Öffnet in einem neuen Tab

Grönlandhai - Somniosus microcephalus

Der Grönlandhai ist ein massiger, langsam wirkender Schlafhai der kalten Nordmeere. Sein Körper ist zylindrisch und kräftig, der Kopf kurz und rundlich, die Augen klein und die beiden Rückenflossen auffallend niedrig. Taxonomisch führt WoRMS die Art innerhalb der Selachii, der Überordnung Squalomorphi, der Ordnung Squaliformes, der Familie Somniosidae und der Gattung Somniosus.

Das Florida Museum beschreibt den Grönlandhai als einen der größten Haie kalter Gewässer. Die Oberseite ist meist grau bis braun, teils mit schwachen Flecken oder Bändern; die Unterseite bleibt heller. Auffällig sind die sehr kleinen Rückenflossen ohne Flossenstachel und die kräftige Schwanzflosse.

Erkennungsmerkmale

  • Sehr schwerer, zylindrischer Körper mit kurzer, rundlicher Schnauze.
  • Kleine Augen; häufig sitzen Ruderfußkrebse an oder nahe der Hornhaut.
  • Zwei kleine, weit hinten liegende Rückenflossen; eine Afterflosse fehlt.
  • Oberkiefer mit kleinen, eher spitzen Zähnen; Unterkiefer mit breiteren, schneidenden Zähnen.
  • Große Tiere können über fünf Meter erreichen; die Art wächst extrem langsam.

Die Kombination aus massigem Körper, niedrigen Rückenflossen, winzigen Augen und kaltem Lebensraum macht die Art vergleichsweise gut erkennbar. In Teilen des Nordpazifiks gibt es ähnliche Schlafhaie, im Nordatlantik und in der Arktis ist der Grönlandhai jedoch die zentrale Art.

Ein Herz mit deutlichen Alterungsspuren

Eine 2026 in Aging Cell veröffentlichte Studie fand in den Herzen von Grönlandhaien ausgeprägte Fibrose in der kompakten und schwammartigen Muskelschicht. Weitere Analysen zeigten große Lipofuszin-Ablagerungen, oxidativen Stress, veränderte Lysosomen und geschädigte Mitochondrien. Diese Merkmale gelten bei vielen Wirbeltieren als typische Spuren der Gewebe- und Zellalterung.

Trotz dieser Veränderungen wirkten die gefangenen Tiere äußerlich gesund und waren in der Lage, Köder zu finden und aufzunehmen. Das spricht indirekt für eine außergewöhnliche Widerstandskraft des Herz-Kreislauf-Systems. Die Studie maß die Herzleistung jedoch nicht direkt; ob und wie das Gewebe die Schäden funktionell kompensiert, muss noch untersucht werden.

Sehen im Dunkeln – und über ein Jahrhundert

Eine 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie kombinierte Histologie, Genom- und RNA-Analysen mit funktionellen Tests. Bei den untersuchten erwachsenen Grönlandhaien waren die Netzhautschichten und alle für das Stäbchensehen wichtigen Zelltypen erhalten; selbst das auf mehr als 130 Jahre geschätzte älteste Tier zeigte keine offensichtliche Netzhautdegeneration. Die Arbeit misst jedoch keine Sehschärfe oder Jagdleistung in freier Wildbahn.

Die Netzhaut besteht aus dicht gepackten, verlängerten Stäbchen und ist auf sehr schwaches Licht spezialisiert. Das Rhodopsin reagiert am stärksten bei 458 Nanometern, passend zum blauen Restlicht der arktischen Tiefe; viele Gene des Zapfensehens fehlen oder sind funktionslos geworden.

Trotz Parasiten an den Rändern ließen sechs konservierte Hornhäute im blauen Bereich 66 bis 100 Prozent des Lichts passieren. Eine erhöhte Aktivität von DNA-Reparaturgenen könnte zur langfristigen Erhaltung der Netzhaut beitragen, ist bislang aber ein Erklärungsansatz und kein bewiesener Einzelmechanismus.

