Der stark gefährdete Schildzahnhai lebt weit verstreut in warmen und gemäßigten Meeren. Seine seltenen Nachweise und sein tiefer Lebensraum machen es jedoch schwierig, Veränderungen seines Areals direkt zu messen. Eine neue Modellstudie kommt nun zu einem auf den ersten Blick widersprüchlichen Ergebnis: Weltweit könnte geeigneter Lebensraum schwinden, während Teile des Mittelmeers für die Art an Bedeutung gewinnen.
Die am 20. Juli 2026 in Diversity veröffentlichte Arbeit von Cemal Turan und Alen Soldo untersucht die heutige und künftige Habitateignung von Odontaspis ferox. Ihre Ergebnisse beruhen auf einem Artenverbreitungsmodell. Sie zeigen also, wo Umweltbedingungen passen könnten – nicht, wie viele Haie dort tatsächlich leben werden.
303 Funddaten und zwölf Umweltvariablen
Für die Analyse stellten die Forscher 303 Vorkommensnachweise aus Biodiversitätsdatenbanken und Fachliteratur zusammen. Nach einer Prüfung auf stark miteinander gekoppelte Variablen verwendeten sie zwölf Umweltfaktoren. Dazu gehörten Temperatur, Sauerstoff, Salzgehalt, Tiefe, Strömungen und Indikatoren für die biologische Produktivität des Meeres.
Mehrere statistische Verfahren wurden gegeneinander getestet. Das Random-Forest-Modell erzielte nach den verwendeten Gütemaßen die beste Vorhersageleistung und bildete deshalb die Grundlage der zentralen Karten. Ein solches Modell sucht wiederkehrende Beziehungen zwischen Fundorten und Umweltbedingungen und überträgt diese auf andere Meeresgebiete.
Die Qualität eines Modells beseitigt allerdings nicht die Grenzen der Eingangsdaten. Der Schildzahnhai ist selten, lebt häufig in großer Tiefe und wird leicht mit verwandten Arten verwechselt. Außerdem spiegeln Datenbanken auch wider, wo besonders intensiv gefischt, getaucht oder geforscht wurde. Eine modellierte Lücke muss daher nicht zwingend eine echte Verbreitungslücke sein.
Hotspots im östlichen und zentralen Mittelmeer
Unter heutigen Bedingungen zeigt das Modell ein stark zersplittertes Verbreitungsmuster. Im Mittelmeer liegen die auffälligsten Eignungsgebiete im Osten und im zentralen Becken. Besonders hervorgehoben werden die Ägäis, der Hellenische Graben und das Ionische Meer. Auch außerhalb des Mittelmeers erscheinen nur bestimmte Küsten- und Inselregionen als geeignet.
Das passt grundsätzlich zur bekannten Lebensweise. Schildzahnhaie halten sich an Kontinental- und Inselhängen, Tiefseeriffen und unterseeischen Bergen auf. Solche räumlich begrenzten Strukturen können geeignete Temperatur-, Nahrungs- und Strömungsverhältnisse bieten, liegen aber häufig weit voneinander entfernt. Die Art verfügt deshalb schon heute offenbar nicht über ein gleichmäßig nutzbares Weltareal.
Ein mögliches Refugium bis zum Jahr 2100
Für die Zukunft nutzten die Autoren das Klimaszenario SSP2-4.5 und betrachteten Veränderungen bis 2100. Dieses mittlere Emissionsszenario setzt weder einen sehr schnellen globalen Klimaschutz noch die höchsten denkbaren Emissionen voraus. Die Karten beschreiben damit einen möglichen Entwicklungspfad, keine sichere Prognose.
Im südöstlichen Mittelmeer sollen Kerngebiete geeigneter Umweltbedingungen weitgehend erhalten bleiben. Gleichzeitig verschiebt und erweitert sich die modellierte Eignung in nördliche und zentrale Teile des Beckens. Die Forscher interpretieren dieses Muster als polwärts gerichtete Verlagerung und als Hinweis, dass das Mittelmeer für den Schildzahnhai zu einem wichtigen Klimarefugium werden könnte.
