In Lysekil an der schwedischen Westküste beginnt Haischutz manchmal mit einer unscheinbaren Eikapsel. Aus ihr schlüpft im Aquarium von Havets Hus ein junger Kleingefleckter Katzenhai, wächst mehrere Jahre heran, wird gewogen, vermessen, markiert und schwimmt dann hinaus in den Gullmarsfjord.
Am 23. Juni 2026 setzt Havets Hus nach Angaben von WWF acht junge Kleingefleckte Katzenhaie frei. Die Tiere gehören zu einem langjährigen Programm, das nicht auf große Dramatik setzt, sondern auf Aufzucht, Wiederfunde, Telemetrie und öffentliche Meeresbildung. Genau deshalb ist die Geschichte stärker, als sie auf den ersten Blick wirkt.
Die Projektseite von Havets Hus beschreibt den Weg der Tiere vom Ei bis zum Aussetzen: Die Haie werden im Aquarium geboren, bekommen zunächst fein gehackte Garnelen und später Muscheln, Fisch, Garnelen und kleine Stücke Tintenfisch. Wenn sie groß genug sind, geht es an die Pier vor dem Aquarium.
Ein kleiner Hai mit großer Bildungswirkung
Der Kleingefleckte Katzenhai (Scyliorhinus canicula) heißt in Schweden småfläckig rödhaj. Er ist kein spektakulärer Hochseehai, sondern ein bodennaher Küstenbewohner, der Eikapseln legt und für Menschen harmlos ist. Für die Vermittlung von Haischutz ist gerade das ein Vorteil: Besucher sehen eine einheimische Art, die nicht weit weg in den Tropen lebt, sondern vor der eigenen Küste.
Havets Hus kann dadurch zeigen, dass Haischutz in Europa nicht nur aus Verbotslisten und internationalen Konferenzen besteht. Er beginnt auch dort, wo Kinder ein Hai-Ei im Aquarium sehen, eine Markierung am Tier erkennen und später verstehen, warum ein wiedergefangener Hai zurück ins Meer muss.
Die Art gilt in Schweden inzwischen als lebensfähig, bleibt dort aber geschützt. Das ist ein wichtiger Unterschied: Ein positiver Trend bedeutet nicht, dass der Druck verschwunden ist. Kleine Küstenhaie bleiben anfällig für Beifang, Fischereidruck und Veränderungen ihrer Lebensräume.
Messen, markieren, wiederfinden
Vor der Freilassung werden die jungen Katzenhaie gewogen und vermessen. Außerdem erhalten sie eine kleine grüne Markierung mit einer Nummer. Wenn ein Fischer oder eine Fischerin später einen solchen Hai fängt, kann Havets Hus über Nummer, Länge und Fundort erfahren, wohin das Tier gewandert ist. Danach muss der Hai wieder ins Meer zurück.
Diese einfachen Wiederfunde sind erstaunlich wertvoll. Havets Hus hat seit 2003 nach eigenen Angaben rund 200 markierte, im Aquarium geborene Katzenhaie freigelassen; WWF nennt mit dem diesjährigen Hajsläpp insgesamt 208 Haie und 13 Rochen. Mehr als 20 der Haie wurden später wieder gemeldet.
Die Funde zeigen, dass die Tiere nicht einfach am Aussetzungsort bleiben. Sie bewegen sich entlang der Bohus-Küste, im Gullmarsfjord und bis nach Norwegen. Ein besonders eindrücklicher Fund stammt aus Vestfold: Ein markierter Hai, der 2005 freigelassen worden war, wurde 2015 tot an der norwegischen Küste gefunden. Weil er beim Aussetzen bereits vier Jahre alt war, wurde klar, dass er mindestens 14 Jahre gelebt hatte.
Telemetrie zeigt mehr Bewegung als erwartet
Neben den sichtbaren Kunststoffmarken arbeitet Havets Hus mit WWF und Forschenden der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften auch mit akustischer Telemetrie. Frühere freigelassene Haie trugen Sender, deren Signale von Empfängern im Gullmarsfjord und entlang der Westküste aufgezeichnet wurden.
