Eine neue Langzeitstudie in Endangered Species Research zeichnet das bislang detaillierteste Bild der Zebrahaie an der Küste von Mosambik. Das Team wertete Daten aus 14 Jahren aus: Zwischen 2011 und 2025 wurden bei 9.219 Unterwasseruntersuchungen 631 Sichtungen erfasst und anhand der individuellen Fleckenmuster 164 Tiere unterschieden.
Die Ergebnisse konzentrieren sich nicht auf einen gleichmäßig verteilten Bestand. Ein kleiner Verbund von Riffen nördlich von Tofo fiel als saisonaler Schwerpunkt auf. Dort kehrten einzelne Haie über mehrere Jahre zurück. Zugleich dokumentierte das Team drei Balzinteraktionen, die ersten wissenschaftlichen Nachweise dieses Verhaltens bei der Art im westlichen Indischen Ozean.
164 Tiere mit unverwechselbaren Fleckenmustern
Zebrahaie tragen als ausgewachsene Tiere ein Muster aus dunklen Punkten. Ähnlich wie Fingerabdrücke lassen sich diese Zeichnungen in Fotos wiedererkennen. So kann ein Tier verfolgt werden, ohne es zu fangen oder zu markieren. Für die Studie verbanden die Forschenden standardisierte Surveys mit Foto-Identifikationen aus einem langen Beobachtungszeitraum.
Von den 164 identifizierten Haien wurden 35 Prozent mindestens einmal erneut gesehen. 27 Prozent tauchten sogar in mehreren Jahren in den Aufzeichnungen auf. Das belegt keine dauerhafte Anwesenheit an einem einzigen Riff, zeigt aber, dass ein erheblicher Teil der Population wiederholt an die untersuchte Küste zurückkehrt.
Die erfasste Gruppe war deutlich weiblich geprägt: Rund 70 Prozent der Tiere waren Weibchen. Erwachsene und noch nicht vollständig ausgewachsene Haie dominierten; die durchschnittliche Gesamtlänge lag bei 1,66 Metern. Warum das Geschlechterverhältnis so stark verschoben war, lässt sich aus dem Abstract allein nicht abschließend erklären. Möglich sind geschlechtsspezifische Raumnutzung, saisonale Wanderungen oder Unterschiede in der Erfassungswahrscheinlichkeit.
Wenige Riffe tragen einen großen Teil der Sichtungen
Die Sichtungen häuften sich an einem kleinen Riffcluster nördlich von Tofo. Das macht diese Plätze für das Management besonders relevant: Wenn eine bedrohte Art regelmäßig nur wenige geeignete Habitate nutzt, können lokale Störungen einen überproportional großen Teil der beobachteten Population treffen.
Für dieses Riffgebiet schätzte ein offenes Jolly-Seber-Populationsmodell eine sogenannte Superpopulation von rund 88 Individuen. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte allerdings von 50 bis 154 Tieren. Die breite Spanne gehört zum Ergebnis: Sie zeigt, dass eine modellierte Bestandsgröße keine exakte Zählung ist.
Das Modell ergab eine hohe scheinbare Überlebenswahrscheinlichkeit von 0,85 und eine niedrige Entdeckungswahrscheinlichkeit von 0,17. „Scheinbar“ bedeutet, dass ein nicht mehr gesehenes Tier entweder gestorben oder dauerhaft aus dem untersuchten Gebiet abgewandert sein kann. Die geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit erklärt zugleich, warum viele Surveys nötig sind, um belastbare Trends zu erkennen.
Zebrahaie erscheinen vor allem im Südsommer
Die Beobachtungen folgten einem ausgeprägten jahreszeitlichen Muster und erreichten im australen Sommer ihren Höhepunkt. Gleichzeitig veränderten sich Bodentemperatur und Sichtweite unter Wasser. Die Studie beschreibt ein gemeinsames saisonales Auftreten dieser Faktoren, ohne aus der bloßen Korrelation eine einzelne Ursache abzuleiten.
Für Tiere im Indischen Ozean können Temperatur, Nahrung, Fortpflanzung und lokale Strömungsverhältnisse zusammenwirken. Ein langfristiger Datensatz ist deshalb wertvoller als einzelne Sichtungsspitzen: Er kann zeigen, ob sich Saisonfenster verschieben, Riffe seltener genutzt werden oder bestimmte Individuen über Jahre wiederkehren.
