Grönlandhai: 150 Jahre bis zur Geschlechtsreife

Radiokarbonmessungen an den Augenlinsen von 28 Grönlandhaien deuten auf Jahrhunderte Lebenszeit und eine Geschlechtsreife erst mit rund 150 Jahren hin.

Sharky9. August 2026
Grönlandhai (Somniosus microcephalus) in der Tiefsee
Grönlandhai (Somniosus microcephalus) in der Tiefsee.

Ein Jungtier, das heute im kalten Nordatlantik geboren wird, könnte erst in den 2170er-Jahren geschlechtsreif werden. Mit diesem Vergleich macht ein aktueller Beitrag von SpaceDaily die außergewöhnlich langsame Lebensgeschichte des Grönlandhai anschaulich. Die Rechnung ist keine direkte Beobachtung eines Jungtiers über 150 Jahre, sondern eine Extrapolation aus Alters- und Größenschätzungen.

Hinter dem eindrucksvollen Gedankenexperiment steht eine wichtige wissenschaftliche Aussage: Grönlandhaie leben wahrscheinlich mehrere Jahrhunderte und weibliche Tiere erreichen die Fortpflanzungsreife erst in einem Alter, das über der menschlichen Lebensspanne liegt. Gerade für den Schutz der Art ist diese Zeitdimension entscheidend.

Wie sich das Alter ohne Wachstumsringe bestimmen lässt

Für die 2016 in Science veröffentlichte Studie untersuchte ein internationales Team die Augenlinsen von 28 weiblichen Grönlandhaien. Die Tiere waren 81 bis 502 Zentimeter lang und stammten aus wissenschaftlichen Erhebungen vor Grönland in den Jahren 2010 bis 2013. Es handelte sich also nicht um eine über Jahrhunderte laufende Beobachtungsreihe, sondern um eine Altersrekonstruktion.

Bei vielen Haien lassen sich Wachstumszonen in verkalkten Strukturen auswerten. Beim Grönlandhai funktioniert das nicht zuverlässig. Die Forschenden nutzten deshalb Proteine im innersten Kern der Augenlinse. Dieses Gewebe entsteht bereits vor der Geburt, wird später nicht ersetzt und bewahrt dadurch ein chemisches Signal aus der frühen Lebensphase.

Entscheidend war die Bombenpulsdatierung mit dem Radiokohlenstoffisotop Kohlenstoff-14 (14C). Oberirdische Atomwaffentests erhöhten dessen Anteil ab Mitte der 1950er-Jahre deutlich. Dieser Bombenpuls gelangte auch in marine Nahrungsnetze. Bei jüngeren Haien dient er als Zeitmarke; für Tiere aus der Zeit davor muss das Alter mit Kalibrierkurven und Wahrscheinlichkeitsmodellen eingegrenzt werden.

Mindestens 272 Jahre – kein Durchschnittsalter

Die Untersuchung ergab eine Lebensspanne von mindestens 272 Jahren. Diese Zahl wird in populären Darstellungen gelegentlich als durchschnittliche Lebenserwartung bezeichnet. Das ist zu weitgehend: 272 Jahre markieren die untere Grenze der Altersschätzung für das größte untersuchte Tier und keinen gemessenen Populationsdurchschnitt.

Das 502 Zentimeter lange Weibchen wurde auf 392 ± 120 Jahre geschätzt. Die große Spanne ist kein nebensächliches Detail, sondern Teil des Ergebnisses: Bei Tieren, die lange vor Beginn der Atomwaffentests und damit vor dem für die Bombenpulsdatierung nutzbaren 14C-Signal geboren wurden, lässt sich kein exaktes Geburtsjahr ablesen. Sicher ist vor allem die Größenordnung von Jahrhunderten.

Auch die oft genannte Wachstumsrate von ungefähr einem Zentimeter pro Jahr ist eine Näherung. Die Science-Arbeit verweist dafür auf ältere Markierungs- und Wiederfangdaten mit höchstens etwa einem Zentimeter Zuwachs pro Jahr. Die Studie von 2016 hat nicht jedes Tier jährlich vermessen.

Geschlechtsreife erst jenseits von vier Metern

Aus früheren Fängen war bekannt, dass weibliche Grönlandhaie erst oberhalb von etwa vier Metern Körperlänge als geschlechtsreif gelten. Übertrug das Team seine Alters-Größen-Beziehung auf diese Schwelle, ergab sich ein Alter von mindestens 156 ± 22 Jahren. Daraus entsteht die zugespitzte, aber nachvollziehbare Rechnung: Ein 2026 geborenes Weibchen könnte erst im 22. Jahrhundert Nachwuchs bekommen.

Die Rechnung sagt nicht voraus, wann ein bestimmtes Tier tatsächlich erstmals trächtig wird. Paarung, Tragezeit, Geburtsgebiete und natürliche Sterblichkeit sind weiterhin nur lückenhaft erforscht. Sie zeigt jedoch, wie lange ein Weibchen überleben muss, bevor es überhaupt zur nächsten Generation beitragen kann.

Warum die Unsicherheit den Schutz nicht weniger dringlich macht

Grönlandhaie geraten als Beifang in arktischen und subarktischen Grundfischereien. Stirbt ein erwachsenes Weibchen, lässt es sich nicht binnen weniger Jahre durch ein neu herangewachsenes Tier ersetzen. Selbst bei der unteren Altersschätzung läuft die Erneuerung der fortpflanzungsfähigen Population auf einer Zeitskala von Generationen.

Die Autoren der Studie leiteten deshalb ausdrücklich die Notwendigkeit eines vorsorglichen Schutzansatzes ab. Schonende Freisetzung lebender Beifänge, verlässliche Meldedaten und das Vermeiden unnötiger Sterblichkeit sind bei dieser Art besonders wichtig. Späte Geschlechtsreife macht Bestände nicht automatisch kleiner, aber sehr langsam in ihrer Reaktion auf zusätzliche Verluste.

Was von der Schlagzeile übrig bleibt

Die griffige Vorstellung eines Hais, der erst im 22. Jahrhundert Nachwuchs bekommt, trifft den Kern der biologischen Langsamkeit. Wissenschaftlich sauber bleibt sie, wenn drei Einschränkungen mitgenannt werden: Die Wachstumsrate ist eine Näherung, das Reifealter eine modellgestützte Schätzung und die 272 Jahre kein Durchschnittswert.

Trotz dieser Unsicherheiten gehört der Grönlandhai zu den außergewöhnlichsten Wirbeltieren im Arktischen Ozean. Die Forschung muss nicht jedes Geburtsjahr exakt kennen, um eine klare Konsequenz zu ziehen: Ein Tier, das mehr als ein Jahrhundert bis zur Fortpflanzung benötigt, verträgt vermeidbare Verluste nur sehr schlecht.

Erwähnte Arten

Grönlandhai Somniosus microcephalus

Grönlandhai

Quellen

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