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Grönlandhaie sind nicht blind: Ihre Netzhaut altert erstaunlich langsam

Eine Studie zeigt eine intakte, stäbchendominierte Netzhaut bei mehr als 100 Jahre alten Grönlandhaien. Ihre Augen sind auf blaues Restlicht der arktischen Tiefsee spezialisiert.

Ronny K24. August 2026
Nahaufnahme vom Auge eines Grönlandhais
Nahaufnahme vom Auge eines Grönlandhais

Grönlandhaie galten wegen ihrer dunklen arktischen Umwelt, ihrer kleinen Augen und der häufig an der Hornhaut sitzenden Ruderfußkrebse lange als beinahe blind. eine Studie in Nature Communications zeichnet ein anderes Bild: Selbst bei mehr als ein Jahrhundert alten Tieren waren Netzhaut, lichtempfindliche Zellen und die molekulare Maschinerie für das Sehen bei schwachem Licht erhalten.

Die am 22. August 2026 veröffentlichte Meldung von ScienceDaily greift diese Ergebnisse erneut auf. Die Facharbeit selbst ist jedoch nicht neu: Sie wurde bereits am 5. Januar 2026 veröffentlicht. Das ist für die Einordnung wichtig, denn die aktuelle Schlagzeile beschreibt keinen zweiten Datensatz, sondern eine neue Medienrunde um dieselbe Studie.

Was das Team in den Augen untersuchte

Die Forschenden kombinierten Histologie, Genom- und RNA-Analysen, Fluoreszenzsonden für verschiedene Netzhautzellen, Lipidmessungen sowie funktionelle Tests des Sehfarbstoffs Rhodopsin und der Hornhaut. Die Proben stammten von Grönlandhaien, die zwischen 2020 und 2024 mit wissenschaftlichen Langleinen vor der Disko-Insel in Grönland gefangen worden waren.

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Die Methoden ergänzen einander, beruhen aber teils auf sehr kleinen Stichproben. Histologische und mehrere zelluläre Auswertungen wurden an der Netzhaut eines Tieres vorgenommen, die Lipidmessung an zwei Netzhäuten und die RNA-Analyse an drei Individuen. Für den Lichtdurchlass untersuchte das Team sechs konservierte Hornhäute. Die Ergebnisse sind deshalb ein starker Funktionsnachweis auf Gewebe- und Molekülebene, aber noch keine vollständige Beschreibung des Sehens in freier Wildbahn.

Eine Netzhaut nur für schwaches Licht

In der untersuchten Netzhaut fanden sich dicht gepackte, verlängerte Stäbchen, aber keine Zapfen. Stäbchen reagieren besonders empfindlich auf wenige Photonen; Zapfen ermöglichen bei vielen Wirbeltieren dagegen das Sehen bei hellem Licht und Farbunterscheidung. Passend dazu waren die für Stäbchensehen nötigen Gene intakt und aktiv, während zahlreiche Gene des Zapfensystems fehlten, zu funktionslosen Pseudogenen geworden waren oder nicht mehr abgelesen wurden.

Auch der Sehfarbstoff ist auf die Tiefe abgestimmt. Das Rhodopsin absorbierte am stärksten bei 458 Nanometern und damit im blauen Bereich. Kurzwelliges blaues Licht dringt im klaren Wasser besonders weit vor und dominiert das schwache Restlicht der arktischen Tiefsee. Der Grönlandhai sieht demnach wahrscheinlich nicht detail- oder farbenreich wie ein tagaktives Tier, besitzt aber ein hoch spezialisiertes System zum Erkennen geringer Lichtreize.

Augenparasiten bedeuten nicht automatisch Blindheit

Viele Grönlandhaie tragen den Ruderfußkrebs Ommatokoita elongata an der Hornhaut. Alle sechs untersuchten Hornhäute waren an ihren Rändern parasitiert. Trotzdem ließen sie über den gemessenen Bereich 70 bis 100 Prozent des Lichts passieren; im blauen Bereich von 450 bis 500 Nanometern waren es 66 bis 100 Prozent. Das widerlegt nicht, dass die Parasiten lokale Schäden verursachen oder die Sicht beeinträchtigen können. Es zeigt aber, dass eine parasitierte Hornhaut nicht zwangsläufig lichtundurchlässig ist.

Mehr als 130 Jahre alt – ohne erkennbare Netzhautdegeneration

Beim ältesten untersuchten Tier wurde das Alter auf mehr als 130 Jahre geschätzt. Dennoch waren sämtliche Netzhautschichten vorhanden, die für das Stäbchensehen nötigen Zelltypen nachweisbar und in den untersuchten Schnitten keine offensichtlichen Zeichen von Zelluntergang oder DNA-Fragmentierung zu sehen. Die Aussage bezieht sich auf diese Proben; sie beweist nicht, dass bei jedem sehr alten Grönlandhai jede Form altersbedingter Sehverschlechterung ausbleibt.

Als möglichen Erklärungsansatz hebt die Studie die DNA-Reparatur hervor. Langlebige Haiarten behielten das Gen ercc1, und in der Netzhaut des Grönlandhais wurde ercc4 stärker abgelesen als bei den verglichenen Arten. Beide gehören zum Reparaturkomplex ERCC1-XPF. Das ist eine plausible Spur, aber noch kein Beweis dafür, dass dieser Mechanismus allein die Netzhaut über Jahrzehnte schützt. Dafür sind weitere funktionelle Versuche notwendig.

Was „nicht blind“ wissenschaftlich bedeutet

Die Arbeit misst keine Sehschärfe, kein Sichtfeld und kein Jagdverhalten. Sie zeigt vielmehr, dass Licht die Hornhaut erreichen kann, die Netzhaut strukturell erhalten ist, wichtige Zelltypen vorhanden sind und die Gene für Stäbchensehen aktiv bleiben. Zusammen ergibt das überzeugende Evidenz für ein funktionsfähiges, an Dunkelheit angepasstes visuelles System – nicht für scharfes Sehen unter allen Bedingungen.

Auch mögliche Anwendungen für die Humanmedizin stehen erst am Anfang. Die Genaktivität eines extrem langlebigen Kaltwasserhais lässt sich nicht direkt in eine Behandlung von Makuladegeneration oder Glaukom übersetzen. Der Wert liegt zunächst darin, ein natürliches Modell zu liefern, an dem Forschende die langfristige Erhaltung von Nervengewebe untersuchen können.

Ein weiteres Puzzleteil der außergewöhnlichen Langlebigkeit

Die neue Auswertung ergänzt zwei andere Forschungsstränge, die wir bereits aufbereitet haben: Alters- und Reifeschätzungen zeigen, wie langsam die Art wächst und wie spät sie fortpflanzungsfähig wird. Eine Untersuchung ihrer stark gealterten Herzen fand zwar deutliche Alterungsspuren, aber keinen unmittelbar nachgewiesenen Funktionsverlust. Augen und Herz erzählen dabei keine identische Geschichte – gemeinsam zeigen sie jedoch, dass sehr hohes Alter bei dieser Art nicht einfach mit einem einheitlichen Verfall aller Organe gleichzusetzen ist.

Für den Schutz bleibt die Erkenntnis doppeldeutig: Ein über lange Zeit erhaltenes Sehvermögen ist eine bemerkenswerte Anpassung, macht die Art aber nicht weniger verletzlich. Langsames Wachstum, sehr späte Geschlechtsreife und Beifang in arktischen Fischereien bedeuten, dass verlorene erwachsene Tiere nur äußerst langsam ersetzt werden können.

Quellen

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