Ein neues Informationspapier für den Wissenschaftsausschuss der West- und Zentralpazifischen Fischereikommission (WCPFC) untersucht, wie gut Haie nach dem unbeabsichtigten Fang in der tropischen Thunfisch-Ringwadenfischerei überleben. Die Ergebnisse wirken auf den ersten Blick ermutigend: 20 von 22 mit Satellitensendern markierten Seidenhaien überlebten mindestens zehn Tage nach der Freilassung. Für den gesamten Beifang ist diese Quote jedoch nicht repräsentativ.
Der Grund liegt im Zustand der Tiere: Nur ausreichend vitale Haie konnten überhaupt mit Sendern versehen werden. Gleichzeitig stuften die Forschenden 53 Prozent der bewerteten Tiere bei der Freilassung als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein. Gute Abläufe an Deck können deshalb Leben retten, beginnen für einen großen Teil des Beifangs aber erst, nachdem der entscheidende Schaden bereits im Netz entstanden ist.
780 Haie und Rochen auf zwei Fangreisen
Die Daten stammen von zwei kommerziellen Ringwadenfängern im westlichen und zentralen Pazifik. Ein philippinisches Schiff führte zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 rund um Papua-Neuguinea 18 Fangoperationen auf frei schwimmende Thunfischschwärme durch. Ein US-amerikanisches Schiff setzte zwischen Januar und März 2026 bei 30 Fangoperationen überwiegend an treibenden Fischsammlern, sogenannten dFADs, an.

Insgesamt dokumentierte das Team 780 Haie und Rochen. Den weitaus größten Anteil stellten 702 Seidenhaie (Carcharhinus falciformis), gefolgt von 49 Weißspitzen-Hochseehaien (Carcharhinus longimanus). Andere Hai- und Rochenarten kamen nur in kleinen Zahlen vor.
Ein wissenschaftlicher Beobachter erfasste, wann die Tiere an Bord gelangten, wie sie behandelt und freigelassen wurden und welchen Vitalitätszustand sie dabei zeigten. Zusätzlich nahm das Team Blutproben für Laktatmessungen und versah ausgewählte Tiere mit Satellitensendern. Damit verband die Untersuchung sichtbare Kondition, physiologischen Stress und das Verhalten nach der Freilassung.
90,9 Prozent Überleben – aber nur in einer ausgewählten Gruppe
22 Seidenhaie erhielten sogenannte sPAT-Satellitentags. Zwei Sender lieferten innerhalb der ersten zehn Tage Tiefendaten, die auf den Tod der Tiere schließen ließen. Die übrigen 20 Haie zeigten mindestens zehn Tage lang ein normales Tiefenverhalten. Daraus ergibt sich für die markierten Tiere eine Überlebensquote von 90,9 Prozent.
Diese Zahl darf nicht auf alle gefangenen Haie übertragen werden. Für die Markierung wählte das Team nur Tiere aus, deren Zustand den zusätzlichen Eingriff zuließ. Haie in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand wurden nicht besendert. Die 90,9 Prozent beschreiben deshalb vor allem, was mit zügiger, schonender Freilassung bei noch ausreichend vitalen Seidenhaien möglich ist.
Mehr als die Hälfte war bereits stark beeinträchtigt
Bei mehr als 550 Haien bewerteten die Beobachter den Zustand anhand eines fünfstufigen Vitalitätsindex. 298 Tiere, entsprechend 53 Prozent, fielen in die Kategorien „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Beim Seidenhai lag dieser Anteil bei 55 Prozent. Die Autoren verwenden diese Einstufung als konservativen Näherungswert für die Mortalität am Schiff, weisen aber darauf hin, dass einzelne als „schlecht“ bewertete Tiere abhängig von Verletzungen und Stress dennoch überleben können.
Besonders deutlich war der Zusammenhang mit der Reihenfolge, in der der Fang an Bord geholt wurde. Von 338 Tieren, die erst mit dem vierten oder einem späteren Brail aus dem verdichteten Netzsack kamen, wurden 241 als schlecht oder sehr schlecht eingestuft. Längere Einschlusszeiten, Enge und eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten können den Zustand verschlechtern, noch bevor die Besatzung ein Tier auf dem Deck erreicht.
