Polarregionen: Fischerei erreicht 30 von 35 wichtigen Hai- und Rochengebieten

Eine neue Studie kartiert 35 wichtige Hai- und Rochengebiete in Arktis und Antarktis. Fischerei überlappt 30 Gebiete; strikter Schutz deckt nur einen kleinen Teil ihrer Fläche.

Sharky19. August 2026
Fischerboot in einer verschneiten Polarlandschaft
Foto: Naja Bertolt Jensen / Unsplash.

In den polaren Meeren liegen 35 ökologisch wichtige Gebiete für Haie, Rochen und Chimären – doch in 30 davon ist Fischereiaktivität nachweisbar. Das zeigt eine neue Studie in Global Change Biology, die erstmals Important Shark and Ray Areas (ISRAs) in Arktis und Antarktis gemeinsam mit Fischereiaufwand, Meereis-Trends und bestehenden Meeresschutzgebieten auswertet.

Die 35 Gebiete umfassen rund 397.739 Quadratkilometer. Das sind nur 0,75 Prozent der untersuchten Polarregion. 27 ISRAs liegen in der Arktis, acht in der Antarktis. Eine ISRA ist dabei keine rechtlich geschützte Zone, sondern eine wissenschaftlich abgegrenzte Fläche, die bestimmte Kriterien für Verletzlichkeit, begrenzte Verbreitung oder wichtige Lebensphasen erfüllt.

86 Arten – aber ausreichende Gebietsdaten nur für 15

Die Forschenden erfassten 86 Knorpelfischarten: 42 Haie, 36 Rochen und acht Chimären. 28 Arten beziehungsweise 32,6 Prozent gelten global als bedroht. Dennoch reichte die Evidenz nur bei 15 Arten aus, um mindestens eine ISRA abzugrenzen. Zu diesen qualifizierenden Arten gehören sieben Haie, sieben Rochen und eine Chimäre.

Der Grönlandhai war mit zehn arktischen ISRAs die am häufigsten berücksichtigte Art. Auch Riesenhai und Dornhai lösten Gebietsabgrenzungen aus. Insgesamt basierten die meisten ISRAs auf Hinweisen zu Fortpflanzungsgebieten oder nicht näher bestimmten Ansammlungen. Die Detailbeschreibungen der einzelnen Flächen sind im ISRA e-Atlas abrufbar.

Die Datenlücke ist selbst ein wichtiges Ergebnis. 72,1 Prozent der regionalen Knorpelfischfauna leben in der Tiefsee. Für 13 der 15 qualifizierenden Arten stützte sich die Abgrenzung auf wissenschaftliche Fangserien oder kommerzielle Fischerei. Bei zehn Arten und 20 ISRAs waren diese Fangdaten sogar die einzige Evidenz. In der Antarktis galt das für sechs der acht Gebiete.

Weniger Fangstunden können trotzdem mehr Raum bedeuten

Die Studie vergleicht den AIS-basierten scheinbaren Fischereiaufwand von 2013 bis 2018 mit dem von 2019 bis 2024. In der Arktis stiegen die registrierten Schleppnetzstunden um 17,8 Prozent, während ihre räumliche Ausdehnung um 26,1 Prozent zunahm. Bei Langleinen sanken die Stunden um 2,2 Prozent, die befischte Fläche wuchs jedoch um 34,7 Prozent.

Ein ähnliches Muster zeigt die Antarktis: Schleppnetzstunden nahmen um 24,7 Prozent und die räumliche Ausdehnung um 22,6 Prozent zu. Die registrierten Langleinenstunden gingen um 2,3 Prozent zurück, zugleich vergrößerte sich ihre Fläche um 39,8 Prozent. Weniger Zeit auf See bedeutet deshalb nicht automatisch weniger räumliche Belastung.

Fischereisignale überschnitten sich mit 22 der 27 arktischen und allen acht antarktischen ISRAs. In der Arktis lag die höchste Schleppnetzintensität im Skagerrak; 90,8 Prozent dieser ISRA-Fläche überlappten mit Schleppnetzaktivität. Für den Grönlandhai überschnitten sich 12,7 Prozent seines Verbreitungsgebiets mit Schleppnetz- und 5,4 Prozent mit Langleinenaktivität.

