Das Herz eines Grönlandhai kann starke Spuren biologischer Alterung tragen und dennoch über sehr lange Zeit funktionsfähig bleiben. eine 2026 in Aging Cell veröffentlichte Studie fand im Herzgewebe ausgeprägte Fibrose, Ablagerungen des Alterspigments Lipofuszin, oxidativen Stress und geschädigte Zellbestandteile. Die untersuchten Tiere wirkten beim Fang trotzdem leistungsfähig.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Bei Säugetieren werden vergleichbare Veränderungen häufig mit einer nachlassenden Herzleistung verbunden. Die Forschenden schlagen deshalb eine andere Erklärung für extreme Langlebigkeit vor: Der Grönlandhai verhindert altersbedingte Schäden offenbar nicht vollständig, sondern toleriert oder kompensiert sie außergewöhnlich gut.
Fibrose in beiden Schichten des Herzmuskels
Das Haiherz besitzt eine äußere kompakte und eine innere schwammartige Muskelschicht. Für die Fibrose-Auswertung beschreibt die Studie zehn Grönlandhaie mit Körperlängen von 300 bis 390 Zentimetern. In allen fanden die Forschenden Kollageneinlagerungen; betroffen waren beide Muskelschichten sowie Bereiche zwischen den Zellen und um Blutgefäße.
Als Vergleich diente unter anderem der Kleine Schwarze Dornhai (Etmopterus spinax), ebenfalls ein tief lebender Dornhaiartiger. Dessen Herzwand zeigte in den untersuchten Tieren keine vergleichbare interstitielle Fibrose. Damit spricht der Befund gegen die einfache Annahme, der hohe Kollagenanteil sei nur eine allgemeine Anpassung an den Druck der Tiefsee.
Alterspigment und oxidativer Stress
In den Herzmuskelzellen lagerten sich große Mengen Lipofuszin ab. Dieses schwer abbaubare Gemisch aus oxidierten Proteinen und Fetten sammelt sich mit dem Alter in langlebigen Zellen an. Elektronenmikroskopische Aufnahmen zeigten außerdem Lipofuszin-beladene Lysosomen und Autophagosomen sowie Hinweise auf beschädigte Mitochondrien.
Zusätzlich wies das Team 3-Nitrotyrosin nach, einen Marker für oxidativen und nitrosativen Stress. Der Grönlandhai scheint Langlebigkeit demnach nicht dadurch zu erreichen, dass sein Herz frei von oxidativen Schäden bleibt. Die Zellen überleben vielmehr trotz einer Belastung, die sich im Gewebe deutlich ablesen lässt.
Gesund beim Fang – aber keine direkte Leistungsmessung
Die Proben stammten von Tieren, die mit Langleinen in grönländischen Gewässern gefangen wurden. Dass sie Köder wahrnahmen, verfolgten und aufnahmen, wertet das Team als indirekten Hinweis auf erhaltene Sinnes-, Bewegungs- und Kreislauffunktionen. Äußerlich erschienen die Haie gesund und physiologisch nicht erkennbar beeinträchtigt.
Wichtig ist die Einschränkung: Die Forschenden maßen weder Pumpleistung noch Rhythmus oder Belastbarkeit der Herzen direkt. Aus dem Gewebebild und dem Verhalten beim Fang lässt sich deshalb keine normale Herzfunktion beweisen. Die Studie formuliert eine gut begründete Hypothese zur Resilienz, keinen abschließenden Funktionstest.
Nicht jedes Experiment nutzte dieselben Tiere
Die Arbeit kombiniert Färbungen, Mikroskopie und molekulare Marker. Je nach Methode wurden unterschiedliche Teilmengen der verfügbaren Proben ausgewertet. Einige quantitative Vergleiche beruhen auf nur drei Tieren pro Art. Das ist bei seltenen großen Tiefseehaien nachvollziehbar, begrenzt aber Aussagen zu Geschlecht, individuellem Alter und der Entwicklung der Schäden über die gesamte Lebensspanne.
Auch besonders große, mutmaßlich sehr alte Tiere fehlten. Unbekannt bleibt daher, ob Fibrose und Lipofuszin im Erwachsenenalter ein Plateau erreichen oder bis ins höchste Alter weiter zunehmen. Die untersuchten Größen entsprechen grob Tieren im Bereich von etwa 100 bis 155 Jahren, wobei jede Altersbestimmung beim Grönlandhai große Unsicherheiten enthält.
Langlebigkeit als Widerstandskraft
Nach der Zusammenfassung von das Leibniz-Institut für Alternsforschung passt der Herzbefund zu genomischen Hinweisen auf leistungsfähige DNA-Reparatur und Zellschutz. Noch ist nicht geklärt, welche Mechanismen das Herzgewebe konkret stabilisieren. Denkbar sind besonders tolerante Zellen, kompensierende Gewebestrukturen oder ein Zusammenspiel mit dem sehr langsamen Stoffwechsel.
Für die Alternsforschung ist der Grönlandhai deshalb kein Tier, das dem Altern vollständig entkommt. Er könnte vielmehr zeigen, wie ein Organismus jahrzehntelange Schäden aushält, ohne unmittelbar seine lebenswichtigen Funktionen zu verlieren. Ob sich daraus eines Tages medizinische Ansätze ableiten lassen, ist offen; zunächst liefert die Studie ein neues Modell für die Biologie extremer Langlebigkeit.


