Haie im Industriehafen: Kann Ngqura zeigen, wie künstliche Küstenräume Schutz bieten?

Der Industriehafen Ngqura bei Gqeberha wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Hai-Refugium. Save-Our-Seas-Reportagen zeigen aber, dass der gesicherte Hafen für Haie, Rochen und andere Fische eine ungewöhnlich artenreiche Schutzzone geworden sein könnte.

Sharky17. Juni 2026
Coega Industrial Development Zone
Von Wizzy - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Ein Containerhafen ist nicht der Ort, an dem man zuerst an Haischutz denkt. Beton, Kaimauern, Sicherheitszäune und Schiffsverkehr stehen eher für Küstenverbauung als für Natur. Genau deshalb ist der Hafen von Ngqura bei Gqeberha in Südafrika so interessant: Er wirkt wie ein Industrieort und könnte zugleich ein unbeabsichtigtes Refugium für Haie und Rochen geworden sein.

Eine aktuelle Reportage der Save Our Seas Foundation beschreibt Ngqura als ungewöhnlich artenreiches Küstenhabitat. Forschungsarbeiten mit Video-Systemen und einem langjährigen Markierungsprogramm dokumentieren dort hohe Fischdichten, viele Haie und Rochen sowie mehrere bedrohte Arten.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Hafenbau plötzlich harmlos wäre. Ngqura wurde durch massive Eingriffe geschaffen: Baggerarbeiten, Breakwaters, künstliche Hartsubstrate und ein stark veränderter Küstenabschnitt. Die Überraschung liegt darin, dass ausgerechnet diese Struktur heute ruhiges Wasser, Schutz vor rauer Brandung, neue Riffoberflächen und ein weitgehend fischereifreies Innenbecken bietet.

Ein Hafen mit No-Take-Effekt

In vielen Meeresschutzgebieten entscheidet nicht nur die Linie auf der Karte, sondern die Durchsetzung. In Ngqura ist der Schutz kein klassisches Naturschutzdesign, sondern Nebenprodukt der Hafensicherheit. Der Zugang ist kontrolliert, der Bereich wird überwacht, und Fischerei ist abgesehen von Forschungs- und Monitoringarbeiten weitgehend verboten.

Genau das erzeugt einen No-Take-Effekt, den manche offizielle Schutzgebiete nur auf dem Papier erreichen. Während außerhalb des Hafens Fischerei, Beifang und Küstendruck wirken, finden viele Tiere innerhalb der Breakwaters offenbar einen ungewöhnlich stabilen Rückzugsraum.

Die SOSF-Projektseite „Can eco-engineering make a man-made ocean fish-friendly?“ ordnet Ngqura als Südafrikas einzigen künstlichen Hafen ein und nennt langfristige Monitoringdaten für mindestens 29 Hai- und Rochenarten. Mehrere davon gelten laut Projektkontext als stark bedroht.

Sandtigerhaie, Glatthaie und Jungtiere

Besonders auffällig sind die Sandtigerhaie, in Südafrika oft ragged-tooth sharks genannt. Die Save-Our-Seas-Reportage beschreibt große Tiere im Hafenbereich; die Art ist langsam wachsend, spät geschlechtsreif und daher besonders anfällig für Überfischung. Wenn solche Tiere ein Industriebecken als ruhigen Aufenthaltsort nutzen, ist das ökologisch mehr als eine Kuriosität.

Ein älterer SOSF-Beitrag über das Schutzpotenzial von Häfen beschreibt außerdem massive sommerliche Ansammlungen von Glatthaien (Mustelus mustelus). Bei einer Fang- und Taggingaktion waren die erfassten Tiere weiblich; mehrere reife Tiere waren trächtig. Das spricht dafür, dass Ngqura nicht nur als Zufluchtsort, sondern für bestimmte Arten auch als Fortpflanzungs- oder Aufwuchsraum wichtig sein kann.

Der Projektbericht „Port Ngqura, a clearly artificial, yet surprising sanctuary“ nennt zudem juvenile Dunkle Haie (Carcharhinus obscurus), Bronzehaie, Rochen und weitere Arten, die im Hafen beobachtet oder registriert wurden. Für einen künstlichen Küstenraum ist diese Mischung bemerkenswert: Sie reicht von Jungtieren bis zu großen Räubern.

Was Ngqura für Hafenplanung zeigt

Die wichtigste Lehre ist nicht, dass jeder Hafen automatisch ein Naturparadies wird. Viele künstliche Küstenstrukturen sind ökologisch arm, fördern invasive Arten oder zerstören wertvolle Flachwasser- und Mündungslebensräume. Ngqura ist eher ein Hinweis darauf, welche Faktoren unter günstigen Bedingungen helfen können: Habitatvielfalt, strukturreiche Breakwaters, Schutz vor starker Brandung, produktive Nahrungsketten und konsequent ausgeschlossene Fischerei.

Für die Idee einer nature-positive Hafenplanung ist das wertvoll. Wenn Küsteninfrastruktur ohnehin gebaut oder erneuert wird, können Planerinnen und Planer nicht nur an Schiffslogistik denken, sondern auch an Strukturen, die Fischen, Rochen und Haien echte Lebensräume bieten: komplexe Oberflächen statt glatter Wände, Ruhezonen, Wasserqualität, begrenzte Störung und Schutz vor Entnahme.

Solche Ansätze ersetzen keine natürlichen Riffe, Mündungen oder Meeresschutzgebiete. Aber sie können verhindern, dass künstliche Küsten nur tote Kanten werden. In einer Welt, in der immer mehr Küstenlinie verbaut ist, zählt auch die Frage, wie schlecht oder wie gut diese neuen Räume gestaltet werden.

Die Grenzen des Refugiums

Ngqura bleibt ein Industriehafen. Schiffsverkehr, Lärm, Schadstoffrisiken, Baggerarbeiten, invasive Arten und künftige Erweiterungen können das System verändern. Außerdem endet der Schutz an den Breakwaters. Wandernde Haie und Rochen verlassen den Hafen und treffen draußen wieder auf Fischerei, Beifang und Küstendruck.

Genau deshalb ist der Begriff „zufälliges Refugium“ so passend. Der Hafen scheint Tieren eine Pause vom Druck der offenen Küste zu geben, aber er ist kein vollständiger Ersatz für großräumige Schutzpolitik. Er zeigt eine Möglichkeit, nicht die Lösung.

Für Haitauchen ist Ngqura deshalb eine starke Geschichte: Sie macht sichtbar, dass Haischutz nicht nur an tropischen Riffen oder in spektakulären Marine Parks stattfindet. Manchmal entsteht Schutz dort, wo niemand ihn gesucht hat. Die Aufgabe ist dann, genau hinzuschauen, zu verstehen, warum es funktioniert, und dieses Wissen in bessere Küstenplanung zu übersetzen.

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