Unter fünf Metern Abstand nehmen Fluchtreaktionen zu
Mehr als die Hälfte der protokollierten Begegnungen verlief nicht völlig neutral: Bei 55 Prozent der Sichtungen zeigten die Haie ein Ausweichverhalten gegenüber Tauchern. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Reaktion stieg signifikant, wenn sich der nächste Taucher weniger als fünf Meter näherte.
Das Ergebnis macht aus fünf Metern keine universelle gesetzliche Grenze. Es liefert aber eine konkrete, lokal erhobene Orientierung für verantwortungsvolle Begegnungen. Abstand, ruhige Bewegungen und ein freier Fluchtweg verringern den Druck auf ein Tier – besonders an Plätzen, die regelmäßig von denselben Haien genutzt werden.
Für Tauchbasen und Schutzgebietsmanagement bietet sich ein einfaches Prinzip an: Gruppen nicht um ruhende Tiere schließen, Annäherungen begrenzen und Guides darin schulen, frühe Ausweichreaktionen zu erkennen. Gleichzeitig könnten standardisierte Beobachtungsprotokolle aus dem Tauchtourismus zusätzliche Daten liefern, sofern Qualität und Foto-Zuordnung geprüft werden.
Drei seltene Einblicke in die Balz
Die Forschenden dokumentierten drei Balzinteraktionen. Solche Beobachtungen sind bei frei lebenden Haien selten, weil sie zeitlich kurz, räumlich begrenzt oder in schwer zugänglichen Habitaten stattfinden können. Für Stegostoma tigrinum sind es die ersten beschriebenen Balzbeobachtungen aus dem westlichen Indischen Ozean.
Drei Ereignisse reichen nicht, um Fortpflanzungszeit, Paarungserfolg oder die Funktion eines bestimmten Riffs vollständig zu bestimmen. Zusammen mit der saisonalen Konzentration und dem hohen Anteil erwachsener Tiere begründen sie jedoch eine klare Forschungsfrage: Nutzen Zebrahaie diese Riffe nicht nur als Aufenthaltsort, sondern auch für die Fortpflanzung?
Eine stark bedrohte Teilpopulation
Die Art ist in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets durch Fischerei und den Verlust geeigneter Lebensräume unter Druck. Die Studie ordnet die Teilpopulation vom westlichen Indischen Ozean bis Südostasien als vom Aussterben bedroht ein. Gerade bei Tieren mit geringer Fortpflanzungsrate können lokale Verluste nur langsam ausgeglichen werden.
Die Marine Megafauna Foundation erforscht Zebrahaie in der Provinz Inhambane seit Jahren mit Foto-ID, Telemetrie und Gewebeproben. Ziel ist, saisonale Nutzung, Wanderungen und genetische Vernetzung zu verstehen und daraus prioritäre Schutzräume abzuleiten. Die neue Studie schafft dafür eine quantitative Ausgangsbasis.
Was Schutzplanung aus der Studie ableiten kann
Der wichtigste Befund ist die räumliche Konzentration. Ein Schutzansatz muss nicht die gesamte Küste gleich behandeln, sondern kann zunächst die regelmäßig genutzten Riffe, die Südsommer-Saison und Störungen durch nahe Annäherungen priorisieren. Ergänzend braucht es Daten zur Fischerei in und zwischen den Riffgebieten.
Die Zahlen sollten dennoch nicht als abgeschlossene Bestandsbewertung gelesen werden. Der Datensatz stammt aus beobachtbaren Riffhabitaten; Tiere außerhalb dieser Flächen oder außerhalb der Surveys bleiben leichter unentdeckt. Auch die Modellspanne von 50 bis 154 Individuen zeigt, wie wichtig fortgesetztes Monitoring ist.
Gerade darin liegt die Stärke der Arbeit: Sie ersetzt spektakuläre Einzelsichtungen durch einen 14-jährigen Maßstab. Damit werden Riffe nördlich von Tofo als wiederkehrend genutzter Lebensraum sichtbar – und Taucherabstand, Saison und Standorttreue zu messbaren Größen, an denen sich künftiger Schutz überprüfen lässt.


