Haie sind nach Jahrzehnten in das Wattenmeer zurückgekehrt. Forschende der Wageningen University gehen laut einem Bericht von Omroep Het Hogeland davon aus, dass inzwischen Hunderte bis einige Tausend Weißgefleckte Glatthaie und Hundshaie die flachen Küstengewässer nutzen.
Für Niels Brevé von der Wageningen University und Sportvisserij Nederland ist vor allem die Funktion des Gebiets entscheidend: Die Haie hätten das Wattenmeer wieder als Ort für die Geburt ihrer Jungen entdeckt. Regelmäßige Meldungen über junge Tiere hatten diesen Verdacht bereits genährt.
Vom Verschwinden zur vorsichtigen Rückkehr
Noch in den 1960er-Jahren wurden Haie im niederländischen Wattenmeer häufig von Freizeitfischern gefangen. Danach verschwanden sie weitgehend aus dem Blickfeld. Dass heute wieder beide Arten beobachtet werden, deutet auf eine deutliche Veränderung ihrer Nutzung des Küstenraums hin.
Eine exakte Bestandszählung ist die Schätzung von mehreren Hundert bis wenigen Tausend Tieren allerdings nicht. Sie beschreibt die Größenordnung, die Forschende aus den bisherigen Beobachtungen und Untersuchungen ableiten. Entscheidend ist weniger eine einzelne Zahl als das wiederholte Auftreten junger Haie.
Flache Küstengewässer bieten jungen Haien Schutz
Viele Haiarten suchen für die Geburt und die erste Lebensphase ihrer Jungen flache, produktive Küstengebiete auf. Dort finden die Jungtiere Nahrung und sind großen Meeresräubern weniger stark ausgesetzt als in offenen, tieferen Gewässern.
Das Wattenmeer bietet mit seinen Prielen, Sandbänken und Gezeitenzonen ein Mosaik solcher Lebensräume. Um ein Gebiet als Kinderstube einzuordnen, reichen vereinzelte Fänge jedoch nicht aus. Erst wiederholte Nachweise sehr junger Tiere und weitere Untersuchungen können zeigen, wie regelmäßig und von welchen Arten es genutzt wird.
Vier neugeborene Hundshaie lieferten 2022 einen wichtigen Beleg
Im Sommer 2022 fingen Forschende im Umfeld von Terschelling und Ameland vier neugeborene Hundshaie. Die nur 28 bis 37 Zentimeter langen Tiere waren zu klein für die geplanten Sender, stützten aber erstmals gezielt die Annahme, dass Hundshaie im Wattenmeer ihre Jungen zur Welt bringen.
Auslöser der damaligen Untersuchung waren Hinweise von Garnelenfischern auf große Weibchen und junge Tiere in ihren Netzen. Die Forschenden wollten erwachsene Haie mit Satellitensendern versehen, fanden während der Ausfahrt jedoch keine geeigneten Weibchen. Die kleinen Jungtiere wurden damit zum aussagekräftigsten Fund der Expedition.
Die Kinderstube reicht über Grenzen hinweg
Die niederländischen Funde stehen nicht isoliert. Auch vor Borkum wurden junge Hundshaie nachgewiesen, die auf eine Kinderstube in der südlichen Nordsee hindeuten. Zusammen zeichnen diese Beobachtungen das Bild eines Küstenlebensraums, der nicht an nationalen Grenzen endet.
Für wandernde Haie bilden die niederländischen und deutschen Abschnitte des Wattenmeers ein zusammenhängendes System. Schutz und Forschung müssen deshalb Fischerei, Beifang und wichtige Aufwuchsgebiete grenzüberschreitend betrachten.
Zwei Arten mit unterschiedlichen Lebensweisen
Weißgefleckte Glatthaie sind an ihren hellen Flecken zu erkennen und halten sich häufig über sandigem oder schlammigem Grund auf. Hundshaie können fast zwei Meter lang werden und weite Strecken zurücklegen. Beide Arten sind für Menschen ungefährlich.
Ihre Rückkehr bedeutet daher kein neues Risiko für Badegäste. Sie ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass die flachen Küstengewässer wieder eine ökologische Funktion erfüllen, die über Jahrzehnte kaum sichtbar war.
Weitere Markierungen sollen Wanderrouten sichtbar machen
Um die Rolle des Wattenmeers genauer zu bestimmen, müssen Forschende wissen, wann die Tiere eintreffen, wie lange sie bleiben und wohin sie anschließend ziehen. Markierungen und elektronische Sender können einzelne Wanderungen sichtbar machen; wiederholte Fänge zeigen, ob dieselben Tiere oder ihre Nachkommen in das Gebiet zurückkehren.
Die neuen Schätzungen sind deshalb ein ermutigendes Zwischenergebnis, kein Abschluss der Forschung. Erst langfristige Daten können zeigen, ob aus der Rückkehr eine dauerhafte Erholung wird und welche Bereiche des Wattenmeers für die jungen Haie besonders wichtig sind.



