Ein neues Projekt der Save Our Seas Foundation soll erstmals ein standardisiertes nationales Monitoring für Schlinghaie in den Malediven aufbauen. Das von Sara Scroglieri geleitete Vorhaben will klären, welche Arten der Tiefseehai-Familie Centrophoridae im Archipel vorkommen, wo sie leben und wie häufig sie als Beifang auftreten. Bislang fehlen selbst für diese grundlegenden Fragen systematische Daten.
Das Timing ist politisch und biologisch brisant. Die maledivische Schlinghai-Fischerei brach nach nur rund zwei Jahrzehnten zusammen. Nach einem landesweiten Hai-Fangverbot ab 2010 waren die Tiere fast 15 Jahre geschützt. Seit November 2025 dürfen Schlinghaie jedoch wieder gezielt befischt werden. Das Monitoring beginnt damit nicht in einer unberührten Schutzzone, sondern während eines neuen Nutzungsexperiments.
Vom Leberöl-Boom zum Bestandskollaps
Die gezielte Tiefseefischerei entwickelte sich in den 1980er-Jahren. Gefragt waren nicht vor allem Fleisch oder Flossen, sondern die großen, squalenreichen Lebern der Tiere. Das Öl wurde exportiert und unter anderem für industrielle Produkte genutzt. Innerhalb von etwa 20 Jahren fielen die Exportmengen auf ein sehr niedriges Niveau – ein klassisches Warnsignal für die Übernutzung langsam wachsender Tiefseearten.
Schlinghaie sind für hohen Fischereidruck besonders schlecht gerüstet. Sie wachsen langsam, werden spät geschlechtsreif und bringen nur wenige Junge hervor. Werden viele erwachsene Tiere entfernt, kann ein Bestand deshalb wesentlich langsamer reagieren als bei produktiveren Knochenfischen. Fünfzehn Jahre ohne gezielte Fischerei klingen lang, müssen für solche Lebenszyklen aber nicht automatisch eine vollständige Erholung bedeuten.
Der Schutzstatus hat sich 2025 geändert
Die Projektbeschreibung nennt die Malediven als seltene Gelegenheit, Erholung unter vollständigem Schutz zu untersuchen. Diese Ausgangslage hat sich inzwischen verändert. Wie Haitauchen über die bereits im August 2025 angekündigte Wiederöffnung berichtete, hob die Regierung die pauschale Schutzregel für diese Hai-Gruppe teilweise auf.
Nach der Ende Oktober 2025 veröffentlichten Fischereiverordnung kann die Schlinghai-Fischerei wieder unter einem Managementplan und mit besonderen Lizenzen betrieben werden. Andere Haiarten bleiben geschützt. Die Regelung macht belastbare Bestandsdaten noch dringlicher: Ohne einen Ausgangswert lässt sich weder zeigen, wie weit sich die Populationen seit 2010 erholt haben, noch ob neue Fänge langfristig verkraftbar wären.
Fischerwissen, Genetik und Beifangsdaten
Das Programm setzt deshalb nicht auf eine einzelne Methode. Lokales ökologisches Wissen von Fischern und Inselgemeinschaften soll mit genetischen Proben und Fischereidaten verbunden werden. Geplant sind Datensätze zu Artenvielfalt, Verbreitung, relativer Häufigkeit und Beifangraten. Gerade die Genetik ist wichtig, weil die genaue Artenzusammensetzung der maledivischen Schlinghaie bis heute nicht abschließend geklärt ist.
Zusätzlich soll der erste zweisprachige Bestimmungsführer für die Tiefseehaie der Malediven entstehen – auf Englisch und Dhivehi und gemeinsam mit den beteiligten Gruppen entwickelt. Eine bessere Artbestimmung an Bord ist mehr als Bildungsarbeit: Fang- und Beifangstatistiken sind nur dann brauchbar, wenn ähnlich aussehende Arten zuverlässig unterschieden werden.
Das Projekt will Fischer außerdem in Monitoring und möglichst schonendem Umgang mit Beifang einbinden. Ihre Beobachtungen können historische Fangplätze, saisonale Muster und Veränderungen sichtbar machen, die in kurzen wissenschaftlichen Expeditionen kaum zu erfassen wären. Zugleich müssen solche Angaben mit standardisierten, fischereiunabhängigen Methoden abgeglichen werden.
Eine Bestandsaufnahme ist noch kein Erholungsnachweis
Das neue Programm kann eine entscheidende Lücke schließen, doch sein erster Datensatz wird zunächst den heutigen Zustand beschreiben. Für einen belastbaren Erholungstrend braucht es wiederholte Erhebungen, klar definierte Referenzwerte und Regeln dafür, wann die Fischerei eingeschränkt oder geschlossen werden müsste. Fangzahlen allein können täuschen, weil Fanggeräte gezielt an den letzten Konzentrationsgebieten eingesetzt werden können.
Eine fachliche Einordnung in Aquatic Conservation vom Juli 2026 betont zudem, dass Umwelt-DNA zwar die Anwesenheit von Arten nachweisen kann, aber für sich allein weder Häufigkeit noch Populationsstruktur oder Erholung zuverlässig misst. Die Methode könne Kameras, genetische Analysen, Fischereidaten und artspezifische Bestandsbewertungen ergänzen, nicht ersetzen.
Ein Testfall für Tiefseehai-Schutz
Die Malediven werden damit zu einem international wichtigen Testfall im Indischen Ozean: Können extrem langsam reproduzierende Tiefseehaie nach einem Kollaps zurückkehren – und lässt sich eine wieder geöffnete Fischerei so überwachen, dass ein zweiter Zusammenbruch verhindert wird? Das neue Monitoring liefert darauf noch keine Antwort. Es schafft aber erstmals die Grundlage, politische Behauptungen über Erholung und Nachhaltigkeit an messbaren Daten zu prüfen.


