In Nouméa hat die Debatte über Haigefahr und Haischutz erstmals ein formelles institutionelles Verfahren erreicht. Am 21. August 2026 begannen zwei Ausschüsse des Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrats von Neukaledonien, kurz CESE-NC, mit Anhörungen zu der Bürgerpetition Une cohabitation de l’homme et du requin en zone urbaine littorale. Das geht aus der Mitteilung des CESE-NC hervor.
Der Schritt ist politisch bedeutsam, darf aber nicht mit einer bereits getroffenen Entscheidung verwechselt werden. Der CESE-NC hat bislang weder eine Empfehlung veröffentlicht noch festgelegt, welche Maßnahmen Nouméa künftig ergreifen soll. Die ersten Anhörungen markieren den Beginn der Beratung.
Wer am 21. August angehört wurde
Um 9 Uhr hörten die Ausschüsse Vertreter der Stadt Nouméa an: den stellvertretenden Generalsekretär für Planung, Alan Boufeneche, und Tatiana Tchong-Fat aus dem städtischen Planungsdienst. Befasst sind die CESE-Ausschüsse für Landwirtschaft, Viehzucht, Forsten und Fischerei sowie für Umwelt, Raumplanung und Infrastruktur.
Eine Stunde später folgten Johanito Wamytan, das für Fischerei und Meeresfragen zuständige Regierungsmitglied, der Direktor der Meeresangelegenheiten Jean-Luc Vaslin und Frédéric Guillard, Leiter des zuständigen Planungs- und Strategiedienstes. Damit kamen sowohl die kommunale als auch die territoriale Verwaltung zu Wort.
Der CESE-NC ist ein beratendes Organ. Seine Rolle in diesem Verfahren besteht darin, Akteure und Daten zusammenzuführen und daraus gegebenenfalls Empfehlungen zu entwickeln. Ob noch Wissenschaftler, Umweltverbände, Wassersportler oder Vertreter der traditionellen kanakischen Perspektive angehört werden, geht aus der ersten Terminmeldung nicht hervor.
Von der Bürgerpetition zum offiziellen Verfahren
Die Petition wurde im April öffentlich von der neukaledonischen Va’a- und Kanu-Kajak-Liga unterstützt und nach Angaben von Radio Rythme Bleu durch das CESE-Mitglied Jean-Jacques Annonier initiiert. Sie soll den Rat dazu bringen, sich mit der Koexistenz von Menschen und Haien im urbanen Küstenraum zu befassen und Empfehlungen für Behörden sowie Informationen für die Bevölkerung auszuarbeiten.
Nach den offiziellen Regeln für Bürgerpetitionen sind dafür 400 Unterschriften von volljährigen Einwohnern Neukaledoniens innerhalb von zwei Monaten nötig. Die nun begonnenen Anhörungen zeigen, dass das Anliegen die Schwelle zum institutionellen Beratungsprozess genommen hat.
Die Entstehung sollte zeitlich genau eingeordnet werden: Der tödliche Angriff vom Februar prägt den politischen Hintergrund. Öffentlich beworben wurde die Petition jedoch im April, als nach einem weiteren schweren Zwischenfall erneut Haie getötet wurden. Sie ist damit eine Reaktion auf eine über Wochen eskalierte Debatte und nicht nur auf ein einzelnes Ereignis.
Zwei Zwischenfälle und 16 getötete Haie
Am 22. Februar 2026 wurde ein Wingfoiler vor dem Château Royal tödlich verletzt. Nach vorläufigen Erkenntnissen gingen die Ermittler von einem mindestens drei Meter langen Tigerhai aus. Der Vorfall ereignete sich in einem stark genutzten Küstenraum am Pazifischen Ozean.
Zwischen dem 24. und 27. Februar ließ die Stadt zehn große Haie fangen und töten: neun Tigerhaie und einen Bullenhai. Die gemeldeten Tiere waren zwischen 2,80 und 4,20 Meter lang. Diese Kampagne folgte unmittelbar auf den tödlichen Angriff.
@thedailyaus New Caledonia’s capital of of Nouméa has had 3 shark attacks in the first two months of this year 🏝️ #aus #news #newcaledonia #noumea #shark #sharkattack #newcal ♬ original sound – The Daily Aus
Am 15. April wurde ein Va’a-Paddler nahe der Côte Blanche schwer verletzt. Darauf folgte vom 17. bis 20. April eine zweite Kampagne. Dabei wurden fünf Tigerhaie und ein Bullenhai mit Längen zwischen 2,56 und 4,13 Metern getötet.
In beiden Kampagnen zusammen wurden somit 16 Haie getötet: 14 Tigerhaie und zwei Bullenhaie. Genau diese Größenordnung macht die Frage nach einer dauerhaften Strategie konkret. Es geht nicht nur um Warnhinweise nach einem Vorfall, sondern auch darum, unter welchen Bedingungen Behörden künftig tödliche Eingriffe anordnen dürfen.
Sicherheit, Recht und Artenschutz
Für Stadt und Regierung steht der Schutz von Menschen in einem dicht genutzten Küstengebiet im Vordergrund. Nach einem tödlichen oder schweren Zwischenfall wächst der Druck, schnell und sichtbar zu handeln. Aus der Tötung einzelner großer Haie lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass das Risiko anschließend messbar sinkt.
Umweltverbände stellen deshalb sowohl die wissenschaftliche Wirksamkeit als auch die Verhältnismäßigkeit solcher Kampagnen infrage. Bereits 2023 stoppte ein Gericht eine damalige Tötungspolitik der Stadt als unverhältnismäßig. Bei der kurzfristigen Kampagne im Februar 2026 war die Maßnahme schon beendet, bevor über den Eilantrag abschließend entschieden werden konnte.
Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, die Sorgen der Menschen an den Stränden und auf dem Wasser als bloße Angst abzutun. Eine tragfähige Koexistenz muss das tatsächliche Risiko transparent benennen, ohne aus zwei schweren Ereignissen vorschnell auf einen allgemeinen Bestandsanstieg oder eine dauerhafte Verhaltensänderung der Haie zu schließen.
Welche Antworten die Anhörungen liefern müssen
Entscheidend wird sein, welche Daten der CESE-NC auswertet: dokumentierte Sichtungen und Zwischenfälle, Fangdaten, Bewegungsmuster markierter Haie, Nutzung der Küstenzonen und Umweltfaktoren. Ebenso wichtig ist die Frage, wie die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen verglichen wird und nach welchen Kriterien ein Eingriff als notwendig und verhältnismäßig gilt.
Auf dem Tisch können unter anderem Überwachung, schnelle Warnsysteme, zeitlich begrenzte Sperrungen, räumlich geschützte Badebereiche, Regeln für Wassersport sowie klar definierte Schwellen für Fangmaßnahmen liegen. Das sind bislang offene Prüfbereiche und keine angekündigten Empfehlungen des CESE-NC.
Die Qualität des Verfahrens wird sich deshalb weniger an der Zahl der Anhörungen messen lassen als an der Nachvollziehbarkeit des späteren Ergebnisses. Erst ein veröffentlichter Bericht wird zeigen, ob Nouméa aus der Abfolge von Angriffen und Tötungskampagnen eine langfristige, evidenzbasierte Strategie für Mensch und Hai entwickelt.