Die Daten werden noch ausgewertet, doch WWF nennt bereits zwei wichtige Hinweise: Die Haie verlassen das Aussetzungsgebiet schneller als erwartet, teils innerhalb weniger Wochen, und sie schwimmen insgesamt mehr, als man bei einer bodennah lebenden Art vermuten würde. Aus einem scheinbar lokalen Aquariumstier wird so ein Baustein für Wanderungs- und Verhaltensdaten.
Das ist für Schutzarbeit entscheidend. Wer nur weiß, dass eine Art irgendwo vorkommt, kann sie grob schützen. Wer zusätzlich weiß, wie Jungtiere nach der Freilassung Räume nutzen, wann sie abwandern und wo sie wieder auftauchen, kann Schutzgebiete, Fischereiregeln und Aufklärung genauer ausrichten.
Auch Nagelrochen gehören zur Geschichte
Der Katzenhai steht bei diesem Hajsläpp im Vordergrund, aber er ist nicht das einzige Tier im Programm. Havets Hus und WWF arbeiten auch mit Nagelrochen, einer Art, die in schwedischen und europäischen Gewässern deutlich stärker unter Druck steht. Rochen wachsen langsam, werden spät geschlechtsreif und erholen sich deshalb nur schwer, wenn Bestände einmal eingebrochen sind.
WWF ordnet den Nagelrochen in Schweden aktuell als nahe bedroht ein und betont, dass er dort geschützt ist. Havets Hus hat seit 2021 auch im Aquarium geborene Nagelrochen freigelassen; insgesamt sind inzwischen 13 markierte Rochen im Meer. Damit wird aus dem Katzenhai-Tag eine größere Botschaft über einheimische Knorpelfische, nicht nur über eine einzelne Haiart.
Warum die Geschichte gerade jetzt zählt
Die positive Nachricht aus Lysekil steht vor einem ernsten Hintergrund. WWF verweist auf globale Rückgänge bei Haien und Rochen von mehr als 70 Prozent seit 1970. In schwedischen Meeren ist laut der neuen Roten Liste fast jede dritte Fischart gelistet. Dass der Kleingefleckte Katzenhai gegen diesen Trend besser dasteht, macht ihn nicht banal, sondern lehrreich.
Er zeigt, dass Schutz wirken kann, wenn mehrere Dinge zusammenkommen: Fangbeschränkungen, Wiederansiedlung, Forschung, öffentliche Aufmerksamkeit und Menschen, die eine Markierung melden, statt ein Tier mitzunehmen. Haischutz wird dadurch konkret. Er bekommt eine Nummer auf einer kleinen grünen Marke und einen Fundort auf einer Karte.
Gleichzeitig nutzt Havets Hus die Freilassungen, um über Konsumentscheidungen zu sprechen. Auf der Projektseite heißt es ausdrücklich: keinen Hai essen. Haifleisch und Hai-Produkte werden auch in Europa nicht immer eindeutig als Hai vermarktet. Wer Fisch kauft, sollte deshalb auf Herkunft, Fangmethode und glaubwürdige Umweltkennzeichnung achten.
Vom Aquarium zurück in die Küste
Für ein Tauchpublikum ist diese Geschichte besonders schön, weil sie den Blick verschiebt. Nicht jeder Hai muss riesig sein, um wichtig zu sein. Nicht jede Schutzgeschichte spielt an einem berühmten Riff. Manchmal reicht eine kleine einheimische Art, ein Aquarium mit gut erklärter Aufzucht und ein paar Wiederfunde entlang einer kalten Küste.
Wenn die jungen Katzenhaie vor Lysekil abtauchen, endet die Geschichte also nicht an der Pier. Sie beginnt dort erst richtig. Vielleicht wird einer von ihnen in einigen Jahren in einem Krebsfangkorb gemeldet, vielleicht schwimmt einer bis nach Norwegen, vielleicht liefert ein Sender weitere Daten. Jede dieser Spuren macht die schwedische Westküste ein wenig besser lesbar.
Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Es verbindet Tierpflege, Forschung, Citizen Science und eine einfache öffentliche Botschaft. Ein Kleingefleckter Katzenhai ist kein Symboltier der großen Meere. Aber wenn er vom Ei ins Meer begleitet wird und später wiedergefunden werden kann, wird er zu einem sehr greifbaren Beispiel dafür, wie europäischer Haischutz funktionieren kann.


