwart vermessen muss: Erst die ökologische Geschichte eines Ortes zeigt, welche Erholung dort möglich ist – und wie weit eine heutige Hai-Gemeinschaft bereits von ihrem eigenen Ausgangspunkt entfernt ist.