Global fällt die Projektion deutlich ungünstiger aus. Dort schrumpft die Gesamtfläche geeigneter Habitate. Das Mittelmeer wäre also kein Gewinner des Klimawandels im allgemeinen Sinn, sondern möglicherweise eine Region, in der passende Bedingungen länger bestehen oder neu entstehen, während sie andernorts verloren gehen.
Temperatur und Produktivität bestimmen das Muster
Als wichtigste Einflussgrößen identifiziert die Studie die Wassertemperatur und die Primärproduktion. Letztere beschreibt, wie viel organische Substanz vor allem durch mikroskopische Algen aufgebaut wird und bildet die energetische Basis mariner Nahrungsnetze. Für einen großen Räuber zählt daher nicht nur, ob das Wasser thermisch verträglich ist, sondern auch, ob genügend produktive Nahrungsketten bestehen.
Eine Verschiebung der statistischen Habitateignung bedeutet trotzdem nicht, dass Schildzahnhaie neue Gebiete sofort besiedeln können. Wanderwege, Fortpflanzungsplätze, Beuteverfügbarkeit, Fischereidruck und die Verbindung zwischen Teilpopulationen entscheiden mit. Ein geeignetes Rasterfeld auf einer Karte kann zudem durch intensive Grund- oder Langleinenfischerei zu einer ökologischen Falle werden.
Klimaschutz ersetzt keinen Schutz vor Beifang
Der Schildzahnhai hat vermutlich eine sehr geringe Reproduktionsrate und wird erst spät geschlechtsreif. Unbeabsichtigte Fänge in Grundschleppnetzen, Stellnetzen und Langleinen treffen deshalb eine Art, deren Bestände Verluste nur langsam ausgleichen können. Die mögliche Rolle des Mittelmeers als Rückzugsraum erhöht nach Ansicht der Autoren den Schutzwert des Beckens, sie macht bestehende Gefahren nicht kleiner.
Aus den Modellkarten lassen sich besonders relevante Räume für Beobachtung und Vorsorge ableiten. Dazu gehören die Ägäis, der Hellenische Graben und das Ionische Meer sowie mögliche künftige Eignungsgebiete weiter nördlich. Dort wären bessere artspezifische Fangmeldungen, sichere Bestimmung, schonende Freilassung lebender Beifänge und die Begrenzung schädlicher Fangmethoden wichtige Bausteine.
Ebenso wichtig ist eine grenzüberschreitende Perspektive. Das Mittelmeer wird von vielen Staaten genutzt, während wandernde Haie politische Grenzen nicht beachten. Schutzgebiete, Fischereiregeln und Beobachtungsprogramme müssen deshalb zusammenpassen, wenn ein klimatisch geeignetes Gebiet tatsächlich als Rückzugsraum funktionieren soll.
Eine Hypothese, die im Meer überprüft werden muss
Die Studie liefert eine räumliche Hypothese für kommende Jahrzehnte. Ob sich die erwartete Verlagerung bereits zeigt, lässt sich nur mit neuen Nachweisen, standardisierten Erfassungen und möglichst langfristigen Datenreihen prüfen. Umwelt-DNA, Unterwasserkameras, Fischereibeobachtung und verifizierte Sichtungsmeldungen könnten dabei Lücken schließen, ohne auf häufige Fänge der seltenen Art angewiesen zu sein.
Auch die Modellannahmen sollten mit neuen Klimadaten und zusätzlichen Emissionspfaden wiederholt werden. Unterschiedliche Szenarien können zeigen, welche Gebiete robust als Refugien erscheinen und wo Ergebnisse stark von der zukünftigen Erwärmung abhängen. Entscheidend ist zudem, nicht nur Flächen zu schützen, sondern Verbindungen zwischen geeigneten Lebensräumen zu erhalten.
Die zentrale Botschaft ist deshalb vorsichtig, aber relevant: Das Mittelmeer könnte für den Schildzahnhai im wärmer werdenden Ozean wichtiger werden. Damit aus potenziell geeignetem Wasser ein wirksamer Rückzugsraum wird, müssen Fischereidruck, Wissenslücken und Schutzplanung jedoch gleichzeitig angegangen werden.