Der Grönlandhai lebt vor allem im Arktischer Ozean und im nördlichen Atlantischer Ozean. Zum Kerngebiet gehören die Gewässer um Grönland, Kanada, Island, Norwegen und die Färöer Inseln; dokumentierte Vorkommen reichen außerdem in Richtung Dänemark, Vereinigtes Königreich, USA und in Randbereiche wie die Nordsee.

Grönlandhai Somniosus microcephalus Karte Verbreitung
Chris_huh, CC BY-SA 3.0 / GFDL, via Wikimedia Commons; converted to WebP

FishBase fasst die Art als boreal bis arktisch verbreiteten, großen Hai kalter Meere zusammen. Die Verbreitung wirkt auf Karten sehr weit, ist aber praktisch stark an kalte, tiefe oder saisonal kühle Wassermassen gebunden.

Tiefe, Temperatur und Lebensraum

Der Grönlandhai nutzt Küstennähe, Fjorde, Kontinentalhänge und tiefe Becken. Das Artprofil nennt 0 bis 3000 m Tiefe; in der Praxis können Tiere sowohl in relativ flachem arktischem Wasser als auch in mehreren Hundert Metern Tiefe erscheinen. In südlicheren Teilen des Verbreitungsgebiets bleiben sie eher tiefer und kühler.

Für Taucherinnen und Taucher ist die Art deshalb nur sehr selten planbar. Begegnungen in flacheren Fjorden oder unter Eisbedingungen sind außergewöhnlich; die meisten Nachweise stammen aus Forschung, Fischerei, Kamerasystemen oder Beifangdaten.

MacNeil et al. 2012 beschreibt den Grönlandhai als wichtigen, aber lange schlecht untersuchten Kaltwasserhai des Nordatlantiks und der Arktis. Er ist ein langsamer Schwimmer, aber kein einfacher Aasfresser: Mageninhalte und Beobachtungen zeigen eine Mischung aus aktiver Jagd, Opportunismus und Nutzung von Kadavern.

Nahrung und Verhalten

Zur Nahrung gehören Fische wie Heilbutt, Dorsch, Rotbarsch und andere Tiefen- oder Bodenfische, außerdem Robben, Tintenfische, Krebse und Aas. Der Hai schwimmt langsam, kann aber in kaltem Wasser lange ausdauernd suchen. Geruch, Seitenlinie und kurze Gelegenheitsangriffe spielen vermutlich eine große Rolle bei der Nahrungssuche.

Langlebigkeit und Wachstum

Radiokarbonmessungen an den Augenlinsen von 28 Weibchen ergaben eine Lebensspanne von mindestens 272 Jahren. Das größte untersuchte Tier war 502 Zentimeter lang und wurde auf 392 ± 120 Jahre geschätzt. Die 272 Jahre sind dabei eine untere Grenze und kein ermitteltes Durchschnittsalter der Population.

Die häufig genannte Wachstumsrate von ungefähr einem Zentimeter pro Jahr beruht auf älteren Markierungs- und Wiederfangdaten und ist als Näherung zu verstehen. Für die sehr alten Tiere liefern die Radiokohlenstoffwerte breite Wahrscheinlichkeitsbereiche, bestätigen aber eine Lebensdauer von Jahrhunderten.

Fortpflanzung

Aus der Alters-Größen-Beziehung wurde für Weibchen eine Geschlechtsreife von mindestens 156 ± 22 Jahren abgeleitet. Als Schwelle galt eine Körperlänge von mehr als vier Metern. Die anschauliche Aussage, ein heute geborenes Tier könne erst im 22. Jahrhundert Nachwuchs bekommen, ist deshalb eine Extrapolation und keine Langzeitbeobachtung.

Grönlandhaie sind lebendgebärend; über Paarung, Tragezeit, Wurfgröße und Geburtsgebiete ist jedoch weiterhin wenig gesichert. Gerade die sehr späte Reife macht die Art empfindlich gegenüber zusätzlicher Sterblichkeit: Bestände können Verluste erwachsener Weibchen nur äußerst langsam ausgleichen.