Zwei Hochrechnungen, zwei unterschiedliche Ergebnisse
Um das Überleben des gesamten Beifangs abzuschätzen, kombinierten die Forschenden die Senderdaten mit der Verteilung der Vitalitätsstufen. Für nicht besenderte Tiere in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand nutzten sie Überlebenswahrscheinlichkeiten aus früheren Untersuchungen. Dieses Verfahren ergab eine geschätzte Gesamtüberlebensrate von 51,2 Prozent.
Eine zweite Rechnung bezog die Laktatkonzentration im Blut ein. Hohe Werte deuten auf starken physiologischen Stress hin, der äußerlich nicht immer erkennbar ist. Bei 58 Tieren lagen verwertbare Laktatmessungen vor; nur 16 von ihnen gehörten zugleich zur besenderten Gruppe. Aus dem Zusammenhang zwischen Laktat und Senderdaten leitete das Team einen Schwellenwert von 7,81 Millimol pro Liter ab. Diese Methode führte zu einer niedrigeren Schätzung von 37,2 Prozent Gesamtüberleben.
Die beiden Werte sind keine präzise Unter- und Obergrenze. Sie beruhen auf unterschiedlichen Annahmen und auf kleinen, nicht zufällig zusammengesetzten Teilstichproben. Das Informationspapier warnt ausdrücklich davor, die Hochrechnungen zu überinterpretieren. Ihre Spannweite zeigt vielmehr, wie stark das Ergebnis davon abhängt, ob nur äußerlich sichtbare Vitalität oder zusätzlich der innere Stoffwechselstress berücksichtigt wird.
Schnelle und schonende Freilassung hilft
Bei den Tieren mit dokumentierter Freilassungszeit gelangten rund 80 Prozent innerhalb von zwei Minuten wieder ins Wasser. Die Besatzungen verwendeten Tragen und Frachtnetze, stützten kleinere Haie hinter den Brustflossen und vermieden es, sie an Kopf, Kiemen oder Schwanz anzuheben. Größere Tiere wurden mit Kränen und Netzen bewegt; auf einem Schiff half ein Hopper mit Sortiergitter und Rampe, Beifang vom eigentlichen Fangstrom zu trennen.
Die Senderdaten bestätigen, dass solche Verfahren für Haie in ausreichendem Zustand einen großen Unterschied machen können. Zugleich zeigen die Vitalitätsdaten die Grenze des Ansatzes: Maßnahmen auf dem Deck greifen erst nach dem Einholen. Faktoren wie die Dauer im Netzsack, die Geschwindigkeit des Brailens, die Größe der Fangportionen, die Dichte im Netz und möglicherweise auch die Wassertemperatur beeinflussen den Stress bereits vorher.
Schutz muss vor dem Deck beginnen
Für das Management ergibt sich daraus eine Reihenfolge von Maßnahmen. Wo möglich, sollten Begegnungen mit Haien vermieden werden. Tiere müssen möglichst früh im Fangprozess erkannt und noch aus dem Netz freigelassen werden. Erst danach folgen kurze Wege an Deck, geeignete Freilassungsgeräte und geschulte Besatzungen.
Ein reines Mitnahmeverbot genügt bei Ringwaden deshalb nicht. Es verhindert zwar die Anlandung, senkt aber nicht automatisch die Sterblichkeit von Tieren, die den Fang bereits schwer geschädigt überstehen. Wirksamer Schutz muss sowohl die Belastung vor dem Einholen als auch die Behandlung an Bord reduzieren.
Was die Untersuchung noch offenlässt
Die Untersuchung umfasst nur zwei Fangreisen auf zwei Schiffen mit unterschiedlichen Fangstrategien. Die Zahl der Satellitentags und Blutproben ist klein, schlechtere Vitalitätsstufen sind bei den besenderten Tieren nicht vertreten, und für Teile der Hochrechnung mussten Ergebnisse früherer Studien eingesetzt werden. Unterschiede zwischen den Reisen lassen sich deshalb nicht eindeutig einer einzelnen technischen oder betrieblichen Maßnahme zuordnen.
Zudem handelt es sich um ein WCPFC-Informationspapier für eine wissenschaftliche Ausschusssitzung, nicht um eine im Bericht ausgewiesene begutachtete Zeitschriftenpublikation. Die Daten liefern dennoch einen wichtigen praktischen Befund: Eine schonende Freilassung kann das Überleben vitaler Haie deutlich verbessern. Der größte zusätzliche Schutzgewinn liegt aber darin, Stress und Verletzungen zu verhindern, bevor die Tiere überhaupt das Deck erreichen.



