Das Video wirkt im ersten Moment fast unwirklich: Ein erwachsener Weißer Hai gleitet im offenen Mittelmeer an technischen Tauchern vorbei, ruhig, neugierig, begleitet von Pilotfischen. Die Aufnahme entstand im Kanal von Sizilien, also in dem Meeresraum zwischen Sizilien und Tunesien.
Der Clip, den unter anderem die BBC aufgegriffen hat, stammt von einer Mission der Healthy Seas Foundation mit Ghost Diving und der Society for Documentation of Submerged Sites. Das Team war nicht auf Haie aus, sondern auf Geisternetze: herrenlose Fischereiausrüstung, die an einem Wrack hängen blieb und weiter Tiere fängt.
Warum diese Aufnahme besonders ist
Reuters, der Guardian und Euronews beschreiben die Szene als eine der außergewöhnlichsten dokumentierten Begegnungen mit einem Weißen Hai im Mittelmeer. Der Grund ist nicht, dass die Art dort neu wäre. Der Grund ist, dass lebende erwachsene Tiere in dieser Region extrem selten direkt unter Wasser gefilmt werden.
Der Guardian ordnete die Aufnahme als seltene Sichtung zwischen Tunesien und Sizilien ein. Euronews berichtete, der Hai habe die Gruppe umrundet, sei aber nicht aggressiv gewesen und schließlich wieder im Blau verschwunden.
Auch CBS hob hervor, dass das Mittelmeer ein bekannter Lebensraum für Weiße Haie ist, echte Sichtungen aber selten sind und meist an der Oberfläche oder über Fischereibelege bekannt werden.
Weiße Haie gehören zum Mittelmeer
Wichtig ist die nüchterne Einordnung: Das Video zeigt keine plötzliche Einwanderung und keine neue Gefahr für Badende. Weiße Haie (Carcharodon carcharias) sind historisch im Mittelmeer belegt. Was heute selten geworden ist, sind nicht die Geschichten über diese Tiere, sondern die Tiere selbst.
Eine Studie in Frontiers in Marine Science beschreibt die mediterrane Population als eine der am wenigsten bekannten und am stärksten bedrohten Weißhai-Populationen weltweit. Die Forschenden fanden bei Expeditionen im Sizilianischen Kanal Weißhai-eDNA an mehreren Standorten, sahen aber keine Tiere direkt. Genau deshalb ist ein Video eines lebenden erwachsenen Tieres so wertvoll.
Die gleiche Arbeit betont auch, warum der Kanal von Sizilien biologisch plausibel ist: Dort treffen historische Nachweise, Fischereiwissen, Blauflossen-Thunfischwanderungen und mögliche Kinderstuben-Hinweise aufeinander. Es ist ein Meeresraum mit Beute, Tiefe, Strömung und leider auch sehr hohem Fischereidruck.
Ein seltenes Tier in einem stark genutzten Meer
Der Kanal von Sizilien ist kein leerer Naturfilm-Hintergrund. Ein Acta-Adriatica-Bericht dokumentierte bereits einen 2015 als Beifang gefangenen jungen Weißen Hai aus dieser Region und sah darin einen Hinweis auf die Bedeutung des Gebiets für den Schutz der Art.
Ein weiterer aktueller Baustein kommt aus Spanien: Laut Pensoft/Phys.org wurde ein juveniler Weißer Hai, der 2023 vor der spanischen Mittelmeerküste in Fischereigerät geraten war, 2026 wissenschaftlich eingeordnet. Die Forschenden stellten den Fall in einen 160-jährigen Datensatz und beschreiben eine kontinuierliche, aber sehr sporadische Präsenz.
Zusammengenommen ergibt sich ein stilleres, aber interessanteres Bild als viele Schlagzeilen: Der Weiße Hai ist im Mittelmeer kein Mythos und kein neuer Besucher. Er ist ein heimischer Spitzenräuber, der in einem übernutzten Meer nur noch selten sichtbar wird.
Was das für Taucher bedeutet
Für Taucherinnen und Taucher ist die Aufnahme faszinierend, aber kein Anlass zur Panik. Die Begegnung fand offshore statt, weit weg von einem typischen Bade- oder Küstentauchplatz. Der Hai reagierte nicht jagend auf die Menschen und verschwand nach kurzer Zeit.
Die eigentliche Botschaft liegt tiefer: Selbst in einem Meer, das seit Jahrtausenden befischt, befahren und beobachtet wird, können große Wildtiere noch fast unsichtbar bleiben. Wenn sie dann auftauchen, sollten wir nicht zuerst Angst produzieren, sondern besser hinschauen.
Die Gefahr geht eher vom Menschen aus
Die CMS Shark MOU führt den Weißen Hai global als wandernde, schutzbedürftige Art; Fischereidruck, gezielte Verfolgung, Handel mit Körperteilen und langsame Fortpflanzung machen ihn besonders verwundbar. Für die Mittelmeer-Population kommt hinzu, dass sie regional als kritisch gefährdet gilt.
Dass der Hai während einer Geisternetz-Bergung auftauchte, passt deshalb bitter gut zur Geschichte. Das Video zeigt nicht nur ein spektakuläres Tier, sondern auch den Kontext, in dem es überleben muss: Wracks voller verlorener Netze, starker Fischereidruck und ein Meer, in dem Spitzenräuber kaum noch Raum für Fehler haben.
Vielleicht ist genau das die beste Lesart dieser seltenen Aufnahme: Nicht als Sensation über einen Hai im Mittelmeer, sondern als kurzer Blick auf eine fast unsichtbare Restpopulation, die noch da ist und deren Zukunft davon abhängt, ob Schutz mehr wird als ein schönes Wort.