Die IUCN Red List stuft den Grönlandhai weltweit als gefährdet ein. Entscheidend sind nicht spektakuläre Einzelereignisse, sondern eine Kombination aus historischer Nutzung, heutigem Beifang, extrem langsamer Lebensgeschichte und großen Wissenslücken.

Der kanadische COSEWIC-Bericht betont, dass Beifangdaten, Populationsgröße und Erholungsfähigkeit weiterhin unsicher bleiben. Gerade bei einem Tier mit einem möglichen Lebensalter von Jahrhunderten sind kurze Beobachtungsreihen schwer zu deuten.

Hauptgefährdungen

  • Beifang in Grundlangleinen, Netzen und anderen Fischereien auf Heilbutt, Dorsch und Tiefseefische.
  • Historische Nutzung für Leberöl und regionale Nahrungsmittel.
  • Ein Wachstum von höchstens ungefähr einem Zentimeter pro Jahr und eine auf 156 ± 22 Jahre geschätzte Geschlechtsreife der Weibchen.
  • Klimawandel und veränderte arktische Nahrungsnetze mit noch unklaren Folgen.
  • Datenlücken, weil viele Nachweise aus Beifang, Forschungserhebungen oder Einzelfunden stammen.

Die späte Geschlechtsreife bedeutet, dass ein Jungtier mehr als ein Jahrhundert überleben muss, bevor es selbst Nachwuchs erzeugen kann. Geht ein erwachsenes Weibchen verloren, steht deshalb nicht kurzfristig ein neu herangewachsenes Tier als Ersatz bereit. Schon geringe zusätzliche Sterblichkeit kann über lange Zeiträume nachwirken.

Wirksamer Schutz braucht bessere Meldepflichten, sichere Artbestimmung im Beifang, möglichst schonende Freisetzung lebender Tiere und langfristige arktische Monitoringprogramme. Beim Grönlandhai zählt besonders, erwachsene Tiere nicht unnötig aus dem Bestand zu entfernen.

Für Menschen ist der Grönlandhai im Wasser normalerweise keine realistische Gefahr. Er lebt kalt, tief und langsam, weit entfernt von den meisten Bade- und Tauchplätzen. Begegnungen sind selten, und die Art wird eher durch menschliche Fischerei gefährdet als umgekehrt.

Animal Diversity Web beschreibt den Grönlandhai als großen, trägen Hai kalter Gewässer. Die kulturell bekannteste Mensch-Beziehung ist nicht Tauchtourismus, sondern die Verarbeitung des sonst giftigen Fleisches: Frisches Fleisch enthält hohe Mengen Trimethylaminoxid und kann ohne spezielle Fermentation oder Trocknung gesundheitlich problematisch sein.

Beobachtung und Umgang

  • Tiere nicht bedrängen, ziehen oder mit Kameras und Lampen direkt vor dem Kopf blockieren.
  • Bei Forschung oder Fischerei Maul, Schwanz und Körperkraft trotz langsamer Bewegung ernst nehmen.
  • Lebende Beifangtiere möglichst schnell, kühl und schonend zurücksetzen.
  • Sichtungen mit Ort, Tiefe, Temperatur, Foto oder Video dokumentieren, ohne das Tier zu berühren.

Shark-References führt die Art unter Somniosus microcephalus und zeigt, wie stark Forschung, Fischerei und Taxonomie hier zusammengehören. Für Haitauchen ist der Grönlandhai vor allem ein Symbol dafür, dass einige der eindrucksvollsten Haie nicht an bunten Riffen leben, sondern in kalten, dunklen und schwer zugänglichen Meeresräumen.

Steckbrief

  • Erstbeschreibung:(Bloch & Schneider, 1801)
  • Max. Größe:5,50m
  • Tiefe:0 - 3000m
  • Max. Alter:392 Jahre
  • Max. Gewicht:kg
  • Wassertyp:Salzwasser, Brackwasser
  • IUCN Status:Gefährdet

Systematik

Newsletter

Shark alert in your inbox

Hai-Alarm im Postfach

Echte News statt Mythen!
- Alle 14 Tage neu -