Wo wachsen junge Haie auf – und wie gut kennen wir diese Lebensräume? Eine globale Übersicht hat 538 Fachveröffentlichungen ausgewertet und darin 443 als Kinderstuben beschriebene Gebiete für 94 Haiarten in 62 Ländern erfasst. Das Ergebnis zeigt die Bedeutung küstennaher Lebensräume, aber auch erhebliche Unterschiede in der Beweislage.
Die am 9. September 2026 veröffentlichte Studie in Reviews in Fish Biology and Fisheries unterscheidet ausdrücklich zwischen allen in der Literatur so bezeichneten Gebieten und Kinderstuben, die drei strengere Kriterien erfüllen. Für diese zweite Gruppe bleiben 145 Gebiete und 36 Haiarten übrig.
Wann ist ein Gebiet tatsächlich eine Kinderstube?
Die häufig verwendete Definition nach Heupel und Kollegen verlangt mehr als den Fund einzelner Jungtiere: Junge Haie müssen dort häufiger vorkommen als in anderen Gebieten, über längere Zeit bleiben oder wiederkehren und den Lebensraum wiederholt über mehrere Jahre nutzen. Ein trächtiges Weibchen, eine Geburt oder eine einmalige Ansammlung reicht für diesen Nachweis allein nicht aus.
Die größere Zahl von 443 Gebieten ist deshalb keine Liste gleich gut bestätigter Kinderstuben. Das Team nahm auch ältere und anders definierte Nachweise auf und wertete die strengere Teilmenge gesondert aus. Ebenso bedeutet eine fehlende Bestätigung nicht automatisch, dass ein Gebiet für junge Haie unwichtig wäre: Oft fehlen geeignete Vergleichsdaten oder lange Beobachtungsreihen.
Küsten, Buchten und Flussmündungen dominieren
92 Prozent aller erfassten Gebiete lagen küstennah. 61 Prozent befanden sich in Ästuaren, Buchten oder Lagunen, 19 Prozent in Flüssen. Diese Merkmale können sich überschneiden. Auch in der strenger abgegrenzten Gruppe dominierte die Küste mit 97 Prozent deutlich.
Die Lebensräume sind vielfältig: Neben Mangroven und Seegras kommen beispielsweise Großalgen vor. Die Übersicht beschreibt außerdem Kinderstuben im offenen Meer und in tieferen Gewässern. Die starke Küstenbetonung bildet somit sowohl die Biologie vieler untersuchter Arten als auch die bessere Zugänglichkeit solcher Gebiete für die Forschung ab.
Gemeinsame Lebensräume für mehrere Haiarten
38 Prozent der insgesamt erfassten Gebiete wurden als Kinderstube für mindestens zwei Haiarten beschrieben. Der Schutz eines solchen Lebensraums kann daher mehreren Arten gleichzeitig zugutekommen. Ob das gelingt, hängt allerdings auch von den örtlichen Belastungen und davon ab, wie viele Jungtiere später zum erwachsenen Bestand beitragen.
Ein Beispiel für eine vergleichsweise gut untersuchte Art ist der Bullenhai: Die Übersicht erfasst für ihn 89 beschriebene Kinderstuben in sieben FAO-Meeresregionen. Das sind Literaturfundstellen nach dem breiten Ansatz der Übersicht, nicht 89 gleichermaßen streng bestätigte oder gleich bedeutende Schutzgebiete. Manche beherbergen relativ wenige Jungtiere; andere können für eine ganze Region besonders wichtig sein.
Langjährige Nutzung ist nur für einen Teil dokumentiert
144 der 443 Gebiete wurden über mindestens zehn Jahre als Kinderstuben beschrieben, 73 über mindestens zwanzig Jahre. Das spricht für eine wiederholte Nutzung mancher Lebensräume. Es beweist jedoch nicht, dass einzelne Weibchen immer an ihren eigenen Geburtsort zurückkehren. Für eine solche Geburtsorttreue braucht es andere, individuell zuordenbare Daten.
Die Literaturrecherche wurde im Januar 2025 zusammengestellt und umfasst Veröffentlichungen von 1950 bis 2024. Eine im September 2026 erschienene Übersicht ist damit kein vollständiger Stand aller 2026 bekannten Gebiete. Zudem zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Forschungsaufwand und Zahl der beschriebenen Kinderstuben.
Was daraus für den Schutz folgt
Die Forschenden sehen besonders großen Nachholbedarf unter anderem im westlichen und nördlichen Indischen Ozean, im Indopazifik und vor Westafrika. Wenige veröffentlichte Nachweise sollten dort nicht mit wenigen geeigneten Lebensräumen verwechselt werden.
Für den Schutz reicht deshalb weder eine möglichst lange Liste vermeintlicher Kinderstuben noch die Ausweisung einzelner Flächen allein. Benötigt werden wiederholte Untersuchungen, Vergleichsgebiete und Maßnahmen gegen die örtlichen Belastungen durch Fischerei und Lebensraumverlust. Welche Gebiete Vorrang verdienen, hängt von ihrer tatsächlichen Bedeutung für den Nachwuchs ab.
Ein neueres Beispiel für die Bedeutung von Bewegungsdaten ist unser Bericht über winterliche Wanderungen junger Bullenhaie aus der Galveston Bay. Er ergänzt das Thema, gehört als 2026 berichtete Arbeit aber nicht zum bis 2024 reichenden Literaturbestand dieser Übersicht.
Symbolbild: junger Hai am Strand; Art nicht bestimmt. Hillary / LaMenta3, „161 – Baby Shark“, CC BY-SA 2.0; auf 2:1 beschnitten, als WebP gespeichert.