In der Arktis bleiben 91,8 Prozent ohne MPA-Überlappung

Nur 8,2 Prozent der arktischen ISRA-Fläche überlappten mit Meeresschutzgebieten; lediglich 0,8 Prozent lagen in strikten Zonen ohne Entnahme. Damit hatten 91,8 Prozent keine Überschneidung mit einem erfassten Meeresschutzgebiet. In der Antarktis war die Überlappung mit 43,8 Prozent größer, doch auch dort lagen nur 14,8 Prozent der ISRA-Fläche in No-Take-Zonen.

Die Prozentwerte messen räumliche Überlappung, nicht die Wirksamkeit von Kontrollen. Teilgeschützte Gebiete können Fischerei erlauben. Umgekehrt fehlen manche Fischereisperrgebiete und andere wirksame flächenbezogene Schutzmaßnahmen in der verwendeten globalen Schutzgebietsdatenbank. Die Studie nennt etwa das kanadische Disko-Fan-Schutzgebiet, das eine ISRA für Grönlandhaie überlappt.

AIS zeigt nicht die gesamte Fischerei

Der verwendete Datensatz von Global Fishing Watch schätzt Fischereistunden aus AIS-Signalen. Kleine Schiffe ohne AIS, ausgeschaltete Sender und nicht korrekt klassifizierte Fahrten bleiben unvollständig erfasst. Eine räumliche Überlappung belegt außerdem nicht, wie viele Haie oder Rochen dort gefangen wurden. Sie zeigt zunächst, dass Fischerei in oder nahe einem wichtigen Lebensraum stattfindet.

Auch die direkte Kombination aus sinkender Meereiskonzentration und gleichzeitig wachsender Fischerei war im untersuchten Zeitraum räumlich klein. Die Autoren beschreiben daher vor allem ein zunehmendes Zukunftsrisiko: Weniger Eis öffnet neue Zugänge, während sich Arten und Fischereien polwärts oder in größere Tiefen verlagern können.

ISRAs sind ein Planungswerkzeug, kein Schutzstatus

Die Forschenden empfehlen, ISRAs in bestehende Instrumente einzubauen – darunter das globale 30-Prozent-Schutzziel, den Hochseevertrag sowie die Fischereiorganisationen NAFO, NEAFC und CCAMLR. Kurzfristig könnten die Karten Beobachterprogramme, elektronische Überwachung, Beifangregeln und gezielte räumliche Maßnahmen dort priorisieren, wo Fischerei bereits mit kritischen Lebensräumen überlappt.

  • Arten: 86 Knorpelfischarten in Polarregionen, davon 28 global bedroht.
  • Schlüsselgebiete: 35 ISRAs auf 0,75 Prozent der untersuchten Meeresfläche.
  • Fischerei: Überlappung mit 30 ISRAs; die räumliche Ausdehnung nahm bei Schleppnetzen und Langleinen an beiden Polen zu.
  • Strikter Schutz: 0,8 Prozent der arktischen und 14,8 Prozent der antarktischen ISRA-Fläche in No-Take-Zonen.
  • Unsicherheit: AIS und fischereiabhängige Daten erfassen Nutzung und Artenvorkommen nicht vollständig.

Die Studie liefert damit keine vollständige Karte aller wichtigen polaren Hai- und Rochenlebensräume. Sie zeigt vielmehr, wo die Evidenz heute schon ausreicht – und wie groß die unbekannte Fläche bleibt. Gerade weil Wissenschaft und Schutzplanung der räumlichen Ausweitung menschlicher Nutzung hinterherlaufen könnten, sollen die 35 Gebiete als vorsorgliche Prioritäten verstanden werden.

Erwähnte Arten

Grönlandhai Somniosus microcephalus

Grönlandhai

Riesenhai Cetorhinus maximus

Riesenhai

Dornhai Squalus acanthias über Sand

Dornhai

Quellen

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